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05.09.2008

Die Macht des Schweigens: PZ-Mitarbeiterin erlebt Tage im Kloster

Schweigen, meditieren, tanzen, singen – der Weg zu mehr Gelassenheit kann ganz schön anstrengend sein. Vor allem dann, wenn die innere Stimme in der Stille zum Orkan wird. 23 Teilnehmer eines Seminars sind im Kloster Kirchberg den Weg des Herzensgebets gegangen.

"Oooooh“, tönt es durch die Flure und Räume des Klosters Kirchberg. „Oooooh“ in allen Höhen- und Tieflagen. 23 Menschen sitzen in einem Oval um eine Kerze in einem fensterlosen gewölbten Raum und finden zumindest für kurze Zeit ihre Stimme wieder. Einige der Männer und Frauen haben ihre Augen geschlossen. Während die Töne aus ihren Mündern sprudeln, umspielt ein zufriedenes Lächeln ihre Gesichter. Und dann ist es plötzlich wieder still. So still, dass jedes Geräusch, jede Bewegung sich anhört, als würde ein Düsenjäger durch den Raum donnern. Das Schweigen ist zurückgekehrt in die Gruppe. Die Menschen, die sich für vier Tage zusammengefunden haben auf dem Kirchberg nahe Horb, schweigen freiwillig und das nicht nur ein paar Minuten oder gar mehrere Stunden. Nein, sie schweigen zwei volle Tage, um damit den Weg der inneren Gelassenheit zu gehen. Sie sitzen auch freiwillig regungslos auf kleinen Holzbänkchen oder Sitzkissen. Verharren in der Stille und lassen ihren Gedanken freien Lauf. Solange, bis Seminarleiter Wolfgang Max die Klangschale anstößt und die Teilnehmer mit diesem sanften Ton aus ihrer Meditation holt.

„Wege zur Gelassenheit – Übung im Herzensgebet“ heißt das viertägige Seminar, das verspricht, mit geistlichen Impulsen aus dem sogenannten Herzensgebet gelassener und damit zufriedener durchs Leben gehen zu können und auch Gott näher zu sein.

Majestätisch thront das Kloster auf einem Hügel. Die letzten Nonnen haben 1855 das Haus verlassen, doch der christliche Grundgedanke wird in dem ehemaligen Dominikanerinnenkloster in Kursen und Seminaren zur inneren Einkehr weiter gepflegt. So steht für die 23 Teilnehmer, die sich an diesem sonnigen Donnerstag für vier Tage zufällig mit dem gemeinsamen Ziel der Gelassenheit zusammengefunden haben, am Anfang auch das Stundengebet – eines von vielen, die noch folgen werden. Viermal am Tag werden sie in den kommenden Tagen schweigend die Stufen zum Gebetssaal emporsteigen und für jeweils 20 Minuten beten und singen.

Beim gemeinsamen Abendessen und anschließender Vorstellungsrunde wird deutlich, fast alle Teilnehmer haben einen christlichen Hintergrund, sind Pfarrer, Religionslehrer, Erzieherinnen, Kirchengemeinderäte oder Mitarbeiter der Badischen Landeskirche. Und so formuliert Seminarleiter, Pfarrer und Pforzheimer Klinikseelsorger Wolfgang Max das Ziel der gemeinsamen Tage: „Wir wollen offen werden für das Geheimnis der Gegenwart Gottes in unserem Leben und in der Welt, um dadurch gelassen zu werden.“ Noch darf die Gruppe sich untereinander austauschen, reden, sich vorstellen. Doch damit ist es mit dem Frühstück am Freitag vorbei. Es wird geschwiegen – 48 Stunden lang. Egal, ob beim gemeinsamen Essen, beim Spaziergang oder der Mediation. Ein Blickkontakt, ein Lächeln, ein Augenzwinkern sind die einzigen Kommunikationsformen, die der Gruppe zur Verfügung stehen. „Schweigen eröffnet uns die Freiheit, nicht immer nach außen gehen zu müssen. Wir wollen nach innen hören, was Gott uns zu sagen hat“, erklärt Max und er warnt: „Die innere Stimme kann ganz schön laut werden. Es kann passieren, dass ein innerer Sturm tobt.“ Damit der Sturm nicht zum Orkan wird, unterstützen Max‘ Frau Annegret, Kantorin und Diplommusikerzieherin und Schuldekan Pforzheim Land, Thomas Schwarz, den Seminarleiter. Die beiden Referenten geben über die Tage verteilt Tipps zum richtigen Atmen, zur Leibarbeit, geben geistliche Impulse und erklären tiefenpsychologische Hintergründe. Außerdem betreuen sie die Teilnehmer auch seelsorgerisch.

