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Die Dorfbewohner von Insel protestieren gegen die ehemaligen Sexualstraftäter in ihrem Dorf. Foto: dpa
insel © dpa
21.09.2011

Entlassene Sexstraftäter bringen Dorf in Aufruhr

Insel. Früher, sagt Claudia Bartels, war es in Insel immer schön. «Da trafen sich draußen die Leute und saßen beisammen. Es herrschte Ruhe und Harmonie im Ort.» Seit ein paar Wochen aber sei es damit vorbei. Seit durchsickerte, wer da in das 400-Einwohner-Dorf bei Stendal in Sachsen-Anhalt gezogen ist: Zwei aus der Sicherungsverwahrung entlassene Sexualstraftäter. In Insel herrscht seitdem der Ausnahmezustand.

An drei Abenden in der Woche, immer montags, mittwochs und freitags um halb sieben, versammeln sich jetzt Bürger vor dem Haus. An diesem Abend sind es rund 60 Männer, Frauen und Kinder, die lautstark in Trillerpfeifen und Tröten pusten. Einige halten Plakate hoch, auf denen sie den Wegzug der neuen Nachbarn fordern: «Wir wollen keine Sexualstraftäter in unserem Dorf.»

Gemeint sind Richard A. und Thomas L. (Namen geändert). Sie wohnen seit dem Sommer dort. Beide vergewaltigten vor mehr als 20 Jahren mehrere Frauen. Beide kamen nach ihrer Haftstrafe in Sicherungsverwahrung, die - zum Schutz der Bevölkerung - rückwirkend immer wieder verlängert wurde. Mehr als 20 Jahre verbrachten A. und L. auf diese Weise in Gefangenschaft. Bis 2009. Da entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass dieses Vorgehen unzulässig ist. Im Oktober 2010 wurden A. und L. entlassen - obwohl Gutachten sie als nicht ungefährlich einstuften.

In Freiburg wurden die beiden Männer sieben Monate lang rund um die Uhr von bis zu fünf Polizisten gleichzeitig überwacht. Bis ein Therapeut schließlich bescheinigte, dass von ihnen keine Gefahr mehr ausgehe. Und auch, weil A. und L. sich an alle Auflagen hielten. Die Männer zogen daraufhin nach Sachsen-Anhalt. Ein Tierarzt, der sich um ihre Wellensittiche gekümmert hatte, wollte ihnen eine Chance geben - und vermietete ihnen das geerbte Giebelhaus in Insel.

«Die beiden wollten einen Neuanfang wagen», sagt ihr Anwalt Ekkehard Kiesswetter. Das Haus renovieren, sich um den großen Garten kümmern, eine Beschäftigung suchen. Anwalt, Tierarzt und Bewährungshelfer hielten das für eine gute Idee. «Wir hatten gehofft, dass sie dort Kontakte aufbauen, ein normales Leben leben können.»

Vier Wochen dauerte es - und ganz Insel wusste, was die neuen Nachbarn für eine Vergangenheit hatten. In dem kleinen Ort ging von nun an die Angst um. Frauen trauen sich im Dunkeln nicht mehr raus, Kinder dürfen allein gar nicht mehr nach draußen. Irgendwann standen die ersten Demonstranten vor dem Haus.

Der Aufruhr in Insel ist kein Einzelfall. Auch in Heinsberg in Nordrhein-Westfalen, in Joachimsthal in Brandenburg und im sachsen-anhalterischen Quedlinburg gingen die Bürger gegen entlassene Sexualstraftäter auf die Straße.

Der Direktor am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht, Hans-Jörg Albrecht, bezeichnet solche Proteste als Hysterie. «Die Politik hat das ausgelöst. Weil sie fokussiert ist auf Sexualstraftaten und Sicherungsverwahrung.» Dabei seien die Rückfallraten bei Sexualstraftätern und bei Tötungsdelikten am niedrigsten.

Der Experte für Sicherungsverwahrung, Arthur Kreuzer, erklärt, dass die Lage in Insel vor allem eines zeige: «Wie wichtig es ist, die Leute vernünftig vorzubereiten. Das wurde in der Vergangenheit versäumt.» Vor allem die Politik habe nicht dafür gesorgt, angemessene Übergangsunterkünfte für ehemalige Sicherungsverwahrte zu schaffen.

Damit in kleinen Kommunen keine Atmosphäre der Angst entstehe, müssten die Bürger von vornherein eingeweiht werden, meint Kreuzer. Hilfreich sei zum Beispiel, Fachleute einzuladen, die etwa über die eher geringen Rückfallraten informierten.

Vor dem Haus von A. und L. steht nun seit einigen Wochen ein Polizeiauto. Die Männer aus Baden-Württemberg trauen sich nicht mehr auf die Straße, auch, weil Rechtsextreme sich den Protesten angeschlossen haben. Nach Angaben ihres Anwalts sind sie mittlerweile bereit, den Ort zu verlassen. «Wenn ihnen der Staat eine Wohnung zur Verfügung stellt, würden sie gehen.» Bisher habe es aber noch keine entsprechenden Angebote gegeben. dpa