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In der Oberderdinger Laurentius-Kirche hat Star-Tenor Jay Alexander mit

den Calwer Aurelius-Sängerknabenund demStuttgarter

„Melidonie“-Orchester seine CD "Heimat" eingespielt.
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04.03.2008

Eine Kirche wird zum Tonstudio

Auffällige Geschäftigkeit steht der Oberderdinger Laurentius-Kirche ins Haus. Auf dem Platz zwischen Amthofmauer und Kirche parken nicht nur Autos mit den üblichen KA- und PF-Kennzeichen, sondern auch solche aus Stuttgart, Esslingen, Calw und sogar Kempten im Allgäu. Ein Gottesdienst lockt sie nicht hierher. Star-Tenor Jay Alexander hat zu einer CD-Aufnahme eingeladen.

Irgendwie besonders anmutende Menschen eilen, meist mit Musikinstrumenten-Koffern bepackt, schnurstracks in die Kirche hinein. Oder stehen zu mehreren, vielleicht bei einer Zigarettenpause in Fachgespräche vertieft, vor dem Kirchenportal. Auch eine größere Gruppe munter lachender, ungefähr zwölfjähriger Jungs, die sich zum Fototermin mit adretten dunklen Anzügen und weißen Hemden fein gemacht haben, zieht erwartungsfroh in die Dorfkirche ein. Es sind Musiker, renommierte Solisten, ein ganzer Knabenchor und Tontechniker, die gemeinsam mit dem Star-Tenor Jay Alexander (Pfitzenmaier) dessen neueste CD einspielen, begleitet von einem Kamerateam.

Instrumental sowie chorisch begleitete und von Jay Alexander gesungene alte Volkslieder (im Fachjargon heißt das „Traditionsliedgut im klassischen Kleid“), werden aufgenommen. „Heimat“ soll die klingende Silberscheibe lapidar heißen und am 1. April (das ist kein Scherz) erscheinen.

{ImageR}„Heimat bedeutet für mich Landschaft, Kultur, Momente der Erinnerung“, sagt Andreas Kramer, der künstlerische Interimsleiter der Calwer Aurelius-Sängerknaben, beim Interview einer Reporterin ins Mikrophon. Da ist man in Oberderdingen gewiss am richtigen Ort. „Und außerdem fühlen wir uns hier musikalisch wohl“, ergänzt Jay, wie sie den aus Funk und Fernsehen bekannten Tenor hier alle nennen: „Die Akustik ist sensationell, zudem liegt das Gotteshaus gut abgeschirmt vom Straßenlärm.“

In der „Musikkirche“ geht es nach der Mittagspause fast ein wenig chaotisch zu. Das Programm muss umgestellt werden, weil der für ein Stück notwendige Tubist aus Stuttgart den Weg in die beschauliche Stromberg-Gemeinde nicht finden kann und sich verfahren hat. Hektische Handy-Telefonate sind die Folge. Später wird die Programm-Nummer nachgeholt. Hornisten und die Posaunen stimmen sich auf ihren Instrumenten ein. Das versucht auch die Harfenistin, die mit dem Bläserlärm ihre Probleme hat. Geigenkästen, Mäntel und Schals liegen auf den Kirchenbänken. Im Eingangsbereich ist eine reichlich mit Wasserflaschen, Tee- und Kaffeekannen bestückte Tafel aufgestellt. Vor allem Jay, aber auch andere Mitwirkende bedienen sich. Auf dem Musikanten-Podest im hinteren Kirchenschiff sind zahlreiche Notenpulte aufgestellt, an denen die Streicher und Bläser ihren Platz einnehmen als streng zur „Aufnahme“ gerufen wird.

Das Stuttgarter „Melidonie“-Orchester besitzt mit über 30 Instrumentalisten fast sinfonisches Ausmaß. Wenn alle bereit sind, wird auf ein Zeichen „absolute Ruhe“ eingefordert. Der junge Dirigent Adrian Werum nimmt den Taktstock zur Hand, Jay markiert mit weit ausholenden Armen Rhythmus und Tempo, so wie er sich die anstehende Interpretation wünscht. Dann begibt er sich, mit schwarzem Hemd und „Arbeitsjeans“ bekleidet, hinter sein in der Kirchenmitte installiertes Hochleistungsmikrofon. Kabelstränge führen auch von anderen, im Orchester verteilten Mikros zur Sakristei, wo das Aufnahmeteam und die sensible Technik ein Domizil gefunden haben.

Dann geht es zur Sache. Heimeliges Zitherspiel und zartes Harfenzirpen leiten das Lied „Ich habe den Frühling gesehen“ ein, bald bereichern auch Flöte und Klarinette mit ihren charakteristischen Farben die Melodielinien. Über sanften Streicherteppichen entfaltet sich Jays heller, lyrisch feiner Tenor, der, wenn es dem Klangbild dient, auch belcantistische Kontur vorweisen kann. Im ersten Anlauf werden Stimmigkeit und Ausgewogenheit durchgetestet. Jay hört sich den Mitschnitt in der Sakristei an, kleinere Korrekturen sind erforderlich. In einer Passage fehlt es noch an der Einsatzgenauigkeit und der richtigen Akzentuierung. Erst nach dem sechsten Durchgang sind alle zufrieden, auch Tontechnik und Maestro Jay geben ihr Okay.

Die während der Aufnahmen äußerst disziplinierten Aurelius-Sängerknaben kommen mit ihrem A- cappella-Stück „Gott hat alles recht gemacht“ gut heraus und erhalten verdientes Lob. Sie sind Auftritte mit weltberühmten Orchestern und Dirigenten gewohnt und schon richtige Sänger-Profis. Ihr Dirigent berichtet, dass fünf Chorproben zur Vorbereitung der Aufnahmen in Oberderdingen ausgereicht haben. Jetzt klappt alles perfekt. Im Bus von Calw nach Oberderdingen muss es ziemlich ausgelassen zugegangen sein, auch wegen der Schulferien, die den Termin begünstigt haben. Alle waren gespannt auf Jay, den jeder schon zumindest im Fernsehen gesehen und gehört hat. Offensichtlich hat es den jungen Sängern Spaß gemacht. „Er ist locker und cool“, sagt einer.

Nach Ideen von Jay Alexander hat Richard Whiles von der Staatsoper München die traditionellen Volks- und Heimatlieder neu arrangiert. Zu Jays tenoralem Schmelz und den wunderschönen Knabenstimmen ist ein prächtiger orchestraler Sound hinzugekommen, auch die Dramatik mancher Liedinhalte wird dynamisch und kraftvoll herausgearbeitet. Auf das musikalisch hochwertige Produkt aus Oberderdingen darf man also gespannt sein.