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Polizisten stehen vor einem dreibeinigem Hochsitz. Die Behörden wollen mit Räumungen im Hambacher Forst beginnen. Foto:
Polizisten stehen vor einem dreibeinigem Hochsitz. Die Behörden wollen mit Räumungen im Hambacher Forst beginnen. Foto: Jana Bauch
13.09.2018

«Der Wald geht. Der Wald bleibt»: Räumung im Hambacher Forst

Kerpen (dpa) - Freddy sitzt zehn Meter hoch über dem Waldboden. Er trägt Mütze, Brille und Gesichtsvermummung. Sein Körper ist in gold- schimmernde Rettungsfolie gehüllt, gegen die Kälte. Freddy ist, das muss man ihm in jedem Fall lassen, ein Kommunikator.Immer wieder appelliert er mit lauter Stimme an die Polizisten am Boden: Wollen Sie wirklich dabei mithelfen, einen alten Wald zu vernichten? Wollen Sie Baumhäuser zerstören, in denen manche Menschen schon sechs Jahre wohnen? Und all das für die Kohle, die das Klima anheizt? «Die Befehle, die ihr ausführt, sind Verbrechen!», ruft er. In 20, 30 Jahren werde niemand mehr verstehen, was an diesem Septembertag im Hambacher Forst geschehen sei.

Tief unter Freddy spielt sich eine merkwürdige Szene ab. Joachim Schwister, Baudezernent der Stadt Kerpen, spricht in ein Megafon: «Achtung! Achtung!» In peniblem Verwaltungsdeutsch verkündet er dann das, was die Eskalation um den Hambacher Forst, in dem RWE im Herbst weiter roden will, auf eine neue Stufe hebt. «Die Baumhäuser verfügen nicht über erforderliche Rettungswege», sagt er. Sie seien unverzüglich zu räumen. Auch der Brandschutz sei ein Problem. «Bitte nehmen Sie beim Verlassen der Baumhäuser Ihre persönlichen Gegenstände mit.»

Die Gegenseite reagiert mit Gelächter. Ein junger Mann mit Vollbart lehnt sich hinunter und ruft: «Heißt du Darth Vader oder Lord Voldemort?»

Es ist nicht etwa Widerstand gegen die Staatsgewalt oder RWE, der den Waldbesetzern zu diesem Zeitpunkt vorgeworfen wird, es sind Verstöße gegen das Baurecht, den Brandschutz. Kurios dabei: Während der großen Trockenheit im Sommer geschah nichts, jetzt ist der Wald nach stundenlangem Regen feuchtnass. Mehrfach wird die Megafon-Ansage am Donnerstag wiederholt. Der Ablauf ist immer gleich. Ein Ultimatum von einer halben Stunde verstreicht - und dann kommt das große Gerät.

Meter um Meter arbeiten sich die Behörden so in den Wald vor. Greifer räumen Barrikaden aus Stöcken und Ästen weg. Polizisten lösen auch eine Sitzblockade am Boden auf - die Kirchenleute lassen sich ohne Widerstand wegtragen.

Zuletzt rücken Laster mit Hebekränen an, auf denen Spezial-Polizisten postiert sind - sogenannte Höheninterventionsteams. Unter Freddys Pfahlbau pumpen Beamte ein großes weißes Luftkissen auf. «Seid vorsichtig», mahnt er: «Wenn ich hier runterfalle, bin ich tot.» Kurz darauf wechselt er an einem Seil von seiner Einzelplattform auf eine größere: «Ich hab' keine Lust, mich verhaften zu lassen.»

Der Polizeieinsatz gehört zu den größten der jüngeren Geschichte Nordrhein-Westfalens. Aus ganz Deutschland kommen Beamte. Rund 50 Baumhäuser gibt es im Hambacher Forst. Am Donnerstag bekommt man einen Eindruck davon, wie mühsam und damit langsam ihre Räumung ablaufen wird - vermutlich über Tage.

Die Aktivisten in den Hütten halten den Forst besetzt, um seine Rodung zu verhindern. Einige von ihnen haben sich seit Jahren auf diese Situation vorbereitet und machen es den Polizisten so schwer wie möglich. Die Aktivisten wehren sich nach Kräften dagegen, aus den Häusern gezogen zu werden. Die von manchen befürchtete große Gewalteskalation bleibt zunächst aus, auch wenn die Polizei von Steinwürfen und Zwillenbeschuss berichtet. «Ohne Helm und ohne Knüppel seid ihr nichts!», schallt es durch den Wald.

RWE will den schon in großen Teilen abgeholzten Wald zwischen Köln und Aachen im Oktober weiter roden, um die Braunkohle unter ihm ausbaggern zu können. Dem Energiekonzern gehört der Forst auch. Vor einer Rodung muss er geräumt werden, das war allen klar. Dass die Behörden - an erster Stelle das NRW-Bauministerium - nun mit dem Baurecht argumentieren und nicht mit der Braunkohle, ist eine Pointe des jahrelangen Ringens um den Wald.

Auf einer Holzplattform sitzt ein Aktivist und zupft Blätter von einer Pflanze. «Der Wald geht. Der Wald bleibt. Der Wald geht. Der Wald bleibt», wiederholt er monoton unter den Augen der Polizisten. Man ahnt, welchen Ausgang er sich in dieser Frage wünscht. Für den Hambacher Forst ist es endgültig kurz vor zwölf.