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25.05.2012

ESC-Finale 2012: PZ-news berichtet am Samstag im Live-Ticker

Baku (dpa) - Die Frauen sind schrill und wild, die Männer sanft und gefühlvoll: Das Finale des Eurovision Song Contest in Baku wird auch zu einem Wettkampf der Geschlechter und Temperamente.

Bildergalerie: ESC-Finale 2012: Wettkampf der Geschlechter und Temperamente

Die mystische Pop-Hexe Loreen aus Schweden, die stampfenden Trachten-Omas Buranowskije Babuschki aus Russland und die ukrainische Stadion-Einpeitscherin Gaitana messen sich mit geballter männlicher Balladenpower. Sie treffen beim großen Finale am Samstagabend (21.00 Uhr) auf charmante Bubis wie Roman Lob aus Deutschland, Ott Lepland aus Estland oder den britischen Alt-Charmeur Engelbert Humperdinck.

Nach dem zweiten Halbfinale am Donnerstag war klar, dass die Frauen beim ESC wieder den Ton angeben: Zwölf Solo-Interpretinnen stehen im Finale mit 26 Teilnehmern - und bei drei Musikgruppen stehen Frauen an vorderster Stelle. Schon 34 Mal haben Sängerinnen in der Grand-Prix-Geschichte seit 1956 triumphiert, 16 Mal Musikgruppen/Duos und nur neunmal Solo-Männer.

Also keine leichte Aufgabe für Roman Lob & Co., doch dem 21-Jährigen mit dem Welpenblick werden mit seiner eingängigen Ballade «Standing Still» - geschrieben vom englischen Popstar Jamie Cullum - in der Fangemeinde gute Chancen eingeräumt. Auch Engelbert, mit 76 Jahren der älteste Solo-Interpret beim ESC, hat die Fach- und Fanwelt mit seiner starken Ballade «Love Will Set You Free» und seiner freundlichen Coolness überzeugt. Er wird den Wettbewerb am Samstag mit der Startnummer 1 eröffnen, Lob ist als 20. an der Reihe. Als weiterer Balladen-Favorit gilt der Este Ott Lepland mit seinem Ohrwurm «Kuula» (Höre), der vor allem weibliche Fans anspricht.

Ein ganz anderes Kaliber sind da die wilden Weiber des ESC - allen voran Loreen, die mit ihrem Mystik-Dance-Popsong «Euphoria» seit Tagen als Top-Favoritin gehandelt wird. Auch die dunkelhäutige Gaitana macht mit ihrer wilden Tanzshow, Männern in Röcken und einem stadiontauglichen «Be My Guest» eine gute Figur - und Lust auf die Fußball-EM in ihrer Heimat Ukraine, die aber ebenso wie ESC-Gastgeber Aserbaidschan wegen Menschenrechtsverstößen in der Kritik steht. Eine ganz andere Nummer, aber mindestens ebenso schrill, sind die Omis aus Udmurtien: Die sechs Buranowskije Babuschki zwischen 43 und 76 Jahren begeistern mit ihrer Lebensfreude, bunten Trachten, Bastschuhen und ihrem Feiersong «Party For Everybody» die gesamte ESC-Partygemeinde in Baku und vor den Bildschirmen.

Doch auch die Männer können ordentlich Rabatz machen auf der Bühne: Die hyperaktiven Jedward-Zwillinge aus Irland hüpfen zu ihrem neuen Song «Waterline» immer noch wie Flummis über die Bühne, obwohl es fraglich ist, ob sie ihren Platz acht aus dem Vorjahr wiederholen können; die Türken machen mit Can Bonomo und «Love Me Back» Ethno-Rock zum Programm und der Moldauer Pasha Parfeny beweist mit «Lăutar» Lebenslust zwischen Polka und Swing.

Doch viele hoffnungsfrohe Grand-Prix-Nationen werden am Samstagabend nur sehnsüchtig und leicht neidisch nach Baku blicken: Zu den 16 Kandidatenländern, die in den beiden Halbfinals dieser Woche ausgeschieden sind, gehören auch die deutschen Nachbarn Belgien, Niederlande, Österreich und Schweiz. Insgesamt hatten in diesem Jahr 42 Nationen beim ESC mitgemacht.

Trotz aller Freude und der bunten Partystimmung ist der ESC in Aserbaidschan kein Grand Prix wie jeder andere. Die Diskussionen um Menschenrechtsverletzungen und Korruption in dem autoritär regierten Land im Südkaukasus dauern seit Wochen an. Auch in der finalen ESC-Woche wurden in Baku Oppositionelle festgenommen und Demonstranten von der Polizei verprügelt - daran änderte auch die verstärkte Beobachtung der Lage durch internationale Medien nichts.

Am Freitag wollten Regierungsgegner am Rande des ESC bei einer Aktion an der Uferpromenade des Kaspischen Meeres erneut auf Menschenrechtsverstöße in ihrem Land aufmerksam machen. Auch der Westen hat die frühere Sowjetrepublik wiederholt aufgefordert, die demokratischen Grundrechte einzuhalten. Seit Tagen sind mehrere Regierungsgegner in einem Hungerstreik, um damit für die Freilassung politischer Gefangener zu demonstrieren. Die Führung in Baku weist die Vorwürfe stets zurück. Positive Fakten über die Entwicklung des Landes am Kaspischen Meer würden unterschlagen, kritisiert die Regierung um Präsident Ilcham Alijew.