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Ein Deutschland ohne Ausländer würde bedeuten, dass jeder Siebte nicht mehr im Lande leben würde. Und anders als viele Rechtspopulisten es propagieren, würden damit jede Menge Arbeitskräfte und Steuerzahler fehlen.
Ein Deutschland ohne Ausländer würde bedeuten, dass jeder Siebte nicht mehr im Lande leben würde. Und anders als viele Rechtspopulisten es propagieren, würden damit jede Menge Arbeitskräfte und Steuerzahler fehlen. © dpa
05.06.2012

"Deutschland ohne Ausländer" wäre ein Albtraum

Sieben Millionen Menschen wären einfach weg: Das Szenario des Buches «Deutschland ohne Ausländer» von Pitt von Bebenburg und Matthias Thieme widerlegt eindrucksvoll alle fadenscheinigen Argumente von Rechtspopulisten, indem es zeigt: Nichts daran ist wünschenswert.

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Das Buch zieht böse Blicke an. Ob in der U-Bahn oder im Café - stirnrunzelnd schauen viele Menschen auf den fettgedruckten schwarzen Titel: «Deutschland ohne Ausländer. Ein Szenario.» In der Menschenmenge, die fröhlich vom Cover des Buches lacht, sind von einigen nur noch weiße Silhouetten zu sehen. Fast ist man versucht, das Buch schnell wieder in der Tasche verschwinden zu lassen. Aber genau das wollten die Autoren Pitt von Bebenburg und Matthias Thieme: Aufmerksamkeit. Um darüber aufklären zu können, wie so ein Deutschland ohne Ausländer, das einigen Umfragen zufolge mehr als die Hälfte der Bundesbürger wünschenswert fänden, wirklich aussehen würde: Grauenhaft nämlich.

Im Buch fällt eine imaginäre rechtspopulistische deutsche Regierung die radikale Entscheidung: Alle Ausländer müssen zu einem bestimmten Stichtag raus aus Deutschland. Darauf aufbauend entwickeln die Autoren basierend auf Studien, Statistiken und Experten-Interviews ein Szenario, wie es weitergehen würde: Mindestens sieben Millionen Menschen wären einfach weg. Wenn sie ihre deutschen Partner und Kinder mitnähmen sogar noch mehr. Frankfurt verlöre jeden vierten Einwohner, Nürnberg jeden fünften und Nordrhein-Westfalen jeden zehnten. Allein die Logistik, all diese Menschen mit Flugzeugen, Bussen, Zügen und Autos über die Grenze zu bringen, würde die deutschen Verkehrssysteme wahrscheinlich zum Kollaps bringen, schreiben die Autoren.

Die Haushalte von Bund, Ländern und Gemeinden müssten plötzlich auf 50 Milliarden Euro an Steuereinnahmen im Jahr verzichten. Das Vorurteil, dass Ausländer in Deutschland hauptsächlich auf Kosten des Staates leben, widerlegen die im Buch zitierten Studien. Menschen ohne deutschen Pass zahlen zwar statistisch gesehen rund 3000 Euro weniger Steuern pro Jahr, beziehen aber auch weniger Transferleistungen. «Von den Migranten sind im Durchschnitt mehr Menschen produktiv als von den alteingesessenen Deutschen», schreiben die Autoren.

Etwa die Hälfte der Ausländer in Deutschland hat einen Job. Ganze Branchen - beispielsweise die Gastronomie, die Pflege, die Automobilwirtschaft, oder die Reinigungsbranche - ständen den im Buch zitierten Experten zufolge vor dem Zusammenbruch. Es gäbe eine «dramatische Arbeitskräfteknappheit», die letztlich sehr wahrscheinlich zu einem Zwangsregime führen würde, «wo Arbeitslose mit allem Druck etwa in die Putz- und Reinigungsdienste hineingezwungen werden». Das Bruttoinlandsprodukt würde um bis zu acht Prozent sinken, Deutsche müssten zur Kompensation viel länger arbeiten als heute. Und Geld leihen würde Deutschland auch niemand mehr: «Das gäbe sofort einen Börsencrash.»

Für das Zusammenleben der Menschen in Deutschland wäre ebenfalls nichts gewonnen: «Als erstes müssten wir (...) die Illusion einer besseren deutschen Gesellschaft mit deutlich weniger Kriminalität und weniger Kriminalitätsopfern aufgeben, die nach Umfragen viele Deutsche mit einer ausländerfreien Gesellschaft verbinden.» Die Kriminalität würde nicht sinken, im Gegenteil: Um die Ausweisungen durchzuführen, müsste Deutschland sich in einen restriktiven Polizeistaat verwandeln. Das Gewaltpotenzial nähme zu, die Gesellschaft würde in arme und reiche Menschen zerfallen und neue Sündenböcke suchen, an denen der Frust ausgelassen werden kann. «Das gäbe einen Bürgerkrieg.»

International würde Deutschland den Experteneinschätzungen zufolge als erstes aus der EU herausgeschmissen werden. Der UN-Sicherheitsrat würde Deutschland scharf verurteilen. Und auch die ausländischen Touristen - und damit mehr als 26 Milliarden Euro Einnahmen - blieben aus: «Ein fremdenfeindliches Deutschland wäre kein beliebtes Reiseziel mehr für ausländische Touristen.»

Von Bebenburg und Thieme, beides Journalisten, haben sich für dieses Buch durch Berge von Studien und Statistiken gewälzt und viele Experten befragt. Die Literaturhinweise gehen über zehn Seiten, manche Interviews sind vollständig abgedruckt. Wirklich gut lesbar ist das Buch nicht: Zu wenig konnten sich die Autoren zwischen fiktiv ausgemaltem Szenario und trockenem Faktenbericht entscheiden, zu sehr fehlen oft Straffung und Präzision. Trotzdem ist das Ergebnis ein großer Verdienst, weil es offenlegt, wie sehr Zuwanderer inzwischen fest integrierter Bestandteil unserer Gesellschaft sind und weil es jedes fadenscheinige ausländerfeindliche Argument von Rechtspopulisten mit Fakten widerlegt.

Am Ende beruhigt das Buch auch, denn dass in Deutschland wirklich Rechtspopulisten an die Macht kommen, halten die Befragten für äußerst unwahrscheinlich. Zu hoch sind die institutionellen Hürden und zu sehr fehlen stabile Netzwerke, eine kollektive Identität der Rechten und eine charismatische Führungspersönlichkeit. Aber vor Tendenzen in diese Richtung warnen alle Experten - und Beispiele wie das Neonazi-Trio aus Zwickau geben ihnen Recht.

Es gibt keinen Grund, sich ein «Deutschland ohne Ausländer» zu wünschen, das merkt jeder, der dieses Buch liest. Oder, wie der Schriftsteller Günter Wallraff es formuliert: «Das wäre eine grauenhafte Vorstellung. (...) Man müsste sofort auswandern. Ich würde in diesem Deutschland verhungern. Dann gibt es wieder jeden Tag Jägerschnitzel mit Champignons aus der Dose.»

Buchinfo: "Deutschland ohne Ausländer. Ein Szenario", Redline Verlag, München, 240 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-86881338-8

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