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26.05.2008

Fein hinbekommen

Vor kurzem geriet ich in eine Art Streitgespräch mit meiner älteren Kusine. Es ging zunächst um die uns von diversen Seiten immer häufiger begegnenden Tabubrüche, Sensationsmachereien und „Realitiy Shows“ in unserer gewinn-orientierten Gesellschaft.

Selbst vor Theater und Kinderkino macht man hiermit nicht halt. Soweit waren wir uns einig.

Meine Kusine erzählte mir von zwei Pleiten dieser unangenehmen Art, die sie gleich innerhalb von wenigen Tagen mit ihren neun und zwölf Jahre alten Enkelinnen erlebt hatte.

Bei einem Theaterbesuch mit der Älteren mussten sie gleich am Anfang mit ansehen, wie auf der Bühne ein halbwüchsiger Rüpel seine eigene Mutter sexuell vergewaltigte - und das so brillant geschauspielert, dass man die Szene für echt halten konnte. Meine vom Leben schon „abgebrühte“ Kusine fand diesen demonstrativen Tabubruch auf intellektueller Ebene einfach sehr ärgerlich, aber die noch behütete, alters entsprechend fühlende und sensible Enkelin war so schockiert, dass beide daraufhin zusammen mit drei weiteren Frauen das Theater verließen. Die anderen Besucher schienen entweder den ihnen verpassten Nervenkitzel zu genießen oder saßen tapfer ihr Eintrittsgeld ab, der Dinge harrend, die da als Steigerung noch kommen mochten.

Bei einem Kinogang ein paar Tage später wurden Großmutter und Enkelinnen leider erneut heftig verwirrt. Sie hatten extra einen Film ab sechs Jahren mit einem anrührenden Titel ausgesucht und stellten sich auf ein harmloses romantisches Filmvergnügen ein. Aber Pustekuchen!

Obwohl die zwei Kinder ja schon älter als sechs Jahre waren, gingen die überraschenden Sexszenen mit Spezialsex und die schnodderigen, deftigen Dialoge hierzu doch wieder einmal sehr an der Lebenswirklichkeit und der Entwicklungsstufe der Mädchen vorbei! Erschreckt, verwirrt, verärgert ließen die Drei diesen vermeintlichen Kinderfilm über sich ergehen.

Die Oma musste anschließend eine verfrühte Aufklärung über „sexuellen Spezialkram“ leisten.

Ich zeigte mich ihr gerade so richtig mitfühlend und stimmte ihr zu, dass unsere Gesellschaft wirklich inzwischen auf allen Ebenen allzu sehr überschwemmt wird mit teilweise sogar unrealistischen und abstoßenden Bildern von Sex, nur um – aus Gewinnsucht - einen Gipfel von immer neuem Nervenkitzel zu provozieren, da sagte sie: „ Na ja, das habt ihr 68-er ja fein hinbekommen. Das sind nun die Auswüchse eurer sexuellen Befreiung!“

Diesen Anwurf konnte ich nun nicht auf uns bzw. mir sitzen lassen und so entgegnete ich ihr Folgendes, was auch ihr ruhig wissen sollt:

Ich gehörte zu dem Teil der 68er , der sich für unsere Gesellschaft „bessere“, an Leib und Seele heilere Menschen wünschte und daran mitwirken wollte, diese „heranzuziehen“. Auch heute noch bin ich davon überzeugt, dass „bessere“ Menschen die partnerschaftlich erzogenen sind, und heilere Menschen jene, die als ganzheitlich gereifte Personen eine unverkrampftere freiere Erotik als damals miteinander leben können. Wie gesagt: als reife Menschen in gegenseitigem Einvernehmen!

Mit dem Begriff „sexuelle Befreiung“ meinten wir/ meinte ich auf keinen Fall die Entwicklung zur frühen Aufspaltung zwischen Sex und Mensch und damit eine Technisierung der körperlichen Liebe, die schon allzu junge Menschen zu Objekten macht. Wir sollten unseren Kindern und ganz jungen Leuten zwar eine offene Aufklärung bieten, aber diese ihrem Entwicklungsstand entsprechend. Bombardieren wir sie verfrüht von allen Seiten mit Sexdarstellungen jeglicher Art kommt es offensichtlich bei vielen zur Überforderung und Irritation.

Lange Rede, kurzer Sinn: Für ein ganzheitliches Gedeihen unserer Kinder und Jugendlichen bin auch ich als nicht-prüde 68-erin gegen die fortschreitende Durchsexualisierung bis hin zur Pornographisierung unserer Gesellschaft.

Meine Frage ist nur, wie bekommen wir einen Sinneswandel bei den „Machern“ unserer Gesellschaft hin? Wie machen wir aus unserer radikalisierten Demokratie eine ethische Demokratie?