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28.03.2008

Gedenken an den Helden

Er ist der bislang einzige Afroamerikaner, dessen in den Vereinigten Staaten mit einem eigenen Feiertag gedacht wird: Martin Luther King, geboren am 15. Januar 1929 in Atlanta, Georgia, gestorben am 4. April 1968 in Memphis, Tennessee. Die Stadt Memphis erinnert zwischen Geburts- und Todestag von Dr. King mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen an den Vordenker des gewaltlosen Widerstands. Am Vorabend des 40. Todestags von King werden im Bürgerrechtsmuseum von Memphis gleich elf prominente Zeitzeugen Rede und Antwort stehen. Der einzige Wermutstropfen: Trotz der stattlichen Finanzspritzen von drei Hauptsponsoren liegen die Eintrittspreise pro Person bei satten 50 bis 100 Dollar.

Es ist kühl an diesem Morgen in Memphis. Noch drängen sich keine Besucher vor dem Bürgerrechtsmuseum der Südstaatenmetropole. Die Zeit reicht, um den Blick über den Vorplatz schweifen zu lassen. Ein dunkelhäutiger Wachmann mit Wollmütze, Bomberjacke und Handschuhen nähert sich den Flaggenmasten. Zuerst zieht er „Stars and Stripes“ auf, anschließend auch die Fahne von Tennessee. Deutschland kenne er gut, versichert er lächelnd – und dass er in Ramstein gedient hat.

Neben den Flaggenmasten ragt die altmodische Leuchtreklame des Lorraine Motels in den milchigen Himmel. Das überschaubar kleine, zweigeschossige Hotel war am 4. April 1968 Schauplatz des Attentats auf Martin Luther King. Ein eher bescheidener weißer Kranz mit roter Schleife prangt am Balkon vor Zimmer 306, erinnert einsam an den großen Verfechter des gewaltlosen Widerstands. In den 80ern kam das Aus fürs Lorraine, das Gebäude musste zwangsversteigert werden. Eine Vielzahl kleiner, privater Spender brachte schließlich die Kaufsumme auf, auch mit Hilfe eines Darlehens der von Afroamerikanern geführten Tri-State-Bank. Erst danach beteiligten sich auch Stadt, Gemeinde und der Staat Tennessee mit zunächst neun Millionen Dollar an dem Projekt, das nun aus dem alten Lorraine- Motel das 1991 eröffnete Bürgerrechtsmuseum entstehen ließ.

„Dr. King hätte das – so – nicht gewollt“, ereifert sich Jacqueline Smith. Sie war die letzte Mieterin des Lorraine, wurde bei einer Zwangsräumung kurzerhand auf die Straße gesetzt. Seither – seit mehr als 20 Jahren – kampiert sie in einer Mischung aus Infostand und Wohnhöhle, vis-a-vis des Museums, umgeben von einem Wall aus Protestplakaten. An kalten Tagen trägt sie einen gefütterten Skianzug mit Kapuze. „Dr. King stand auf Seiten der armen Leute“, reicht sie nach, „wäre es nach ihm gegangen, dann wäre das Lorraine heute eine Institution mit Altenwohnheim und Armenspeisung!“

Erste Busse mit Besuchern treffen auf dem angrenzenden Parkplatz ein. Rasch bilden sich vor dem Einlass des Bürgerrechtsmuseums erste Schlangen. Menschen aller Altersgruppen warten diszipliniert auf den Einlass. Fast alle haben dunkle Haut. Für sie ist King ein ganz wichtiger Bezugspunkt der eigenen Identität. Ein junger Mann, gekleidet wie ein Soldat in Ausgehuniform, verteilt die Zeitschrift „Final Call“: Das Blatt der schwarzen Muslime, der „Nation of Islam“, die mit King zu Lebzeiten selten einig war. Posthume Titelstory: „Das Vermächtnis von Martin Luther King“. Gegenüber beginnt eine Reggae-Band unter freiem Himmel zu spielen. „Get Up, Stand Up“, lässt Bob Marley musikalisch grüßen.

