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22.10.2008

"Die Platte hat schon manche Nachrufe überlebt"

Ein Tipp für jene, die im Nachtleben beruflich aktiv sind: Stellt Euch gut mit Jaime Peralta. Der ist nicht nur selbst ein hervorragender DJ mit reichlich Erfahrung, sondern ganz nebenbei ein etablierter Vermittler der ganz großen DJs. „Booker“ nennt man so etwas neudeutsch. Wer international bekannte Künstler wie „Milk & Sugar“, „Phats & Small“, Howard Donald, Tyree Cooper oder Filur für ein Gastspiel buchen will, heuert Peraltas Münchner Agentur „2B2M“ an. PZ-news hat sich mit Peralta unterhalten – über Exzesse von Star-DJs, skurrile Gestalten im Nachtleben und seine Lieblingsplatten.

PZ-news: Wir wollen dieses Interview überschreiben mit: "Aus dem Leben eines Bookers". Was gibt es da zu erzählen?
Jaime Peralta: DJ-Booking ist ein sehr facettenreicher Job, man lernt viele interessanten Leute und neue Städte kennen, man muss Augen und Ohren offen halten für neue Trends und neue Künstler, und im Alltag muss man viele E-Mails schreiben und viele Telefonate führen. Das private Wochenende muss öfters mal geopfert werden, um die Künstler zu begleiten, die man verbucht, aber ich mache das gerne, auch wenn meine Freundin nicht so ganz damit einverstanden ist . . .

PZ-news: Ihr Arbeitsalltag dreht sich um DJs und Discos. Woher kommt da der Wunsch, sich auch noch die Nächte als DJ um die Ohren zu schlagen?
Peralta: Lange bevor ich zum DJ-Booking kam, habe ich bereits aufgelegt, mit 16 ging es los mit dem Platten-Kaufen und Auflegen. Nach dem Abitur und abgeschlossener Banklehre hatte ich die Gelegenheit, bei „Avantgarde“ in München ein Praktikum zu absolvieren und war froh, dass ich der Bank den Rücken kehren konnte. Bei der Avantgarde erwartete mich Event-Marketing vom Feinsten, unzählige „Marlboro-Network“-Touren, „Sprite“-Events und viele weitere Veranstaltungen mussten geplant und umgesetzt werden. Dort habe ich gelernt, sowohl mit Kunden als auch mit Locations und immer wieder mit DJs zu kommunizieren. Ich konnte auch Künstler für das eine oder andere Event vorschlagen, da ich mich als DJ mit den DJs aus der House-Szene auskannte.

PZ-news: Aha. Und dann?
Peralta: Aus drei Monaten wurden fast eineinhalb Jahre bei der „Avantgarde“, bis ich mich entschloss, an der Uni BWL zu studieren, was mir aber keinen Spaß bereitete: Mir fehlte einfach die Seite der Kommunikation und die Events. Also ging ich runter von der Uni und machte mein Diplom als Kommunikationswirt und begann meinen ersten reinen Booking-Job bei „Caus-n-ff-ct“. Ein Jahr später gründete ich dann mit meinem Geschäftspartner Oliver Pfund „2B2M“.
Würde ich nicht selber auflegen, wäre ich wahrscheinlich kein DJ-Booker geworden.

PZ-news: Welche Tätigkeit bereitet Ihnen mehr Freude: das Buchen oder das Auflegen?
Peralta: Schwer zu vergleichen. Ich bin der Meinung, dass Booker, die selber auflegen (oder aufgelegt haben), sich besser in die Lage ihrer DJs versetzen können, als wenn sie selber noch nie hinter den Plattentellern gestanden sind. Es macht beides unheimlich viel Spass und beide Seiten brauchen einander.

PZ-news: Man liest, sie seien begeisterter Plattensammler seit 1989. Auf den Besitz welcher Platte sind Sie besonders stolz?
Peralta: Ich habe früher viele Disco-, Funk- und Rock-Klassiker nachgekauft, nur um sie in meiner Sammlung zu haben, aber auch die frühen Techno- und House-Kracher der Jahre 1989 bis 1994 sind heute fast unmöglich oder nur zu hohen Preisen zu finden. Heute habe ich etwa 4.500 Vinyle.

