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Elisabeth Käsemann - Foto: dpa
Elisabeth Käsemann
03.06.2014

Elisabeth Käsemann - Ein Mord im Schatten der WM?

Eine junge Deutsche wird 1977 in Argentinien ermordet. Auch wenn die damalige Junta für ihren Tod verantwortlich gemacht wird, sind die genauen Umstände bis heute ungeklärt. Die ARD widmet dem Fall Elisabeth Käsemann jetzt eine eigene Dokumentation.

Vergewaltigt, verschleppt, gefoltert und getötet: Es ist das tragische Schicksal der jungen Studentin Elisabeth Käsemann, die am 25. Mai 1977 von der argentinischen Militärdiktatur unter dem Präsidenten General Jorge Rafael Videla ermordet wird. Die ARD zeigt die Dokumentation «Das Mädchen - Was geschah mit Elisabeth K.?» an diesem Donnerstag (22.45 Uhr). Dass sich an diesem Tag ein Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Argentinien zum 35. Mal jährt, ist kein Zufall.
Kurz vor der Weltmeisterschaft 1978 flogen die Nationalspieler um Berti Vogts und Karlheinz Rummenigge nach Buenos Aires, um sich mit dem lateinamerikanischen Team zu messen. Die Spieler wussten, anders als der DFB selbst, nichts vom Fall der jungen Frau - die bereits seit zehn Tagen tot war. Man hatte es ihnen einfach nicht gesagt. Die Partie sollte unter allen Umständen stattfinden.
Zuvor hatte Elisabeth Käsemann rund zehn Jahre in Argentinien gelebt und studiert, wollte in den Slums helfen. Nach dem Militärputsch 1976 schloss sie sich einem Netzwerk an, das vom Regime Verfolgte mit gefälschten Papieren außer Landes brachte. Zwischen 1976 und 1983 wurden in Argentinien mehr als 30 000 Menschen - Gegner des Regimes oder Menschen die als solche eingeschätzt wurden - umgebracht.
Viele dieser Menschen wurden über dem Meer aus Hubschraubern und Flugzeugen geworfen. Andere kamen in Gefangenenlager, wurden gefoltert und oft auch getötet. Eine von ihnen war Elisabeth Käsemann, die wie viele andere Ausländer festgenommen wurde. Die Botschaften und Konsulate anderer Länder, wie zum Beispiel Frankreich oder England, bemühten sich um ihre Staatsbürger - oft mit Erfolg. Im Fall der letztlich durch vier Schüsse in den Rücken getöteten Studentin, was eine spätere Obduktion in Deutschland ergab, war Deutschland nicht aktiv geworden. Obwohl sich die Familie mehrmals und eindringlich an die entsprechenden Stellen wandte.
Der Fall Käsemann wird von den Zeugen im Film unterschiedlich bewertet: ihr damaliger Freund, enge Wegbegleiter und ihr Bruder, Ulrich Käsemann, zeichnen das Bild einer friedlichen und lebenslustigen jungen Frau. Der damalige deutsche Botschafter in Argentinien, Jörg Kastl, hingegen ist sich sicher, sie hätte auch eine Waffe in die Hand genommen. Oft wurde sie auch als Terroristin bezeichnet - ein unfassbarer Vorwurf für die angesehene Familie. Vater Ernst Käsemann war ehemaliger Professor für evangelische Theologie an der Eberhard Karls Universität in Tübingen. 
Zwei Jahre lang beschäftigte sich der Fernsehjournalist Eric Friedler, der unter anderem mehrfach mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, mit dem Fall der jungen Studentin aus der schwäbischen Kleinstadt, die auch mit Rudi Dutschke, dem Wortführer der Studentenbewegung in den 1960er Jahren befreundet war. Friedler befragte Mitinsassen, hochrangige Politiker und einen verurteilten Wärter aus dem Gefangenenlager «Vesubio», in dem Käsemann gefangen gehalten wurde und ihren 30. Geburtstag erlebte - ihren letzten. Die Insassen nannten «Vesubio» nur: «die Hölle».
Das Auswärtige Amt legt bis heute Wert auf die Sprachregelung, dass es sich politisch einwandfrei verhalten habe. Für die deutsche Politik war die junge Frau einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Die Dokumentation über das «Mädchen Käsemann», wie sie der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) einmal genannt haben soll, ist ein Film, der den Zuschauer in die Geschichte zieht und nachdenklich stimmt, auch aus heutiger Perspektive.
Der Film sei wichtig und notwendig, sagt Ulrich Käsemann am Rande der Filmvorstellung in Tübingen. Die Menschenrechte dürften nicht ignoriert werden - auch nicht wegen des Sports. Das Fußballspiel im Jahr 1977 ging ohne Protest über die Bühne. Deutschland gewann 3:1.