Rätselhafte Hinweise

Im 2001 entstandenen Anbau des Bürgerrechtsmuseums vertiefen sich die vielleicht neunjährige Kelsey und ihr Vater Cedric Roach in den Text und Benutzerführung einer interaktiven Hinweistafel zum Attentat auf King. Der junge Familienvater ist mehr als 450 Meilen gefahren, um seinen beiden Kindern das Bürgerrechtsmuseum in Memphis zu zeigen. „Zu Hause in Dallas“, erklärt er freundlich und in geschliffenem Englisch, „ist kaum etwas über die afroamerikanische Geschichte zu erfahren“.
Dallas war 1963 der Ort des Attentats auf Präsident John F. Kennedy. Im Fluchtfahrzeug von James Earl Ray, einem weißen Rassisten und Hehler, der nach offizieller Version, fünf Jahre später Martin Luther King ermordet haben soll, fanden die Ermittler eine handgeschriebene Notiz mit der Telefonnummer von Jack Ruby, also genau des Nachtclubbesitzers mit Unterweltverbindungen, der seinerseits den Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald erschoss. Aber dieses Detail ist nur einer von zahlreichen Hinweisen, die allesamt bei den Untersuchungen des Attentats auf den schwarzen Bürgerrechtler keine wirklich schlüssige Antwort brachten. Ungeklärt bleib beispielsweise auch, wie James Earl Ray an den gefälschten Pass und an die Mittel für die Flugtickets nach England und Rhodesien kam.

Die letzte Rede

Reverend James Netters war am 3. April 1968 unter den Zuhörern im überfüllten Mason Tempel, als King seine letzte Rede hielt. Er weiß noch: „Kings Mitstreiter Ralph Abernathy sprach zu den Leuten, wurde von der Menge aber regelrecht niedergebrüllt. Die Versammelten verlangten lautstark nach King. Der kam dann tatsächlich“. Seine anschließende Rede ist noch heute, als Aufzeichnung beeindruckend. King lässt sie mit einer kaum zu überhörenden Todesahnung ausklingen: „Wie jeder, hätte ich gerne ein langes Leben. Ein langes Leben ist eine gute Sache. Aber darüber mache ich mir im Moment keine Gedanken.“ Am nächsten Abend war er tot. Die Hinweise auf den Anschlag hatte er ignoriert. Die Unterstützung der in Memphis streikenden Müllmänner war ihm wichtiger als die eigene Sicherheit. King fühlte sich den Arbeitern der Stadtreinigung von Memphis verpflichtet, denn sein erster Unterstützungsversuch endete am 28. März 1968 in Chaos und Gewalt.

Die Leute in Kings Stab äußerten später den Verdacht, dass Provokateure in den Marsch eingeschleust worden waren. Ein 16-jähriger Junge wurde erschossen. 280 Demonstranten wurden verhaftet, 60 wurden verletzt, die Beale Street glich einem von Trümmern übersätem Schlachtfeld. 4000 Mann der Nationalgarde bezogen in Memphis Posten.
„Dr. King hat als Toter mehr für die Bürgerrechtsbewegung bewerkstelligt, als es ihm zu Lebzeiten möglich war“, zitiert James Netters einen weißen Tankwart und zuckt fast unmerklich mit den Schultern. „Auf alle Fälle“, fügt er im Hörsaal der ebenfalls mit Spenden der schwarzen Gemeinde von Memphis finanzierten Stax-Akademie hinzu, „hat King, als er einmal gefragt wurde, wie er der Menschheit denn in Erinnerung bleiben möchte, nach kurzem Nachdenken geantwortet: Wie ein Tambourmajor für Gerechtigkeit, als jemand der für Menschlichkeit sorgte und zwar unabhängig von der Rassenzugehörigkeit“.