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Zahlreiche Verletzte - randalierende Fans, schlichtende Ordner, helfende Polizisten und unbeteiligte Zuschauer – gab es  bei Ausschreitungen bei einem Hallenfußball-Turnier in Hamburg. © dpa
08.01.2012

Fan-Krawalle: Hamburger Polizei sucht Anstifter

Hamburg. Auf der Suche nach den Anstiftern der Krawalle beim Hamburger Hallenfußball-Turnier hat die Kriminalpolizei mit der Auswertung der umfangreichen Berichte begonnen. «Die Ermittlungen dauern an. Die Akte mit den Berichten der Einsatzkräfte ist schon zu einem Buch angewachsen», teilte ein Polizeisprecher am Sonntagmorgen mit. Bei der Aufklärung würden auch Videoaufzeichnungen und Einträge in sozialen Netzwerken berücksichtigt.

Bildergalerie: Viele Verletzte: Krawall bei Hallenfußball-Turnier in Hamburg

Bei den Krawallen am Freitagabend waren nach Polizeiangaben Fans der Vereine VfB Lübeck, FC St. Pauli und Hamburger SV beteiligt. «Wer jedoch den ersten Stein geworfen hat, kann ich nicht sagen», sagte der Sprecher. Derweil distanzierte sich nach dem FC St. Pauli auch der VfB Lübeck auf seiner Internetseite von den gewalttätigen Fans.

Der Hamburger Fußball-Verband (HFV) stellte die Zukunft der Veranstaltung infrage und kündigte Schadenersatzforderungen an die Randalierer an. «Abgesehen vom wirtschaftlichen Schaden für die Veranstalter dieses Turniers wird es in Zukunft schwer, unter solchen Voraussetzungen Sponsoren für derartige Veranstaltungen zu gewinnen», sagte HFV-Präsident Dirk Fischer am Samstag.

Bei den Ausschreitungen waren 35 Menschen verletzt worden, darunter 14 Polizisten. Rund 40 weitere Personen erlitten Augenreizungen. Sie konnten nach den Angaben die Krankenhäuser inzwischen alle wieder verlassen.

 

«Das war ein krimineller Akt, das war vorbereitet. Die Chaoten waren offensichtlich verabredet», sagte Mitorganisator Peter Sander der Nachrichtenagentur dpa. Veranstaltungschef Wolfgang Engelmann sprach mit Blick auf die Krawalle mit 90 Verletzten im Sender Sky Sport News sogar von «organisierter Kriminalität». Offen blieb, ob es Verabredungen zur Gewalt über soziale Netzwerke gegeben hat.

HFV-Präsident Fischer forderte: «Die Täter müssen gefasst, bestraft und zur Schadenswiedergutmachung herangezogen werden. Man darf diese gefährlichen Straftaten nicht verharmlosen.»

Engelmann räumte allerdings auch ein, dass in der Alsterdorfer Sporthalle die Trennung rivalisierender Fan-Gruppen kaum möglich sei und die Polizei sie als ungeeignet für künftige Turniere ansehe. Der Bundesligist Hamburger SV hatte seine Teilnahme an dem seit 1987 ausgetragenen Turnier im Vorfeld wegen Sicherheitsbedenken abgesagt. Trotzdem waren neben Anhängern von Zweitligist FC St. Pauli und Regionalligist VfB Lübeck Berichten zufolge auch HSV-Fans beteiligt.

Auch Unbeteiligte erlitten durch den Einsatz von Pfefferspray Augenreizungen. Ein Polizist erlitt einen Kieferbruch, ein anderer einen Achillessehnenriss, ein Ordner erlitt eine Schulterluxation. Insgesamt 74 Randalierer wurden vorübergehend in Gewahrsam genommen, davon 72 Anhänger des Zweitligisten FC St. Pauli. Zwei Rowdys wurden festgenommen. Rund 300 Polizisten waren im Einsatz. In der Halle hielten sich etwa 3000 Zuschauer auf.

«Es war ziemlich heftig, wenn man gesehen hat, wie Kinder mit ihren Eltern nicht wussten, wohin. Wir sollten nicht nach draußen, wir sollten nicht nach oben, überall wurde rumgerannt. Es war schon schockierend», sagte ein Augenzeuge dem Sender Sky Sport News. «Die Polizei wurde ständig an andere Brandherde gerufen», berichtete Engelmann. Sander fügte hinzu: «Eine derartige Eskalation haben alle noch nicht erlebt. In dieser Form haben wir nicht damit gerechnet.»

Schon vor dem Beginn des Turniers hätten sich Anhänger des VfB Lübeck und des HSV mit Fans von FC St. Pauli Auseinandersetzungen geliefert, schrieb das «Hamburger Abendblatt». «Und dann rennen schon beim Aufwärmen die Polizisten fünfmal durch die Reihen unserer Spieler, weil es Ausschreitungen gibt. Da vergeht einem der Spaß», sagte Manager Marcel Müller vom Amateurclub SC Condor.

Gegen 19 Uhr liefen beim zweiten Turnierspiel zwischen der Mannschaft «Respect United» und dem dänischen Pokalsieger FC Nordsjaelland Lübecker Anhänger zum St. Pauli-Block und rissen ein Banner hinunter. Wegen der folgenden Ausschreitungen musste das Spiel zweimal unterbrochen werden. «Die Provokation ging nicht von den Fans des FC. St. Pauli aus», sagte Clubsprecher Christian Bönig, betonte aber: «Die Schuldzuweisungen gehen von links nach rechts, da werden wir uns nicht dran beteiligen.»

Die angeforderte Verstärkung sei vor der Halle von St. Pauli-Fans attackiert worden, berichtete das «Hamburger Abendblatt». Fast alle Fensterscheiben im Eingangsbereich seien eingeworfen worden. Nach Angaben der Zeitung hätten St. Pauli-Anhänger den VIP-Raum der Halle gestürmt. «Ich wurde auf einmal gepackt und auf den Boden geworfen, danach weiß ich nichts mehr», wurde eine Mitarbeiterin zitiert.

Bönig sprach zwar lediglich davon, die Fans hätten sich Zugang zur Halle verschaffen wollen, verurteilte aber das Eindringen in den VIP-Raum. «Wir haben die Situation gehabt, dass ein Großteil sehr aggressiver Fans des FC St. Pauli weiterhin Auseinandersetzungen gesucht hat, im gesamten Hallenbereich, auch mit der Polizei», sagte Einsatzleiter Robert Golz bei Sky Sport News. Nach dem Abbruch des Turniers beruhigte sich die Lage erst nach mehreren Stunden. dpa