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23.12.2016

„Dem Deutschen Volke“ wird 100 Jahre alt

22 Jahre lang dürfen Abgeordnete im Reichstagsgebäude nicht unter dem Motto „Dem Deutschen Volke“ debattieren. Kaiser Wilhelm II. befürchtet ein Auftrieb von Volkssouveränität. Zwei Jahrzehnte lang wird über einen geeigneten Sinnspruch diskutiert. In dieser Zeit bleibt der vorgesehene Platz für die Inschrift leer. Erst als die Bevölkerung durch die Strapazen des Ersten Weltkriegs immer unruhiger wird, gibt der Monarch nach. Heute vor 100 Jahren wird der Schriftzug angebracht – offiziell ein Weihnachtsgeschenk.

Es sind drei Wörter, die für jeden Betrachter heute wie selbstverständlich zum Reichstagsgebäude dazugehören: „Dem Deutschen Volke“. Tatsächlich thront die Inschrift auf den Tag genau erst seit 100 Jahren über dem Westportal, während der Bau am Spreebogen bereits 1894 fertiggestellt wird. Über 20 Jahre lang verhindert Kaiser Wilhelm II. die Anbringung, dem die Widmung als Zeichen der Volkssouveränität zuwider ist. Der Verlauf des Ersten Weltkriegs und die fatalen Folgen für die Bevölkerung zwingen den Monarchen schließlich zum Einlenken und beenden eine hitzige Debatte.

Schon beim Bau des Gebäudes werden dem Reichstag jahrelang Steine in den Weg gelegt. Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 reicht der Platz im Preußischen Abgeordnetenhaus, zu dieser Zeit Sitz des Parlaments, durch die neu hinzugekommenen Abgeordneten aus Süddeutschland nicht mehr aus. Die Volksvertreter ziehen in ein Provisorium und setzen eine Kommission ein, die sich um einen Neubau kümmern soll.

Die entscheidet sich für den Königsplatz, heute Platz der Republik, als Standort und prämiert 1872 den Entwurf des Architekten Ludwig Bohnstedt. Dessen Pläne finden große Zustimmung in der Öffentlichkeit, werden jedoch vom Berliner Architektenverein abgelehnt. Offizielle Begründung: Bohn-stedt stamme nicht aus der preußischen Hauptstadt. Weitaus schwieriger gestaltet sich noch die Suche nach einem geeigneten Platz für den neuen Sitz des Parlaments. Der zu dieser Zeit noch herrschende Kaiser Wilhelm I., sein Reichskanzler Otto von Bismarck und die konservativen Abgeordneten des Reichstags lehnen den von der Kommission vorgeschlagenen Bau am Königsplatz strikt ab. In ihren Augen rückt das Parlament damit in die Nähe des Regierungsviertels und des Stadtschlosses, bis 1918 kaiserliche Residenz, und wertet die Volksvertretung damit politisch auf – im wilhelminischen Kaiserreich unvorstellbar.

Viele Sprüche, kein gemeinsamer Nenner

Erst 1881 setzt sich das Parlament schließlich durch. 1884 wird der Grundstein nach den Plänen des neuen Architekten Paul Wallot gelegt, zehn Jahre später ziehen die Abgeordneten in den neuen Reichstag ein. Der Giebel über dem Westportal des Gebäudes bleibt jedoch leer. Der von Wallot vorgeschlagene Sinnspruch „Dem Deutschen Volke“ stößt beim Kaiser auf wenig Gegenliebe: Wilhelm II. sieht mit der Inschrift die Volkssouveränität zu stark gewürdigt. Die kaisertreue Zeitung Berliner Lokal-Anzeiger nennt das Vorhaben des Architekten „naiv, beinahe komisch“. Der Reichstag befinde sich im Besitz des deutschen Volkes, das auch Bauherr sei: „Dass der Baumeister dem Bauherrn widmet, ist nicht üblich.“

Die von den Abgeordneten eingesetzte Kommission schlägt „Dem Deutschen Reiche“ vor, Wilhelm II. selbst bringt „Der Deutschen Einigkeit“ ins Spiel. Laut Historikern wollte der Kaiser die Parlamentarier damit „zähmen, disziplinieren und mindestens integrieren“. Selbst die Öffentlichkeit schaltet sich in die Debatte ein. „Seid einig“, will ein Berliner Journalist auf der vorgesehenen Stelle geschrieben sehen, auf den Berliner Straßen macht man sich über den Streit gar lustig: „Dem Deutschen Volke ist der Eintritt verboten“ oder „Quatsch nicht, Krause“, lauten Vorschläge aus der Bevölkerung.

22 Jahre lang kommen die verschiedenen Parteien nicht auf einen gemeinsamen Nenner. Ausgerechnet der festgefahrene Stellungskrieg des Ersten Weltkriegs bringt schließlich wieder Bewegung in die Debatte um den Schriftzug über dem Westportal des Reichstags. Schon 1915 kommt es wegen der Lebensmittelbeschränkungen und Teuerungen zu Krawallen. Da der Bevölkerung durch den florierenden Schwarzmarkt klar wird, dass die Versorgungsengpässe durch das Unvermögen des Staates und weniger der britischen Seeblockade geschuldet sind, beginnt zum Ende des Jahres 2015 hin eine Entzweiung zwischen Bürgern und Staat. 1916 kommen die verheerenden Schlachten bei Verdun und an der Somme mit offiziellen Verlusten von rund 700 000 deutschen Soldaten hinzu.

Der Chef der Reichskanzlei, Arnold Wahnschaffe, erkennt die explosive Stimmung und wagt einen Vorstoß in Sachen Inschrift am Reichstag: Der Kaiser verlöre mit jedem weiteren Kriegstag die Unterstützung der Bevölkerung, schreibt er an den Vertrauten des Reichskanzlers, Rudolf von Valentini. Der Kaiser müsse handeln. Wahnschaffe bringt die Widmung wieder ins Spiel. Deren Anbringung könne das Verhältnis zwischen Bevölkerung und ihrem Staatsoberhaupt wieder zurechtbiegen.

Dieses mal lenkt der Kaiser ein. Zu groß ist die Angst vor einer Rebellion der Massen. Der Architekt Peter Behrens entwirft die 60 Zentimeter hohen Lettern. Ein jüdisches Familienunternehmen wird damit beauftragt, zwei in den Napoleonischen Kriegen erbeutete Kanonen einzuschmelzen. Am 24. Dezember 1916 hängen die drei Wörter schließlich auf einer Länge von 16 Metern am Reichstagsgebäude: ein Weihnachtsgeschenk für die Bevölkerung. Die Parlamentarier debattieren nun unter dem Sinnspruch „Dem Deutschen Volke“ – bis heute. Daran haben auch die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und der Umbau des Reichstagsgebäudes in den 1990er-Jahren nichts geändert.