nach oben
Der erste Zoo für Mikroben: Blick in die unsichtbare Welt.
Der erste Zoo für Mikroben: Blick in die unsichtbare Welt © dpa
30.09.2014

Der erste Zoo für Mikroben: Blick in die unsichtbare Welt

Ein rotes Herz aus Plexiglas leuchtet verführerisch auf dem Boden. Ein Pärchen betritt es, umarmt sich zärtlich. Die Lippen treffen sich zum Kuss. Auf dem Videoschirm dahinter rattern Zahlen. Bingo: „Sie haben soeben eine Million Mikroben ausgetauscht.“

 Zugegeben: Diese Botschaft ist so romantisch wie ein Heißwasserboiler. Doch der Kiss-o-Meter gehört auch nicht zu einer Datingshow, sondern ist der flammend rote Eye-Catcher von Micropia. Der weltweit erste Zoo für Mikroben wurde am Dienstag in Amsterdam eröffnet.

Der Amsterdamer Tierpark Artis, mit 176 Jahren einer der ältesten der Welt, erweiterte seinen Tierbestand um die kleinsten und ältesten Lebewesen des Planeten. „Wir wollen kein Reservat für aussterbende Arten sein“, begründet das Artis-Direktor Haig Balian. „Wir wollen zeigen, dass alles in der Natur zusammenhängt.“

Eine elegante graue Box in einem über 140 Jahre alten Gebäude des Zoos ist nun die neue Heimat von Bakterien, Schimmel, Algen, anderen Einzellern und Tieren, die nicht mit bloßem Auge sichtbar sind. Wesen, die das Leben auf dem Planeten erst möglich machen. Forscher schätzen, dass nur ein Prozent dieser kleinsten und ältesten Lebewesen überhaupt bekannt sind.

Bei den meisten Menschen jedoch erzeugt die Vorstellung an die Lebewesen Ekel, Angst - und wahrscheinlich auch einen unstillbaren Juckreiz. „Was man nicht kennt, macht Angst“, sagt Haig Balian. Micropia will diese unbekannte Welt sichtbar machen. „Wenn wir die Natur echt verstehen wollen“, davon ist Balian überzeugt, „dann müssen wir die Mikroben kennen lernen.“

Und das fängt beim eigenen Körper an. „Du bist nicht allein“, säuselt leicht ironisch der muntere „Microman“ in einem Video. Jeder Mensch hat schätzungsweise eine Milliarde Arten Mikroben auf seinem Körper. Das kann jeder Besucher selbst feststellen mit einem Körper-Scan und einem Touch-Screen. „Allein 80 Sorten sind schon auf der Ferse“, sagt Direktor Balian.

Micropia ist eine Erfahrung, ein Museum, ein Labor aber eben auch ein Zoo. „Wir zeigen, wie Mikroben leben, wie sie sich ernähren und sich fortpflanzen“, verspricht der Direktor. Doch wie soll das gehen? Schließlich ist ein Bakterium etwa so klein, dass eine Million davon auf die Spitze einer Nadel passen würden.

Über 12 Jahre tüftelten Mikrobiologen niederländischer Universitäten an dem Konzept. Sie wählten die Organismen aus, die auch in einer künstlich erzeugten Atmosphäre überleben können. Höchst gefährliche Exemplare, wie etwa der Aids-Erreger HIV, sieht man allerdings aus Sicherheitsgründen nur im Modell. Andere werden im Foto oder Film abgebildet - mit ihren fantastischen Formen und faszinierenden Farben sind es wahre Kunstwerke.

Doch Einige der Wesen sind auch zu sehen. Viele so klein, dass man dafür ein Mikroskop braucht. Das deutsche Design-Studio Art+Com entwickelte ein 3-D-Fernglas, das an die Linsen eines Mikroskopes gekoppelt wurde und ein scharfes Bild in tausendfacher Vergrößerung ermöglicht. Nun sieht man die kristallartigen grünen Sterne in einem Wasserbassin - Grünalgen. Mit Hilfe einer Art Joystick kann man sich auch noch durch Miniatur-Landschaften bewegen. Je näher man kommt, umso größer wird die unbekannte Welt.

In einem Glaskasten liegt scheinbar reglos ein langer Wurm aus giftgrünem Schleim. Physarum polycephalum - der Schleimschwamm. Durch die 3-D-Linse sieht man, wie die Masse sich bewegt und nach Nahrung sucht.

In virtuellen Landschaften werden auch extreme Lebensräume von Mikroben gezeigt. Das ewige Eis oder der Reaktor von Tschernobyl. Ein Mensch könnte dort nicht überleben. Warum aber gelingt es den sogenannten Extremophilen?

Vieles dieser faszinierenden Welt ist ein Rätsel. Sicher ist nur, dass manche dieser Wesen sehr mächtig sind. Auf Podesten präsentiert der ungewöhnliche Zoo Mikroben fast wie Stars als gläserne Skulpturen. Dort krümmt sich auch ein eleganter Wurm mit Stacheln: Es ist das Ebola-Virus.