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Die Sexismus-Debatte in Deutschland wird eine Runde weitergedreht. Alice Schwarzer, Urmutter der Emanzipationsbewegung, und die siebenfache Mutter und CDU-Politikerin Ursula von der Leyen sind sich einig: Sexuelle Belästigung sollte geächtet werden. Das schreiben die Frauenrechtlerin und die Arbeitsministerin in «Es Reicht! Gegen Sexismus im Beruf». © dpa
18.04.2013

"Es Reicht!": Schwarzer und von der Leyen schreiben gegen Sexismus

Alice Schwarzer und Ursula von der Leyen (CDU) sind sich einig: Sexuelle Belästigung sollte geächtet werden. Schreiben die Frauenrechtlerin und die Arbeitsministerin in «Es Reicht! Gegen Sexismus im Beruf». Es liegt an Rainer Brüderle, dass der Band mit Aufsätzen von 15 Autoren nun auf dem Markt ist. Unfreiwillig hatte der FDP-Fraktionschef zu Jahresanfang eine breite Debatte über Sexismus ausgelöst.

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Eine Journalistin warf ihm anzügliche Bemerkungen vor, die Empörung war groß. In den USA hätte ein Politiker nach solchen «Enthüllungen» in den Ruhestand gehen müssen, sagt Schwarzer der Nachrichtenagentur dpa zur Buch-Erscheinung am Donnerstag.

Brüderle ist bekanntlich trotz des Wirbels im März zum FDP-Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl gekürt worden. «Das zeigt, dass die FDP noch sehr weit entfernt ist von einem Mindestmaß an Sensibilisierung in Sachen Sexismus», kommentiert das die Chefin der feministischen Zeitschrift «Emma» im Gespräch.

«Das Problem sind nicht individuelle Ausrutscher einzelner Unverbesserlicher, das Problem ist struktureller Natur. Denn es geht hier nicht um Sex, es geht um Macht», schreibt die streitfreudige Herausgeberin. Bedrängen, Betatschen, Erniedrigen - das alles nennt sie «herablassende Machtdemonstrationen». Von Männern, die sich nicht damit abfinden könnten, dass Frauen zunehmend auch im Beruf präsent sind. Sexismus sei ein Massenphänomen.

Vor allem Professorinnen und Journalistinnen äußern sich in «Es Reicht!», aber auch Bloggerin Anne Wizorek. Sie hatte unter dem Hashtag #Aufschrei eine Twitter-Lawine ausgelöst, Tausende hatten über erlebte Attacken berichtet. Das habe ihr klar gemacht: «Wir alle machen diesen ganzen Scheiß jeden Tag mit!» Und Zimmermädchen Anna berichtet über dauernde «schmierige Angebote» von männlichen Hotelgästen und bilanziert aus dem eigenen Arbeitsumfeld: «Je jünger die Frau und je niedriger ihr Status, desto derber die Anmache.»

Auch Schwarzer sagt der dpa: «Ich vermute, dass es unübersehbar selbstbewussten, starken Frauen weniger passiert.» Es reiche nicht, sich über Twitter auszuweinen. «Auch die Frauen in Deutschland gehen ja gerade jetzt darüber hinaus.» In Amerika sei man schon weiter.

Von der Leyen fragt in dem Buch: «Wie schaffen wir den offenbar dringend notwendigen Bewusstseinswandel, ohne bei den Instrumenten über das Ziel hinauszuschießen?» Mindestens jede fünfte Frau habe laut Umfragen schon mal sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt. Die aktuelle Diskussion mache Frauen deutlich: «Du hast jedes Recht, das nicht zuzulassen!» Zugleich mahnt die CDU-Politikerin: «Viele Männer fühlen sich durch die aktuelle Sexismusdebatte unter Generalverdacht gestellt. Das darf nicht sein.»

Schwachpunkt an dem Band: Mehrere Aufsätze waren schon an anderer Stelle zu lesen, vor allem in «Emma». Auch Angela Merkel (CDU) ist drin in dem neuen Buch. Nicht als Autorin, auch nicht als Kanzlerin, sondern als Frauenministerin der 90er. Das «Gesetz zum Schutz der Beschäftigten vor sexueller Belästigung» sei Merkels Initiative zu verdanken, lobt Schwarzer. Hohn und Spott sei damals über «Kohls Mädchen» ausgegossen worden. Und doch habe Merkel nicht locker gelassen und einen «Meilenstein» gesetzt. Dank der heutigen Regierungschefin werde sexuelle Belästigung im Job damit seit 1994 juristisch geahndet. «Zumindest theoretisch.»

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