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02.03.2008

Die Heimatstadt reich beschenkt

Flieger wäre er gerne geworden, doch er folgte dem Rat eines Zeichenlehrers: „Stocker, werden Sie Architekt.“ Für den jungen Karl Heinz, der aus einer angesehenen Handwerkerfamilie (der Vater war Malermeister, Schlosser der Großvater) stammt, sei es wie ein stiller Befehl gewesen, den er später nach dem Abitur an der Oberrealschule während seines Wehrdiensts in sich trug, erzählt er heute.

Nachdem er in Nordafrika in amerikanische Gefangenschaft geraten war, begann er an der Lagerhochschule Trinidad (Colorado) mit dem Studium der Architektur und des Bauingenieurwesens, zudem belegte er Kurse in Zeichnen, Malen, Modellieren und Aquarellieren. Am Freitag, 29. Februar, hat Prof. Dr.-Ing. Karl Heinz Stocker einen Tag vor seinem 88. Geburtstag seinen Nachlass dem Stadtarchiv vermacht: Pläne und Modelle aus rund 50 Architekten-Wettbewerben, die Entwurfs-Unterlagen, Pläne und Akten seiner Bauten, viele Ordner voll mit Beiträgen zur Stadtgestaltung in Pforzheim, drei Schrankwände mit Dias und über 300 Aquarelle.

Dieses großvolumige Geschäfts- und Wohnhaus setzte Maßstäbe in der City. Karl Heinz Stocker gehörte zu den
Stars der Nachkriegsmoderne neben René Holz, Hansjörg Mosetter, Theodor Preckel und Hans Schürle.“
Christoph Timm, Städtischer Denkmalpfleger über den Blumenhofbau und seinen Architekten
Für Hans-Peter Becht, den Leiter des Stadtarchivs, war es ein Freudentag, „denn es war schon wichtig, dass wir diese einzigartige Sammlung komplett erhalten haben. Wird damit doch über 40 Jahre der Entwicklung unseres Stadtbildes dokumentiert“. Und an Stocker gewandt, sagte er: „All das unterstreicht, wie wichtig Ihnen Ihre Wurzeln als Pforzheimer sind.“ Wobei Becht hofft, dass das Überlassen eines solchen Nachlasses Schule macht, um ein Architektur- und Bauarchiv der Nachkriegszeit einrichten zu können.

Als für Karl Heinz Stocker, der als Jugendlicher Segelflugzeuge entwarf und konstruierte, endgültig feststand, welchen Berufsweg er einschlagen wollte, setzte er nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft sein Architekturstudium in Stuttgart fort. Das Diplom machte er 1949 mit „sehr gut“, er wurde erster wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Baukonstruktion und Entwerfen der TH Stuttgart und begann seine Forschungsarbeit für die spätere Dissertation „Der Kelterbau im Stromgebiet des Neckars“. 1951 kehrte er in seine Heimatstadt zurück, in der die Familie beim Luftangriff auf Pforzheim am 23. Februar 1945 umgekommen war.

Früh an Wettbewerben beteiligt

Anfangs im Büro von Josef Lorscheid (Krankenhaus St. Trudpert, „Troc“-Gebäude) tätig, das später vom früh verstorbenen Gerhard Aeckerle (CongressCentrum, Parkhotel Schloßbergzentrum, IHK) übernommen wurde, war Stocker bald als freier Architekt tätig. Früh beteiligte er sich an Wettbewerben und machte sich dadurch einen Namen. Zu ersten Aufträgen zählten das Wohnhaus Schmidt-Staub am Wallberg, ein Mehrfamiliengebäude in Wurmberg, Schulen in Kieselbronn und Tiefenbronn.

Ein einmaliges und wegweisendes Projekt wurde der Blumenhofbau (1956), zu dem sich nicht nur acht Investoren zu einer Eigentümergemeinschaft zusammengeschlossen hatten, sondern der mit seiner Glasfassade und großen Fenstern, damit die Sonne in die Räume kommt, einen ersten großstädtischen Akzent beim Wiederaufbau der Innenstadt setzte. Auch die Ladengeschäfte hätten einen besonderen Charme gehabt, denn mit dem Einsatz von schwarzem Opalglas und Eloxalrahmen sei erreicht worden, dass das Warenangebot bei den Passanten wirksam zur Geltung gekommen sei.

Was damals mit Feingefühl gestaltet worden war, sei verlorengegangen. Heute beherrschen große Werbeschriften und -tafeln die Fassaden. Leider, so Stocker, habe die Stadt dem keinen Einhalt geboten. Reklame würde die Gebäude heute oftmals „kaputtschlagen“.
Früh war Stocker zum Vorsitzenden der Kreisgruppe Pforzheim des Bundes Deutscher Architekten (1956) gewählt worden, der Vorsitz der hiesigen Gruppe in der Architektenkammer Baden-Württemberg kam bis einschließlich des Jahres 1979 hinzu. Er war Mitglied des Prüfungsausschusses der IHK, vereidigter Sachverständiger für Planung und Ausführung von Geschäfts- und Verwaltungsbauten, Krankenhäuser (das Siloah wurde von ihm geplant), Schulen und Heime.

Professur in Karlsruhe

Im Jahr 1964 wurde Stocker zum Leiter der Abteilung Hochbau der Staatlichen Ingenieurschule Biberach berufen. Er war Dozent für Entwerfen und Gebäudelehre und baute den Fachbereich Architektur der späteren Fachhochschule Biberach auf. 1968 wechselte er als Lehrbereichsleiter für Innenraumgestaltung und Entwerfen an die Hochschule für Technik nach Karlsruhe. An der hatte er eine Professur „übers Rentenalter hinaus bis 1987“, wie er dazu feststellt. Schon zuvor hatte er sich als Architekt zurückgezogen und sich verstärkt der Aquarellmalerei gewidmet.

Durch den Vater, der Jäger (wie später der Sohn) war, habe er eine besondere Beziehung zur Natur, zu Pflanzen Tieren und Menschen erhalten, sagt Stocker. Und was ihn beim Aquarellieren besonders fasziniere, ist im Gegensatz zur Tempera- oder Ölmalerei, dass jeder Pinselstrich sitzen muss. Wobei er darauf verweist, „dass ich stets zum Vergnügen gemalt habe. Jedes Bild ist für mich ein Moment, den ich erlebt habe. Da oder dort.“

Stocker, der in vielen Institutionen und Vereinen aktiv war, hat auch viele Ehrungen erfahren dürfen. Unter anderem ist er Träger des Bundesverdienstkreuzes. Was ihn als „bodenständiger Pforzheimer“, wie er sich selbst bezeichnet, am meisten freut, ist jedoch die Bürgermedaille der Stadt, die er 1992 als einer der Ersten erhalten hat.

Ein bisschen Wehmut

Karl Heinz Stocker, der an der Schellingstraße lebt, hat mehrere Schicksalsschläge erleiden müssen. Zwei Söhne sind früh gestorben, seit Jahren ist seine Frau an den Rollstuhl gefesselt. Glücklich ist er darüber, dass sein dritter Sohn Frank (Remshalden) erfolgreich in seine Fußstapfen getreten ist, die Tochter ist Pfarrerin. Beide haben den Großeltern fünf Enkel geschenkt. Sie werden heute für Leben im vom Jubilar natürlich selbst entworfenen Haus sorgen.

In dem es, nachdem die ersten Bilder und Dokumente vom Stadtarchiv übernommen worden waren, „aussah, wie wenn jemand ausgezogen sei, als ob jemand ein Stück von mir weggerissen hätte“, merkt Karl Heinz Stocker doch mit etwas Wehmut an.