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© Symbolbild: dpa
12.10.2017

Gewaltexzess in der Zelle - Häftlinge wegen Vergewaltigung angeklagt

Der Mann war seinen Peinigern schutzlos ausgeliefert. Denn er war mit ihnen in eine Zelle gesperrt. Zwei Mithäftlinge sollen den damals 38-Jährigen in der JVA Leipzig stundenlang gequält haben - in einer brutalen und erniedrigenden Gewaltorgie. Seit Donnerstag müssen sich die beiden 26 Jahre alten Beschuldigten vor dem Leipziger Landgericht wegen Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Ein vierter Ex-Insasse der Zelle im Alter von 36 Jahren ist wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt.

Die Anklageschrift ist voller verstörender Details. Am Abend des 14. Januar 2017 schlagen demnach die beiden Hauptangeklagten ihren Mithäftling in der Zelle zusammen, brechen ihm Nase, Jochbein und Brustbein. Dann zwingen sie ihn, nackt herumzukriechen und sich eine Toilettenbürste in den Anus zu stecken. Sie schneiden und stechen ihm in den Penis, quälen ihn mit Urin und Kot. Der Mitangeklagte ist dabei und unternimmt nichts, um dem Gequälten zu helfen.

Am Ende entschließen sich die Beschuldigten nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft, die Tat zu vertuschen. Sie wollen einen Suizid vortäuschen. Ihr Opfer zwingen sie zu einem Abschiedsbrief. Dann sollen sie den Mann dazu gebracht haben, mit einer Schlinge um den Hals von einer Fensterbank zu springen. Der Verletzte verliert das Bewusstsein.

Bekommen die mutmaßlichen Täter daraufhin plötzlich Gewissensbisse? Oder wird ihnen jetzt erst bewusst, dass der Mann tatsächlich sterben könnte? Sie machen den Mann los und wählen den Notruf.

Die Vorwürfe nehmen die Angeklagten im Gerichtssaal ohne erkennbare Regung zur Kenntnis. Äußern wollen sie sich vorerst nicht dazu. Laut Staatsanwaltschaft hatte zuvor einer der Männer angegeben, das Opfer habe einst seinen neun Jahre alten Stiefsohn geschlagen. Einer der beiden Hauptangeklagten fällt laut Vorstrafenregister schon seit seiner Jugend mit Gewalttaten auf. Im Leipziger Gefängnis verbüßte er zur Tatzeit eine dreieinhalbjährige Haftstrafe wegen Raubes und gefährlicher Körperverletzung. Der andere Hauptangeklagte war wegen Betruges zu einem Jahr und acht Monaten Haft verurteilt worden.

Nun wird das Gericht wohl nicht nur zu klären haben, was die mutmaßlichen Gewalttäter zu ihren Taten trieb. Die 6. Strafkammer wird auch ergründen müssen, wie in einem Gefängnis derartige Grausamkeiten geschehen konnten. Ein JVA-Beamter, der als Zeuge geladen war, berichtete von einem Personalengpass in der Tatnacht. Nach dem Notruf aus Zelle 258 seien zwischenzeitlich nur noch zwei Beamte für die Aufsicht des gesamten Gefängnisses zuständig gewesen.

Zuletzt war die Justizvollzugsanstalt Leipzig im Oktober 2016 in die Schlagzeilen geraten, weil sich der Terrorverdächtige Dschaber al-Bakr dort in einem unbeobachteten Moment erhängt hatte.

Gewaltexzesse wie der jetzt vor Gericht zu verhandelnde seien im Justizvollzug sehr selten geworden, erklärt ein Sprecher des sächsischen Justizministeriums. Das liege unter anderem daran, dass immer weniger Gefangene gemeinsam untergebracht würden.

Dass in diesem Fall vier Häftlinge gemeinsam eine Zelle bewohnten, sei der hohen Auslastung der JVA Leipzig geschuldet gewesen, sagte der Sprecher. Während der Nacht seien die Gefangenen grundsätzlich unbeobachtet - auch in Gemeinschaftszellen.

Um Gewalt vorzubeugen, achteten Gefängnisbedienstete immer sehr genau darauf, dass gemeinsam untergebrachte Häftlinge sich verstehen, betont der Sprecher. Im vorliegenden Fall habe es keine Hinweise darauf gegeben, dass es zwischen den Insassen Konflikte gegeben habe. Die Aufklärung von Gewalt im Gefängnis sei oft schwierig, weil die Opfer aus Angst nicht aussagen wollten, erklärt der Sprecher. So war es nach Aussagen eines der Zeugen auch dieses Mal: Das Opfer habe bei der Befragung angegeben, dass er sich habe umbringen wollen. Von der Gewalt, die ihm angetan worden war, sagte der Mann nichts.

Die beiden Hauptangeklagten sind mittlerweile in anderen sächsischen Gefängnissen untergebracht. Der dritte Angeklagte sitzt noch immer in der JVA Leipzig. Das Opfer ist wieder auf freiem Fuß - der Mann war als Zeuge geladen, fehlte aber am Donnerstag unentschuldigt und muss deswegen mit einer Geldstrafe rechnen.