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18.04.2008

Ende eines Spürhunds

Die Karriere des Gerd Heidemann ist nicht in den üblichen Bahnen verlaufen, die irgendwann in die Chefredaktion führen. Heidemanns Karriere war eine andere, die vom talentierten Schreiber zum Star-Reporter, zum Mann mit einer der besten Spürnasen in der deutschen Presselandschaft. Nur einmal trog ihn diese Nase – als er glaubte, die geheimen Tagebücher Adolf Hitlers entdeckt zu haben. Ein Irrtum mit fatalen Folgen.

Das erste Leben des Gerd Heidemann endet am 6. Mai 1983. Sein Leben tröpfelt aus den Tickern der Nachrichtenagenturen, die in aufgeregten Schlagzeilen melden: Alles eine Fälschung. Die Hitler-Tagebücher sind nicht echt. Der „Stern“ saß einem Betrüger auf. Und mittendrin: Gerd Heidemann, vor den Trümmern seiner Existenz kauernd.

Heidemann kommt am 4. Dezember 1931 in Hamburg-Altona zur Welt. Ein Junge aus einfachen Verhältnissen, einer, der 1944 verstört inmitten der Ruinen des zerbombten Hamburgs steht. Den Krieg und die Nazis – beide wird er nie wieder los.

Nach der Volksschule will Heidemann Kameramann werden, scheitert aber an der Eignungsprüfung. Er beginnt eine Elektrikerlehre, bricht sie wieder ab und landet bei einem Fotografen als „Bildberichter in Ausbildung“ und schließlich in einer Bildagentur. Dort macht er sich schnell einen Namen, seine Fotos landen in mehreren Zeitungen und Magazinen, sogar in „Zeit“, „Spiegel“ und „Stern“. Heidemann macht nicht nur brillante Fotos, er liefert auch noch die Geschichten zum Bild.

Der junge Journalist will raus in die Welt, er liefert Fotos aus Rumänien, dokumentiert einen Bandenkrieg in Sardinien – und erhält 1955 die ersehnte Anstellung als fester freier Mitarbeiter beim „Stern“. Eine autorisierte Biografie Heidemanns auf der Homepage www.jungemedien-hamburg.de zitiert aus Heidemanns Tagebuch: „Nun habe ich es endlich geschafft. Stern-Reporter!“

In den folgenden Jahren macht sich der begeisterte Schachspieler Heidemann vor allem einen Namen als Spürhund. Seine Spezialität: Verschwundene Menschen finden. So jagt er den geheimnisvollen Schriftsteller B. Traven um die halbe Welt – nach vier Jahren spürt er den Mann in Mexiko auf, eine Sensation.

1964 schickt „Stern“-Verleger Henri Nannen seinen Reporter in den Kongo. Dort herrscht blutiger Bürgerkrieg. Heidemann liefert eine sensationelle Reportage ab, die der „Stern“ abdruckt – und die ihm Meriten einbringt: Er erhält 1965 bei der „World Press Photo“ den ersten Preis und die Goldmedaille für seine Fotoreportage aus dem Kongo.

Der Lebensretter

In Jordanien rettet er seinem Kollegen Randolph Braumann, damals ein berühmter Kriegsberichterstatter, das Leben. Braumann war von Palästinensern entführt und zum Tode verurteilt worden. Heidemann verweigert Nannens Befehl, nach Hamburg zurückzukehren. Er bleibt – und trägt entscheidend dazu bei, dass Braumann und 16 weitere Geiseln freikommen. Braumann schlägt Heidemann daraufhin für das Bundesverdienstkreuz vor. Das erhält er zwar nicht, ein Held ist er trotzdem

Und immer noch ein Spürhund. Ende der 70er-Jahre spezialisiert Heidemann sich auf alte Nazis, die sich vor allem in Südamerika verstecken. In der „Berliner Zeitung“ erinnert er sich 2002: „Es gibt keinen anderen Reporter, mit dem diese Leute in Südamerika so oft gesprochen haben.“ Was auch daran liegt, dass Heidemann eine unheilvolle Nähe zum Nationalsozialismus entwickelt. Das beginnt damit, dass er 1972 die „Carin II“ kauft, die alte Yacht von Hermann Göring, Reichsluftmarschall im Dritten Reich und Hitlers Intimus. Heidemann will die Yacht restaurieren und mit Gewinn verkaufen – allerdings wird er das Schiff nicht los. Stattdessen beginnt Heidemann zu recherchieren, lernt ehemalige SS-Generäle kennen und freundet sich mit ihnen an. Als Heidemann 1978 zum vierten Mal heiratet, sind die ehemaligen Generale der Waffen SS, Wilhelm Mohnke und Karl Wolff, Trauzeugen.

Der Reporter hat Feuer gefangen und bewegt sich immer tiefer im braunen Sumpf. Er sammelt voller Begeisterung Nazi-Devotionalien und hat die fixe Idee, dass Martin Bormann, Reichsminister unter Hitler, noch lebt. Er macht sich auf die Suche – natürlich vergeblich.

Trotzdem ist Heidemann ein Star – der unwissend das Ende seiner Karriere einläutet, als er 1979 erstmals von angeblichen Hitler-Tagebüchern hört. Der „Stern“-Ressortchef für Zeitgeschichte, Thomas Walde, setzt ihn auf die Geschichte an, Heidemann recherchiert. Schließlich stößt er auf einen gewissen Konrad Fischer, der ihm Zugang zu mindestens 27 Tagebuch-Bänden verschaffen will.

Am Ende kauft Heidemann dem Tagebuch-Lieferanten im Auftrag des „Stern“ 62 Bände ab, für die der Verlag insgesamt 9,3 Millionen Mark an Fischer zahlt.

Fischer, der tatsächlich Konrad Kujau heißt, behauptet später, nur einen Bruchteil des Geldes erhalten zu haben. Den Rest habe Heidemann eingesackt. Der streitet dies vehement ab und bleibt auch vor Gericht bei seiner Aussage. Doch er hat schlechte Karten: Tonbänder, die Heidemann angeblich entlasten, dürfen nicht vorgespielt werden, das Hamburger Landgericht verurteilt ihn 1985 zu vier Jahren und acht Monaten Haft. Sein Antrag auf Revision wird ohne Begründung abgelehnt.

Der 76-Jährige lebt heute in Hamburg, zeitweise war er auf Sozialhilfe angewiesen. Während Fälscher Kujau von seiner Popularität profitierte, brach die „Tagebuch“-Affäre dem Reporter beruflich das Genick:

Von Gerd Heidemann ist seit dem 6. Mai 1983 keine Zeile mehr gedruckt worden.