Mystisch wirkt es, wie die Gruppe am frühen Morgen bei aufgehender Sonne schweigend auf einen Hügel steigt, um mit Blick Richtung Osten die Große Gebetsgebärde zu praktizieren. Die Figuren und Abläufe erinnern an Yoga-Übungen und mit dem Gesicht der aufgehenden Sonne entgegengestreckt, fühlt sich jeder Gott ein Stückchen näher als sonst. Doch schon läuten von unten die Glocken des Klosters. Es ist kurz vor acht Uhr und Zeit für das Morgengebet. Die Schönheit dieses Augenblicks in sich aufsaugend, wandeln die 23 Menschen den Hügel, teilweise barfuß, durch das taufeuchte Gras wieder hinab.
Am Vormittag stehen weitere Übungen an. Durch das Sitzen in der Stille soll das Gefühl der Öffnung mit allen Sinnen noch verstärkt werden. Nach dem Singen verschiedener christlicher Lieder und einem jüdischen Tanz knien die Teilnehmer auf ihren Taize-Bänkchen oder Sitzkissen und geben sich der Stille und der Regungslosigkeit hin. Und auch, als nach 20 Minuten die Meditation endet, herrscht absolute Stille. Beim Essen im Kloster sitzt die Gruppe in einem eigenen Raum, um nicht vom Reden und Lärm der anderen abgelenkt zu werden.

Haben sich Anfangs unter den Teilnehmern noch Grüppchen gebildet, lösen sich diese nun auf. Denn ohne sich mittels Sprache mitteilen zu können, sind gemeinsame Spaziergänge sinnlos. Ein Lächeln und ein Blickkontakt reichen irgendwann nicht mehr aus und so geht jeder schweigend und in sich zurückgezogen seinen eigenen Weg. In den spartanisch eingerichteten Zimmern kann die Stille und Zurückgezogenheit übermächtig werden. Nichts soll Ablenken von der inneren Einkehr. Ein Bett, ein Holztisch, Stühle, ein Waschbecken, ein Kreuz an der Wand und eine Bibel auf dem Tisch müssen ausreichen.
Es ist Samstagabend, als das Schweigegebot bröckelt und sich aufzulösen beginnt. Der Wunsch, sich kurz vor der Abreise mit den Menschen, die man so lange Zeit ohne ein Wort um sich hatte, auszutauschen, wird übermächtig. Grüppchenweise finden die 23 Menschen zueinander – und  reden, reden, reden.

„Es hat mich berührt, wie wir als ganz unterschiedliche Menschen, gemeinsam unsere Mitte gefunden haben“, sagt eine Teilnehmerin und eine andere ergänzt: „Mir ist, als hätte ich ein Geschenk mit ganz vielen Bausteinen ausgepackt und jetzt muss ich sehen, was ich damit zusammenbaue.“ Andere berichten von Empfindungen, die aufgebrochen und geheilt worden sind und wieder andere haben durch Schweigen und Meditieren „die Großzügigkeit Gottes“ gespürt. Ein Teilnehmer bringt eszum Schluss auf den Punkt: „Das, was ich mitnehme vom Kirchberg, bin ich.“