nach oben
west texas dünger explosion © dpa
Mehrere Tote und wohl über 100 Verletzte gehen auf das Konto einer Explosion in einer Düngerfabrik in Texas.  © dpa
18.04.2013

Explosion in Düngerfabrik so heftig wie Erdbeben

Die Explosion einer Düngemittelfabrik hat eine Kleinstadt in Texas verwüstet und zahlreiche Menschen in den Tod gerissen. Wie viele bei dem Unglück starben, blieb auch am Tag danach noch unklar. Die Polizei berichtete am frühen Donnerstagmorgen (Ortszeit) von fünf bis 15 Toten - doch es könnten weit mehr sein. Mitarbeiter des Rettungsdienstes halten 60 bis 70 Opfer für möglich.

Bildergalerie: Dutzende Tote nach Explosion in US-Düngerfabrik

Etwa 180 Menschen wurden verletzt. Präsident Barack Obama, der am Donnerstag an der Gedenkfeier für die Opfer des Bostoner Terroranschlags teilnahm, sicherte der Stadt Unterstützung zu. Auch am Morgen blieb die Polizei zunächst bei der Opferzahl von nicht mehr als 15. Die Zahl basiere jedoch auf «sehr begrenzten Informationen» von Helfern am Unglücksort, sagte Polizeisprecher Patrick Swanton.

Rettungsteams suchten weiter nach Überlebenden. Das sei eine gute Nachricht, «weil wir noch nicht an dem Punkt sind, aufzugeben». Klar war zunächst nur, dass vor allem Helfer unter den Opfern waren: Feuerwehrleute und Rettungssanitäter.

Die Polizei ermittelt zwar wie bei einem Verbrechen, geht aber zunächst von einem Unfall aus. «Ich habe keine Hinweise gehört, dass das hier etwas anderes war als ein Unfall oder ein Feuer», sagte Swanton. «Aber bis das sicher ist, ermitteln wir wie bei einem Verbrechen.»

Die Fabrik in dem Städtchen West bei Waco, etwa 100 Kilometer südlich von Dallas, hatte am Mittwochabend gegen 19.30 Uhr ein Feuer gemeldet. Gut 20 Minuten später zerriss eine Explosion Tanks auf dem Gelände der Fabrik, ein 30 Meter großer Feuerball stieg in den Himmel. Die Erschütterung war so stark, dass Seismologen sie als Erdbeben der Stufe 2,5 klassifizierten. Die Explosion soll noch in 75 Kilometern Entfernung zu hören gewesen sein.

Wests Bürgermeister Tommy Muska sagte, dass 50 bis 80 Häuser zerstört wurden. Ein Gebäude mit 50 Wohnungen stand mitten in der Druckwelle und verlor seine Fassade. «Es war ein komplettes Chaos, wie in einem Horrorfilm», sagte Ersthelfer Jesse Ross dem Sender KTVT. Er und seine Kameraden hatten die Umgebung evakuiert und mehr als 1000 Menschen der etwa 2800 Einwohner von West in Sicherheit gebracht, darunter mehr als 130 Bewohner eines Altenheims.

Wind erschwerte die Arbeit der Feuerwehr und nährte die Furcht vor giftigen Dämpfen, die zu Wohngebieten geweht werden könnten. Die Polizei riet dringend, die Gegend um den Unglücksort zu meiden. «Die Flammen waren so gewaltig», sagte Julie Zahirniako, die mit ihrem Sohn Anthony auf einem nahen Spielplatz war, dem Sender CBS. «Lauter konnte es gar nicht sein. Der Boden und alles hat vibriert.»

Präsident Obama gedachte der Opfer kurz vor der Gedenkfeier für die beim Bombenanschlag von Boston Getöteten. Eine kleine Gemeinde in Texas sei von einem schweren Unglück heimgesucht worden, sagte er laut einer schriftlichen Erklärung. «Sie werden die Unterstützung des amerikanischen Volkes haben.» Seine Regierung halte engen Kontakt mit den Rettungskräften, sagte Obama. Auch Papst Franziskus bat um Gebete für die Opfer und ihre Familien.

