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02.05.2008

Ganz schön giftig

Klar, einem Löwen möchte man in freier Natur nicht plötzlich gegenüber stehen. Einem Grizzleybären auch nicht. Doch die tödlichsten Tiere sind oft nicht die Riesen, sondern kleine Gesellen, die jede Menge Gift verspritzen: Spinnen, Schlangen, fiese Frösche. PZ-Mitarbeiter Christian Satorius hat sich auf eine kleine Reise in die Welt der giftigen Tiere begeben. Seine Geschichte lässt sich garantiert gefahrlos lesen.

Wenn Ameisen das Wetter nicht gefällt, sind sie den ganzen Tag über schlecht gelaunt. Dann macht man am besten einen großen Bogen um sie herum, denn sonst wird man gezwickt und gezwackt, wo es nur geht. In unseren Wäldern sind vor allem die Roten Waldameisen (Formica Rufa) dafür bekannt, dass sie keinen Spaß verstehen. Mit ihrer Ameisensäure können sie bis zu einem Meter weit spritzen. Das müssen sie auch können, denn Stachel zum Injizieren des Giftes haben sie im Gegensatz zu anderen Ameisen nicht. Sie beißen also lieber mit ihren starken Kiefern beherzt zu und befördern dann ihren Giftcocktail in die Wunde. Das Gift hilft den kleinen Tierchen, sich selbst gegen größte Gegner zur Wehr zu setzen.
Ein stärkeres Gift als das der Roten Waldameisen verabreichen die australischen Bulldog-Ameisen (Myrmecia pilosula) ihren Feinden. Sie springen dem Angreifer mutig entgegen und stechen dann sofort zu. Ihr Giftcocktail, der sich unter anderem aus Ameisensäure, Alkaloiden und Proteinen zusammensetzt, reicht schon aus, um beim Menschen neben der üblichen Quaddelbildung und Rötung auch Bewusstseinsstörungen bis hin zur Bewusstlosigkeit zu verursachen. Noch besser können es die Feuer-Ameisen (Spezies Solenopsis), die eigentlich in Südamerika heimisch, mittlerweile auch schon in die USA vorgedrungen sind. Wer sich mit ihnen anlegt, hat ein echtes Problem. Schwerste allergische Reaktionen, die vor allem bei Kindern sogar zum Tod führen können, gehören dazu.

Wuselnde Streitmacht

In Florida setzt sich mittlerweile ein unheilvoller Trend durch: die Bildung von Superkolonien mit einer Dichte von 200 Kolonien pro Hektar. Jeder einzelnen diese Kolonien stehen 100 Königinnen zur Verfügung. Eine Streitmacht, mit bis zu 5000 Feuerameisen pro Quadratmeter, die alles vernichtet, was sich ihr in den Weg stellt. Dabei ist das Ameisengift, ebenso wie das von Bienen, Hummeln, Wespen und Hornissen in kleinen Mengen für Menschen keinesfalls lebensbedrohlich, sofern keine Allergie vorliegt oder das stechende Insekt verschluckt wird.
Andere Tiere sind da bessere Giftmischer, Kegelschnecken zum Beispiel. Forscher berichten von dem Fall eines jungen Mannes, dem beim Fischen um Mitternacht ein schönes Schneckengehäuse auffiel. Er hob es auf und verstaute seinen Fund in der Kleidung – von einem Einstich bemerkte er nichts. Nach etwa einer Stunde klagte er über ein allgemeines Schwächegefühl. Als er in der Klinik eintraf, war er schon bewusstlos. Er starb keine vier Stunden nach dem ersten Kontakt mit der Schnecke. Was der junge Fischer nicht wusste: das schöne Gehäuse, dass da im Mondschein so toll glitzerte, gehörte einer Kegelschnecke. Diese schießt zwölf Millimeter lange Giftpfeile aus Chitin in ihre Opfer. Die Pfeile, die selbst Kleidungsstücke durchdringen, werden dabei mit einer derart hohen Geschwindigkeit abgefeuert, dass Filmaufnahmen diesen Vorgang nur mit extremer Zeitlupe sichtbar machen können.
Noch effektivere Gifte mischen einige Spinnen zusammen. Ebenso wie fast alle Ameisen der Welt einen vollständigen Giftapparat besitzen, so sind alle Spinnen auf der Erde giftig. Einige mehr, andere weniger. Nur die wenigsten sind allerdings in der Lage die menschliche Haut zu durchdringen und können so Menschen kaum gefährlich werden. Vogelspinnen allerdings sind dazu durchaus imstande. Viele Arten können aber noch mit einem weiteren giftigen Trick aufwarten: mit ihren Beinen schleudern sie spezielle Brennhaare vom Hinterleib aus auf ihre Angreifer. Gelangen die Brennhaare in die Augen des Gegners oder werden eingeatmet, so entfalten sie ihre Wirkung auch ohne die Haut durchdringen zu müssen.

