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Wandern in der wilden Bergwelt: Mitte Juni lag im Unterengadin oberhalb von 2500 Metern – wie hier beim Aufstieg zur Fuorcla Sesvenna – noch reichlich Schnee. Am Himmel drohen dunkle Wolken.
Wandern in der wilden Bergwelt © Bernhagen
11.07.2008

Einmal eisige Bergwelt und zurück - PZ-Leser auf 3000er-Tour

Eine Szene, die man aus Himalaja-Dokumentationen im Fernsehen kennt.  Ein erfahrener Bergsteiger schimpft über die Teilnehmer einer kommerziellen Expedition: „Die wissen noch nicht einmal, wie man Steigeisen richtig herum anzieht!“ Alles übertrieben, dachte ich bisher. Jetzt sitzen 14 PZ-Leser vor mir und kämpfen mit ihren Gamaschen.

„Wo muss der Riemen hin?“, „Gehört der Reißverschluss nach vorne oder nach hinten?“, „Ach so, die Stiefel muss man vorher anziehen…“ – „Ja…!“ Geduldig bereiten Bergexperte Bruno Kohl und ich, PZ-Redakteur Sven Bernhagen, die alpinen Neulinge auf ihren Gipfeltag bei der Leserwanderung im schweizerischen Unterengadin vor. Von der Sesvenna Hütte soll's auf den 3067 Meter hohen Piz Rims gehen. Trotz sommerlicher Temperaturen liegt hier oben Mitte Juni noch haufenweise Schnee. Knietief sinkt man ein. Deshalb die Gamaschen.

Aber wenigstens scheint die Sonne, nachdem es am Vortag beim Aufstieg durch die berühmte Uina-Schlucht nur geschüttet hat. Sechs Stunden quält sich die Gruppe im strömenden Regen einen Felsenpfad hinauf, der eher einem Sturzbach gleicht. Lediglich die Rast bei der Alpe Uina Dadaint bringt kurz Erleichterung. Im zugigen, aber wenigstens trockenen Heuschober gibt's leckere Buttermilch und Quietscher – frisch geschöpften, im Tuch ausgepressten Käse. Der spektakuläre Tiefblick anschließend? Die beeindruckende, meterdicke Eisschicht in einem der in den Fels gesprengten Tunnels? Die majestätisch auf dem Schlinigpass thronende Alte Pforzheimer Hütte? Nebensache. Die heiße Dusche? Der Trockenraum für die patschnassen Klamotten? Hauptsache. Jetzt ist das alles vergessen.

Heute steht für die meisten der erste 3000er ihres Lebens auf dem Programm. Der Ausdruck auf den Gesichtern schwankt zwischen Vorfreude und Anspannung – „Schaff' ich das?“ Der Schweizer Alpen-Club vermerkt in seinem Führer lapidar: „Über den Schadler (2948 m) und weiter zum Piz Rims (3067 m). Ostgrat. 1,5 Stunden von der Fuorcla Sesvenna. Leicht“ – doch für die PZ-Leser ist es mehr als eine einfache Wanderung. Es ist ein Abenteuer. Ein echtes.

Erstmals verlassen sie die ausgetretenen, markierten Pfade, steigen über unberührte Schneeflanken hinauf. Dazwischen verkeilte Felsblöcke, an denen es heißt, Hand anzulegen. Nur sporadisch weisen kleine aufgehäufte Steintürme – die Steinmänner – den Weg. Der Rest ist Vertrauen in die Orientierungsfähigkeit der beiden Gruppenleiter. „Wenn wir alleine unterwegs sind, lassen wir bei Schnee die Gipfel immer aus“, erklärt das Pforzheimer Ehepaar Peter und Sieglinde Kling, „aber wenn man zwei Führer dabei hat, das gibt einfach Sicherheit.“ Dass das Seil beim Gruppenleiter im Rucksack schlummert, und bei heiklen Passagen jederzeit zum Einsatz kommen könnte, schafft zusätzliches Vertrauen.

Nach zweieinhalb Stunden hat die Gruppe dem Gipfel die erste Besteigung der noch jungen Sommersaison abgerungen. „Das war anspruchsvoller als im Vorjahr, aber überfordert gefühlt, habe ich mich nicht“, sagt der Ersinger Mathias Vielsack, der schon 2007 mit der PZ und Eberhardt-Reisen rund um die Neue Pforzheimer Hütte im österreichischen Sellraintal unterwegs war. Nun genießt er wie die anderen den Blick nordwärts zur Silveretta-Gruppe und südwärts zum Ortler-Massiv.

Nur zwei müssen der Anstrengung Tribut zollen und bleiben am Vorgipfel, dem Schadler, zurück. Edda Henrich ist trotzdem stolz. „Es war ganz arg schwer, aber ich bereue es nicht. 2900 Meter – die hab' ich geschafft“, strahlt die Pforzheimerin.

Im Abstieg plagt die dünne Bergluft dann nicht mehr ganz so sehr. Mit jedem Meter das langgezogene Sesvenna-Tal hinaus, nimmt die Lebensfeindlichkeit der Umgebung ab. Die Welt wird wieder grüner, die alpinen Herausforderungen sind vorbei. Doch wo der erfahrene Berggänger nun schnellen Schritts dem Feierabendbier entgegeneilt, entdeckt der Bergnovize die Langsamkeit. Hier eine Blume, dort ein anmutig gefärbter oder geformter Stein. Ein rauschender Bach, Wasserfälle. Und hat da nicht ein Murmeltier gepfiffen?

Die Gamaschen sind vergessen. Jetzt sind die Anfänger die Lehrmeister, von denen man sich abschauen kann, nicht nur die großen Gipfel zu sehen, sondern auch die faszinierenden Kleinigkeiten der Bergwelt.
Dass es vor allem aber die Stille ist, die die Berge auszeichnet, wird den Wanderern am nächsten Tag richtig bewusst. Je weiter sie das tief eingeschnittene Clemgia-Tal von S-Charl nach Scoul hinab steigen, desto höher wird die Touristendichte. Welch eine Wohltat war da doch die zehnstündige Tour am Vortag, bei der der Gruppe keine einzige Menschenseele begegnet ist.