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19.09.2008

Die Leiden der PZler

Wir PZ-Schreiberlinge sind anders als andere unserer Zunft. Wir sind keine berühmten Journalisten wie die Kollegen von „Geo“, „Zeit“ oder „FAZ“, die wichtige Menschen aus Politik und Wirtschaft kennen, zum Informantengespräch nach Paris jetten, Recherche in Dubai betreiben und überhaupt überall auf der Welt zu Hause sind. Nein. Wir PZler sind einfache Menschen, volksnah, auf Augenhöhe mit Ihnen, unseren Lesern. Kurzum: Wir sind zu Hause in Pforze, Aize oder in z’Ersischo.

Deshalb identifizieren wir uns auch stark mit unserem Produkt, mit unserer „Pforzheimer Zeitung“. Sehr stark sogar. PZler sagen „Wir“, wenn sie von der PZ sprechen, oder auch gerne mal „bei uns“.
Jetzt fragen Sie sich bestimmt, auf was das Ganze hier eigentlich hinauslaufen soll? Lange Rede, kurzer Sinn: Wir PZler leiden. Arg. Wir leiden deshalb, weil wir tagtäglich mit ansehen müssen, was Sie, liebe Leserinnen und Leser, mit unserer PZ so alles anstellen, wenn Sie sie fertig gelesen haben. Andere Branchen reden von Produktpiraterie, wir von Produktmissbrauch. Das geht schon derart lange so, dass man da getrost von Tradition sprechen kann.

Oder wollen Sie abstreiten, dass Sie beim Streichen Ihrer Wände nicht gleich mehrere gesammelte PZ-Ausgaben dazu verwendet haben, den Boden auszulegen, um ihn vor Farbflecken zu schützen? Und nicht nur Sie, sondern auch Ihre Kinder und Kindeskinder?

Generationsübergreifender PZ-Missbrauch, Tradition eben, wie schon gesagt. Da kleckst dann mit einem dicken Platsch die weiße Wandfarbe mitten auf die Seite über die Haushaltberatungen, für die Kollegen der Stadtredaktion stundenlang im Pforzheimer Ratssaal absitzen mussten, um hernach im Schweiße ihres Angesichts aus dem trockenen Zahlenmaterial ein ansprechendes und verständliches Gesamtkunstwerk zu kreieren. Wenn Sie unser Produkt schon als Hilfsmittel zur häuslichen Renovierung verwenden müssen, dann basteln Sie sich wenigstens ein Hütchen draus, damit beim Deckenstreichen die Haare nicht gefärbt werden. Mit dieser Alternative könnten wir hier gut leben.

Eine andere Unart, die uns PZlern das Blut in den Adern gefrieren lässt, ist die Zweckentfremdung unserer Zeitung zu Saugzwecken. Ungeniert wird die Doppelseite über das Internationale Reitturnier um den „Goldstadt-Cup“ zusammengeknüllt, um hernach im tropfnassen, ausgelatschten und stinkenden Wanderschuh versenkt zu werden, auf dass er innen trocken werde. Die Kollegen der Sport-Redaktion danken es Ihnen ebenso wie der Fotograf, der stundenlang im Pferdemief am Oxer stand, um den perfekten Schuss zu bekommen.

Immer wieder samstags können wir PZler uns unsere Wochenend-Frustpackung abholen, wenn wir die Einkäufe auf den Märkten in unserem Verbreitungsgebiet erledigen. Da muss der Layouter hilflos mit ansehen, wie die Marktfrau sein Tagwerk einer kunstvoll gestalteten Magazin-Titelseite binnen Sekunden zunichte macht, indem sie den feuchten und mit Erde verkrusteten, erntefrischen Kopfsalat mit ihr verhüllt; oder der Kollege aus der Repro, der Arme, dem es regelrecht Tränen in die Augen treibt, wenn er Zeuge des abscheulichen Aktes werden muss, dass ein Bund Karotten sich in seine diffizile Fotomontage wickelt, an der er den halben Nachmittag gebastelt hat.

Wir sollen uns nicht so anstellen, werden Sie jetzt vermutlich sagen. Aber seien Sie doch mal ehrlich: Können Sie sich überhaupt in unsere Lage versetzen? Nein. Sind Sie Bäcker, dann haben Sie die Genugtuung, dass der Kunde ihr Produkt mit einem seligen Lächeln verzehrt, bis auf den letzten Krümel. Sind Sie Klempner, dann haben Sie die Genugtuung, dass ihr Kunde Ihnen unendlich dankbar ist, dass Sie ihn von der nächtlichen Pein eines stetig tropfenden Wasserhahns erlöst und damit etwas Bleibendes geschaffen haben. Sind Sie Künstler, dann haben Sie die Genugtuung, dass Ihr Kunde sich jeden Tag wieder an Ihrem Kunstwerk erfreuen kann, wenn er es betrachtet.

Sind Sie PZ-Redakteur, dann haben Sie die Genugtuung, dass Ihr Tagwerk zum Entzünden einer Flamme, zum Auslegen von Schubladen und Schränken oder gar zum Verpacken von Biomüll verwendet wird, damit die Tonne nicht so schmutzig wird und stinkt.
Wir PZler leiden. Arg.