Trotz ihres schlechten Rufes sind Vogelspinnen aber keineswegs die giftigsten Spinnen, die es gibt. Die giftigste Spinne der Welt ist die australische Trichternetzspinne (Atrax Robustus). Die Vergiftung beginnt mit einem Taubheitsgefühl des Mundes. Starke Schmerzen, Übelkeit und Atemnot folgen. 0,3 Milligramm ihres Giftes reichen aus, um ein ein Kilogramm schweres Tier zu töten.
Etwa zehnmal stärker ist das Gift, das eine Schlange, die Eastern Brown Snake (Pseudonaja textilis) und eine Qualle, die Seewespe (Chironex fleckeri), ihren Opfern injizieren. Noch besser können es Blauringkraken (Hapalochlaena) und der Inland-Taipan Oxyuranus microlepidotus, die giftigste Schlange der Welt. Kraken und Taipane sind in Australien heimisch, ihr Gift ist etwa doppelt so stark, wie das der Seewespe. Das Gift eines Bisses des Taipan reicht aus, um 250 000 Mäuse zu töten.
Nur noch ein einziges Tier auf der Welt hat ein stärkeres Gift als der Taipan vorzuweisen (wenn auch nicht in der gleichen Menge): der Schreckliche Pfeilgiftfrosch (Phyllobates terribilis). Sein Batrachotoxin genanntes Gift ist eines der stärksten Toxine überhaupt, es ist etwa 5000 mal giftiger als Zyankali. Es greift das periphere Nervensystem an. Damit nicht genug: es gibt nicht einmal ein spezifisches Gegengift. Der Name Pfeilgiftfrosch leitet sich aus der Tatsache ab, dass einige Ureinwohner Südamerikas mit seinem Gift ihre Blasrohr-Pfeile vergiften. Augenzeugen berichten, dass selbst große Tiere augenblicklich aus den Bäumen fallen, wenn sie von diesen Pfeilen getroffen werden.
Der etwa fünf Zentimeter große Schreckliche Pfeilgiftfrosch ist also das mit Abstand giftigste Tier auf der Welt – wenn man einmal Kleinstlebewesen wie Bakterie außer Acht lässt. Lediglich in den Tiefen der Meere haust noch ein sogenanntes niederes Tier, das ein um den Faktor zehn stärkeres Gift im Vergleich zum Frosch, das sogenannte Palytoxin, zur Verteidigung einsetzt: die Krustenanemone (Palythoa spp.).

Quietschbunte Warnung

Nun muss sich aber niemand vor marodierenden Froschbanden oder menschenjagenden Ameisenkolonien fürchten. Alle diese Tiere setzen ihr Gift nur zur Jagd auf Beutetiere oder zur Verteidigung ein. Ihre Giftigkeit stellen sie dabei meist mit Warnfarben ganz offen zur Schau. Der Schreckliche Pfeilgiftfrosch ist quietschgelb und auch seine ebenfalls giftige Verwandschaft macht mit bunten Farben auf sich aufmerksam. Vor Giftigkeit wird gerne mit Gelb- und Rottönen gewarnt, oftmals in Verbindung mit abwechselndem Schwarz. Diese typische Färbung ist uns von Wespen gut bekannt.
Sollte es doch einmal zu eine Unfall mit einem Gifttier kommen, ist es wichtig, die Ruhe zu bewahren. Hektische Bewegungen provozieren nicht nur weitere Stiche, sondern sorgen dafür, dass das Gift noch schneller im Körper verteilt wird. Ganz wichtig ist es, das giftige Tier bestimmen zu können. Man sollte sich also so viel wie möglich von der Form und der Farbe einprägen, damit im Krankenhaus die richtigen Gegenmaßnahmen getroffen werden können. Falsch ist das gerne empfohlene Aussaugen des Giftes mit dem Mund. Diese Maßnahme lässt das Gift nämlich auch über die Mundschleimhaut in den Körper des Helfers eindringen. Auch mit dem Einschneiden der Wunde, Kühlen oder Abbinden wird meist nur noch mehr Schaden angerichtet.
In Afrika behandelt man Vergiftungen gerne mit einem sagenumwobenen Schwarzen Stein. Während Wissenschaftler sich sicher sind,dass er ohne medizinische Wirksamkeit ist, so glauben doch viele Ureinwohner fest an seine Heilkraft. Besser ist es aber wohl, sich lieber gar nicht erst stechen oder beißen zu lassen.