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Motorsägen-Massaker und Bürgerzorn - wenn in Pforzheim ein Baum fällt, sind Bürgerbeschwerden nicht weit. Fotos: PZ-Archiv
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Grund zur Trauer: Baumstümpfe wecken bei vielen Zeitgenossen negative Gefühle, die sich schnell in Beschwerden bei der Stadtverwaltung niederschlagen.
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Ein junger Baum hat viele Freunde, und Pflanzaktionen können sogar hohen gesellschaftlichen, symbolischen Wert haben.
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Hier ist das Auto nicht der Feind des Baumes, sondern so etwas wie "Essen auf Rädern".
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26.02.2008

Der Deutschen zweitliebstes Kind

Der Deutschen liebstes Kind ist das Auto. Und gleich danach rangiert der Baum auf Platz zwei. Wo sonst als im Heimatland der dunklen Wälder eines Caspar David Friedrichs oder der rauschenden Wälder eines Hermann Löns könnte eine Schlagersängerin wie Alexandra mit einer Ode an einen Baum die Spitze der Hitparade erobern. „Mein Freund, der Baum, ist tot. Er fiel im frühen Morgenrot.“ Das traurige Lied aus den 60er-Jahren trifft heute noch den Kern deutscher Befindlichkeiten.

{ImageR}Als vor 30 Jahren die ersten Baumwipfel in den Mittelgebirgen kahl wurden, schlug die deutsche Volksseele Alarm. Lange bevor der Rest der Welt auf die Umweltschäden aufmerksam wurde, hatten die Baumfreunde hierzulande das Wort „Waldsterben“ geprägt. Das ist inzwischen um die Welt gegangen. Selbst die sonst streng auf die Reinheit ihrer Sprache bedachten Franzosen reden von „le Waldsterben“.

Sichtbares Zeichen der allgemeinen Baumbegeisterung in Pforzheim: die Leserbrief-Seiten der „Pforzheimer Zeitung“. Wenn sich hier die Zuschriften zum Thema Baum häufen, sind zuvor irgendwo in der Stadt Bäume gefallen. Kreischt die Motorsäge in Pforzheim, klagen Anwohner gleich massenhaft über Baumfrevel. Wer hier mit der Säge an einem Baum hantiert, muss sich auf bissige Kommentare und böse Blicke gefasst machen.

{ImageR}Um den vielen Anfragen und Klagen aus dem Weg zu gehen, bringen Mitarbeiter des Grünflächen- und Tiefbauamts der Stadt Pforzheim inzwischen Hinweisschildchen auf den Baumstümpfen an. Mit Verweisen auf mögliche Abholzgründe wie Verkehrssicherheit oder Baumkrankheiten sollen die Wogen der Empörung möglichst früh geglättet werden. Zur Ehrenrettung der städtischen Baumfäller sei gesagt, dass sie das ganz gewiss nicht aus Freude am Baumfrevel tun.

{ImageR}Schon eher macht es ihnen Spaß, neue Bäume zu pflanzen. Das allerdings ist gar nicht so einfach, denn wo ein Baum einmal seine grüne Krone ausbreiten soll, muss Freiraum genug vorhanden sein. Nach oben hin darf er nicht in elektrische Leitungen wachsen oder nebenan wohnenden Familien den Balkon verschatten. Nach unten hin muss sicher sein, dass die Wurzeln nicht den Rohren und Kabeln den Platz streitig machen.

{ImageR}Und nicht zuletzt konkurriert das zweitliebste Kind der Deutschen mit dem liebsten. Wo ein Baum steht, kann schon kein Auto mehr parken. Diese Erfahrung machen viele insbesondere dann, wenn sie beim Parken den Metallic-Lack an der Rinde zerkratzen. Dann freilich ist es mit der Baumliebe zumindest kurzzeitig vorbei.

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