Für die ums Leben gekommenen Feuerwehrleute wurde noch in der Nacht eine Facebook-Seite eingerichtet. «Der letzte Einsatz» bekam innerhalb weniger Stunden gut Tausende Sympathisanten, eine andere für alle Opfer sogar mehr als 60 000. Minütlich kamen Dutzende hinzu.

Im April vor 20 Jahren war es in der etwa 30 Kilometer entfernten Stadt Waco ebenfalls zu einer Tragödie gekommen. Im Anwesen der Davidianer, einer Sekte, verbrannten zahlreiche Menschen. Vermutlich hatten die Sektenmitglieder das Feuer selbst gelegt. Das Unglück erinnert an das «Texas City Desaster». Im Hafen der Stadt, nur 400 Kilometer entfernt, war 1947 ein Schiff mit Dünger explodiert. 581 Menschen starben. Die Katastrophe ereignete sich am 16. April 1947 - fast auf den Tag genau 66 Jahre vor dem Unglück von West.

 

Unglücke mit Düngermitteln

Bei der Produktion, der Lagerung und dem Transport von explosiven und leicht brennbaren Düngemitteln haben sich schon mehrere Unglücke ereignet.

September 2012: Drei Arbeiter sterben bei Wartungsarbeiten in einem Stickstoffwerk in Piesteritz (Sachsen-Anhalt). Die Männer sollten Sandstrahlarbeiten erledigen und werden leblos aufgefunden. Die Produkte des nach eigenen Angaben größten Ammoniak- und Harnstoffherstellers Deutschlands werden auch in der Düngemittelindustrie benötigt.

Juli 2007: Bei Lwiw in der Ukraine entgleist ein Güterzug mit hoch giftigem und leicht entzündlichem gelben Phosphor und gerät in Brand. Mindestens 174 Menschen werden verletzt, darunter 46 Kinder. Gelber Phosphor dient in der chemischen Industrie unter anderem zur Düngemittelherstellung.

Mai 2005: Bei Mihailesti (Rumänien) kommen mindestens 17 Menschen bei der Explosion eines mit Düngemittel beladenen Lastwagens ums Leben. Unter den Toten sind sieben Feuerwehrmänner und zwei TV-Journalisten, die den Unfall auf der Europastraße 85 filmten. Der mit 20 Tonnen des Düngemittels Ammoniumnitrat beladene Laster war von der Straße abgekommen und hatte Feuer gefangen. Während der Löscharbeiten explodierte er.

April 2004: Im Bahnhof von Ryongchon (Nordkorea) nahe der Grenze zu China kollidieren ein Tankwagen und zwei mit hochexplosivem Dünger beladene Waggons. Funkenschlag löst eine Explosion aus. Mindestens 169 Menschen sterben, darunter viele Kinder einer nahe gelegenen Schule. Mehr als 1300 Menschen werden verletzt.

September 2001: In einer Düngemittel-Fabrik bei Toulouse in Südfrankreich kommt es zu einer Explosion: 31 Menschen sterben, mehr als 4500 werden verletzt, tausende Gebäude werden zerstört oder beschädigt.

Dezember 1999: In Guatemala werden bei der Explosion eines Lagers für Düngemittel mindestens 13 Menschen getötet. Bei dem Unglück in der Hafenstadt San Tomas de Castilla an der Karibikküste des mittelamerikanischen Landes werden weitere 60 Menschen verletzt.

Mai 1991: Bei der Explosion einer Düngemittelfabrik in Sterlington (US-Bundesstaat Louisiana) kommen acht Menschen ums Leben. Die Halle wird total zerstört. Eine defekte Propangasleitung gilt als Unglücksursache.

April 1947: Der französische Frachter «Grandcamp» mit 2300 Tonnen Ammoniumnitrat-Düngemittel an Bord explodiert im Hafen von Texas City (USA). Das Feuer greift auf die Stadt über. Mindestens 510 Menschen kommen ums Leben.

September 1921: Als das größte Industrieunglück Europas gilt die Explosion eines Salpeterlagers in Oppau bei Ludwigshafen. Dabei werden mehr als 500 Menschen getötet und fast 2000 verletzt. Die Explosion von 4500 Tonnen Salpeter reißt einen 18 Meter tiefen Krater in die Erde.