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13.05.2008

Die Pariser Horrorschau: Wenn jugendliche Gewalttäter durch die Stadt ziehen

Oft werden sie von hinten aufgenommen auf ihrer Verwüstungstour. In düsteren Kameraperspektiven, die das graue Sein in Paris' Vorstädten noch ein bisschen grauer färben. Die Hände, befleckt mit Gewalt und Blut der unschuldigen Opfer, sind in den Taschen versteckt. Die gefilmten jugendlichen Schläger tragen alle die gleichen Jacken, auf deren Rücken prangt ein Kreuz, das nach Sarg aussieht. Ist das nicht? ... Ja, das ist es: das Erkennungszeichen der Pariser Electro-Produzenten „Justice", die 2007 für ihr Werk „D.A.N.C.E“ gefeiert wurden.

Nun steht „Justice“ im Mittelpunkt einer öffentlichen Debatte, die weit über Frankreichs Grenzen hinaus hohe Wellen schlägt: In ihrem aktuellen Musikvideo schlägt, pöbelt und randaliert sich eine Jugendbande durch Paris; der Soundtrack zu sieben Minuten feinster Jugendgewalt ist der „Justice“-Song „Stress“; die modische Vorlieben der jungen Schläger – vornehmlich arabischen und afrikanischen Ursprungs – sind bestimmt von Kapuzenjagen mit Kreuz. Sinnlose Gewalt im Zeichen von „Justice“.

Und nicht nur die französische Öffentlichkeit und Presse wundert sich über dem Sinn und den Zweck eines Videos, in der Jugendliche als schlägernd-radalierende Kinder des Zorns um die Ghetto-Ecke kommen. Die linke Tageszeitung "Liberation" fragt sich, ob es sich hier um "eine Provokation oder eine Werbung für den rechtsradikalen Front National von Jean-Marie Le Pen handelt". „Spiegel Online“ stellt derweil die Frage: „Eine Hommage an die Unruhen vom Mai 1968? Zerstörung als Kunst, Zerstörung als Kult?“

Die Handlung des umstrittenen Musikvideos ist einfach gestrickt: Eine Horde wilder Jugendlicher mit Migrationshintergrund schlägt, tritt, demoliert, belästigt. Alles, was ihnen in den Weg kommt. Jeden, der ihren kreuzt.

Auf einer Tour der Gewalt, der die Schläger aus ihrer Vorstadt, ihrem „Banlieu“, über den Bahnhof bis zur Wallfahrtskirche Basilique du Sacre Coeur führt. Wahllos werden Passanten, Besucher einer Bar, Stadtmusikanten und Touristen angepöbelt und geschlagen, deren Hab und Gut eingesackt, beschädigt oder zerstört; Frauen werden begrabscht; als dramatisches Finale wird ein geklautes Auto verbrannt. Der Kameramann wird noch eben beschimpft: „Macht es dir Spaß, das zu filmen, du ....“ Es folgt ein Schimpfwort übelster Gattung.

Die Zeilen aus dem Lied „Hier kommt Alex“ der deutschen Punk-Band „Die Toten Hosen“ könnten das Video thematisch einleiten: „Auf dem Kreuzzug gegen die Ordnung/ und die scheinbar heile Welt zelebrieren sie die Zerstörung,/ Gewalt und Brutalität [...] Vorhang auf, für ein kleines bisschen Horrorschau.“

Das Video schockiert. Und immer ist das Zeichen von „Justice“ auf dem Rücken der Gewalttäter zu sehen. Ein Leitmotiv des Schreckens, ein roter Faden durch den Film unter der Regie von Romain Gavras, Sohn des großen Regisseurs Constantin Costas-Gavras, der nicht zuletzt für seine politisch motivierten Werke Anerkennung gefunden hat.

Das Werk von Gavras junior polarisiert. Die einen nennen es ein provokatives Film-Meisterwerk, die anderen einen Skandal und Gewaltverherrlichung.

Kritiker von „Justice“ vermuten hinter der Allgegenwärtigkeit von deren Erkennungssymbols in der Pariser Horrorshow einen perfiden Marketing-Trick. „Spiegel Online“ berichtet über Gerüchte, dass die Jacken der Schläger bald käuflich zu erwerben seien. Für 700 Euro das Stück.

Ob es den Künstlern hinter dem Video nun um Marketing-Erwägungen, um Provokation oder einen Aufschrei gegen die Zustände in französischen Vorstädten geht – der Plan geht auf. Denn: Das Video erregt Aufsehen. „Liberation“ zählt eine Million Klicks für das Video bei Internetplattformen wie „YouTube“; die Fernsehsender weigern sich hingegen, das Video zu spielen.