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Experten finden mutiertes EHEC-Bakterium im Müll.
Experten finden mutiertes EHEC-Bakterium im Müll © dpa
08.06.2011

Experten finden mutiertes EHEC-Bakterium im Müll

MAGDEBURG. Hinweis im Müll: Bei der mühevollen Suche nach der Quelle der EHEC-Epidemie gibt es eine neue Spur. In einer Abfalltonne in Magdeburg wurde die grassierende Form des Darmkeims an einem Gurkenrest entdeckt.

Ob der Müll zum Ursprung der Infektionswelle mit mittlerweile 25 Toten führt, war vorerst unklar. Trotz massiver Kritik am Krisenmanagement will die Bundesregierung keine nationale Seuchenbekämpfung schaffen. Das machte sie am Mittwoch nach einer Krisensitzung der Gesundheits- und Verbraucherminister mit EU-Kommissar John Dalli in Berlin klar.

Unter der EHEC-Krise leidende Gemüsebauern sollen nach dem Willen der EU-Kommission deutlich besser entschädigt werden als geplant. Für Umsatzeinbußen sollen die europäischen Landwirte 210 Millionen Euro statt der zunächst vorgeschlagenen 150 Millionen Euro erhalten. Das sagte EU-Landwirtschaftskommissar Dacian Ciolos in Brüssel. Die EU-Staaten müssen dem Vorschlag noch zustimmen.

Die Mülltonne in Magdeburg gehört einer Familie, die an EHEC erkrankt ist. Wie der Keim dorthin kam, war zunächst offen. «Es ist nicht klar, und wir werden nicht mehr zweifelsfrei ermitteln können, wie er da hingelangt ist», sagte der Sprecher des Landesgesundheitsministeriums, Holger Paech. Die Gurkenreste lagen schon mindestens seit eineinhalb Wochen in der Tonne. Sachsen-Anhalt gilt bislang nicht als Schwerpunkt der Epidemie.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sagte nach dem Treffen in Berlin, der Darmkeim habe bisher 25 Todesopfer in Deutschland gefordert, die Zahl der Neuinfektionen sinke aber. Dies gebe Anlass für Optimismus, «dass wir bundesweit das Schlimmste hinter uns haben». Entwarnung gab es aber noch nicht.

Die Infektionswelle sei der schwerste jemals beobachtete EHEC-Ausbruch in Deutschland und Europa, teilten die Minister mit. Bisher seien 1959 Fälle registriert, davon 689 mit besonders schwerem Verlauf, sagte Bahr am Mittwochmittag im Bundestag. Es sei nicht auszuschließen, dass es weitere Todesfälle und Neuinfektionen gebe. Das Robert Koch-Institut habe aber zurückgehende Zahlen von Neuinfektionen festgestellt. Warnungen vor dem Verzehr von rohen Gurken, Tomaten, Salat und Sprossen müssten aufrechterhalten werden.

Kritik an einem Kompetenzwirrwarr wiesen Bahr und Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) zurück. Es sei eine «typisch deutsche Diskussion», dass nun wieder nach einer neuen Behörde gerufen werde, sagte der Gesundheitsminister. «Es ist nicht die Frage, ob es nur eine Behörde gibt, sondern es kommt auf die Zusammenarbeit der Behörden an.» Die Minister von Bund und Ländern vereinbarten «nach dem aktuellen Geschehen eine sorgfältige Evaluierung der Zusammenarbeit» zwischen den Behörden. Eine zentrale Seuchenbekämpfung müsse nicht geschaffen werden. Bahr sagte: «Ich habe keinen Anlass, an der Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern zu zweifeln.»

Unterdessen verdichteten sich die Hinweise auf einen gesperrten Biohof in Niedersachsen als eine mögliche Quelle der Epidemie. Eine dritte Mitarbeiterin des Betriebs sei im Mai vermutlich an dem Darmkeim erkrankt gewesen, sagte Niedersachsens Agrarminister Gert Lindemann (CDU). Vorher war bereits die EHEC-Infektionen einer Mitarbeiterin des Herstellers von Sprossengemüse bekannt, eine zweite litt an Durchfall. Der Hof hatte meist über Zwischenhändler Sprossen an Restaurants, Hotels und Kantinen geliefert, deren Gäste teils dutzendfach an EHEC erkrankten. In Sprossen-Proben fanden sich aber bisher keine EHEC-Erreger.

Mediziner der Universitätskliniken Greifswald und Bonn haben Hinweise auf die Ursache schwerer Verläufe bei EHEC-Patienten mit dem HU-Syndrom gefunden. Vieles deute darauf hin, dass neben dem Giftstoff Shigatoxin auch die Bildung von Autoantikörpern für schwere Schädigungen verantwortlich sei, sagte Mediziner Andreas Greinacher. Die Autoantikörper erhöhten einen Gerinnungsfaktor, was die Durchblutung von Gehirnregionen und der Nebennieren einschränke.

Bahr wies darauf hin, dass Krankenhäuser mit zahlreichen EHEC- Patienten zusätzliche Vergütungen beantragen könnten. Es gebe keinen Anlass zu Gesetzesänderungen. Der Verband der Universitätsklinika Deutschlands forderte, alle EHEC-Fälle müssten außerhalb des vereinbarten Budgets zum vollen Preis abgerechnet werden.

Auch EU-Verbraucherkommissar John Dalli, der an dem Krisentreffen in Berlin teilnahm, will nach Ende der Krise über mögliche Lehren sprechen. Die deutschen Anstrengungen gegen EHEC seien aber beeindruckend.

Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) hält es bei Epidemien für «durchaus gerechtfertigt, dass der Bund mehr Zuständigkeiten übernimmt». Das Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie forderte einen zentralen Regierungskoordinator für das Krisenmanagement beim Auftreten gefährlicher Erreger. Bahr erinnerte daran, dass es eine zentrale Stelle - das Bundesgesundheitsamt - bereits gab. Dessen Zuständigkeiten wurden aber 1994 im Zusammenhang mit HIV-verseuchten Blutpräparaten aufgeteilt.

Wegen der EHEC-Krise ist das Geschäft mit Salat, Gurken und Tomaten nach Angaben des Deutschen Fruchthandelsverbands fast komplett zusammengebrochen. Daher müsse es Entschädigungen nicht nur für die Produzenten, sondern auch für den Handel geben.

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