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14.12.2016

Experte: Video von Tret-Attacke aktiviert Stereotype

Berlin (dpa) - Das Video aus einer Überwachungskamera half bei der Suche nach dem Mann, der im Oktober eine junge Frau in einer Berliner U-Bahn-Station die Treppe hinuntertrat. Sie brach sich den Arm. Seit Mittwoch ist der Name des Täters bekannt, gefasst ist er zunächst noch nicht.Ein Phänomen bleibt das Video der Tat, das im Internet binnen weniger Tage tausendfach angeklickt und geteilt wurde. Für Martin Emmer, Kommunikationswissenschaftler an der Freien Universität Berlin, hat das viel mit Stereotypen zu tun.

Frage: Warum haben Millionen Menschen dieses Video angeschaut oder auch weitergeleitet?

Antwort: Das Video hat Merkmale, die es für Nutzer attraktiv machen - obwohl es natürlich eine schlimme Szene ist. Es zeigt eine sehr alltägliche Situation, in die wir alle geraten könnten. Damit fühlen wir uns dem Geschehen persönlich sehr nah. Und das nicht nur als Berliner. Dieses Gefühl «Das hätte ja ich sein können» macht betroffen und fasziniert zugleich. Es spielt aber sicher auch eine Rolle, dass am Ende ja zum Glück nichts so Dramatisches passiert ist. Die Frau hat sich verletzt, aber sie ist nicht tot oder verstümmelt bis ans Ende ihres Lebens. Wenn das geschehen wäre, gibt es Schranken. Da wendet man sich eher ab und schaut das nicht immer wieder an.

Frage: Steckt auch Empörung oder eine Portion Voyeurismus dahinter?

Antwort: Ein Faktor ist die sehr eindeutige Darstellung, dazu kommt die Personalisierung. Wir sehen die Täter. Damit können wir unseren ganzen Ärger auf sie projizieren. Bei solch scharfen Bilden haben wir dann auch gleich ein Image im Kopf: Aha, die Jungs mit der Bierflasche. Da werden Stereotype aktiviert. Sie lassen uns das Gesehene schnell einordnen. Schemata sind für unseren Kopf immer leichter zu verstehen - auch daher rührt diese Faszination.

Frage: Spielt es eine Rolle, dass ein Mann einer Frau Gewalt antut?

Antwort: Ja, denn auch das ist ein Stereotyp, das in unserem Kopf sofort aktiviert wird: Der Mann als Täter, die Frau als Opfer.

Frage: Und das desinteressierte Weitergehen der Begleiter? Einer hebt zum Schluss eine Flasche auf, anstatt der Frau zu helfen. Das wirkt völlig skurril.

Antwort: Das hat auch etwas unfreiwillig Komisches - so schlimm es ist. Das kann ebenfalls zur Attraktivität dieses Videos beitragen.

Frage: Auch Prominente haben sich eingeschaltet.

Antwort: Das ist in der Tat interessant. Aber es ist eben eine Szene, hinter der man sich versammeln kann. So etwas findet einfach jeder unmöglich. Da ist es kein Risiko zu sagen: Findet die Täter! Bei Prominenten ist das vielleicht auch ein Stück Selbstvermarktungsstrategie - dass man der Gute sein will. Ich glaube aber, das passiert nicht strategisch, sondern so intuitiv wie bei anderen Internet-Nutzern auch. Da geht es um die Konstruktion des digitalen Ichs: Ich bin gut und helfe bei der Jagd. Wenn Privatleute dann noch «Kopfgelder» aussetzen, halte ich das für eine extreme Form solcher Selbstinszenierung.

Frage: Welche Wirkung kann dieses Video über die Tat hinaus auf unser Sicherheitsgefühl haben?

Antwort: Unsere Realitätswahrnehmung wird auch über Medien geprägt. Es kann durchaus sein, dass gefühlte Unsicherheiten, die durch Mediennutzung verstärkt werden, unser Weltbild beeinflussen. Das spielt in die laufende Debatte ums Postfaktische mit hinein. Denn eigentlich ist Gewaltkriminalität in Deutschland ja schon seit Jahren rückläufig.

ZUR PERSON: Professor Martin Emmer (47) studierte Publizistik, Politologie und Psychologie in München und Berlin. An der Freien Universität arbeitet er am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Nutzung von sozialen Medien und computervermittelte Kommunikation.