Auf diese Scheiben bin ich besonders stolz. Vor allem darauf, Sie als Original-Maxi zu besitzen und nicht irgendeine Nachpressung:

Michael Jackson, „Thriller“

Al Hudson & The Soul Partners, „You can do it“

Grace Jones, „I´ve seen that face before“ (Libertango)

Madness, “Our House”

KLF, “What time is love?”

Incognito, „Always there“

South Street Player, „Who keeps changing your mind“ (von 1993, mich fragen die Leute heute noch, ob das Stück neu ist und wann es herauskommt...)

PZ-news: Im digitalen Zeitalter sind Platten kein Medium, dem die Zukunft zu gehören scheint. Was wollten Sie in einem Nachruf über die Schallplatte lesen?
Peralta: Die Platte hat schon mehrere Nachrufe überlebt und wird es wohl noch eine ganze Weile tun. Viele Labels bringen weiterhin kleine Vinylauflagen auf den Markt und selbst einige der großen Stars bestehen auf eine Teilauflage in Vinyl, sowohl bei Album- als auch bei Single-Releases. Ich selber lege weiterhin mit Vinyl sowie CDs auf.

PZ-news: Zurück zu Ihrem Beruf: Welche skurrilen Begebenheiten und Bekanntschaften macht man im Nachtleben?
Peralta: Man trifft immer wieder komische Gestalten, als ich vor ein paar Jahren mal Patrick Lindner und seinen (damaligen) Freund auf einer Afterhour gesehen habe, da bin ich dann doch eher bald gegangen ... Skurrile Gestalten kann man alle Jahre wieder auf der „Loveparade“ anschauen, da fragt man sich schon, aus welchen Löchern manche Freaks einmal im Jahr hervor kriechen, Buffalos und Fellpuschen gehören auf den Müll und nicht an die Füße...

PZ-news: Bekannten DJs werden Allüren und Exzessen nachgesagt. Als bekannter Booker müssen Sie es wissen: zurecht?
Peralta: Es gibt solche und solche Künstler, bei steigendem Bekanntheitsgrad heißt es nicht unbedingt, dass die Starallüren zunehmen. Viele Künstler wollen einfach nur eine gute Party mit einer guten Crowd, eine angenehme An- und Abreise, ein gutes Hotel und eine gute Anlage. Normalerweise kündigen sich die Allüren in irgendeiner Art und Weise vorher an, zum Beispiel muss es ein bestimmter Cranberry-Saft oder ein bestimmtes Hotel sein, aber letztendlich Sachen, die man vorab organisieren kann, und dann ist der Star des Abends meistens handzahm, trinkt eventuell dann doch O-Saft und freut sich nach vollendeter Arbeit über sein Bettchen im Hotel. Wer meint, sein Hotelzimmer bei der spontanen Afterhour auseinander nehmen zu müssen, soll dann auch die Folgeschäden bezahlen. Extras wie Pay-TV und stundenlanges Telefonieren nach Übersee zahlen die Herrschaften selber – oder ich ziehe ihnen die Kosten beim nächsten Booking von der Gage ab.

PZ-news: Was sagen Sie jungen Menschen, die bei Ihnen auf der Matte stehen und sagen: "Ich will DJ werden, das ist mein Traumberuf!"
Peralta: "Nur" Auflegen reicht heutzutage nicht mehr, mann muss auch selber Musik produzieren, um überregional/national/international eine Chance zu haben. Ebenfalls sollte man ein Mindestmass an Kommunikation und Selbstvermarktungsgeschick besitzen, um auf sich aufmerksam zu machen, da es zwar viele gute DJs und Produzenten gibt, aber nur Wenige schaffen es bis ganz nach oben.

PZ-news: Was sagen Sie Menschen, die sagen: "Platten auflegen - das kann jeder!"
Peralta: Stell dich vorne hin und mach's besser.

PZ-news: Was können die "plus+"-Besucher von einem Peralta-Set erwarten?
Peralta: Deep House, pumping House, etwas Electro, aber kein Minimal und auch kein Tech House.

Mehr Infos zu Jaime Peraltas Agentur "2B2M" im Internet unter:

www.2b2m.de