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TV-Kolumne PZ-zapp

© Fotolia/Dietz
02.10.2017

"Goldbach": Premiere des Schwarzwald-"Tatort" geht unter die Haut

Eine ganze Ferienregion war in Aufruhr. Nach dem Ende des Bodensee-„Tatorts“ war klar: Jetzt kommt der Schwarzwald an die Reihe. Viele hoben die Hand, um zur „Tatort“-Stadt zu werden. In Bad Wildbad zum Beispiel war das Buhlen um einen Dreh in der Kurstadt vom ersten Augenblick an Chefsache. Dann der Knaller mit Entertainer Harald Schmidt, der Chef des neuen Freiburger Ermittlerteams werden sollte und dann überraschend absagte. Viel Aufregung also im Vorfeld der Ausstrahlung von „Tatort: Goldbach“. Aber das Warten hat sich gelohnt.

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Im Grunde ist der Film ein Heimatkrimi geworden. Im besten Sinne. Hier spielen die menschlichen Abgründe gleichberechtigt die Hauptrolle neben den dunklen, geheimnisvollen Motiven, die die besondere Natur des Schwarzwaldes bietet. Und in dieser perfekten Bühne des Waldes braucht man keine Effekthascherei, keine wilden Verfolgungsjagden mit quietschenden Reifen, keine auf Marke Hollywood geeichten Gewalt- und Schussorgien, keine sich in den Vordergrund drängenden Eitelkeiten von Starermittlern, deren mentale Blähungen zum Thema des Films werden. Der Schwarzwald scheint noch nicht vom hektischen Wirbel der Welt da draußen in den großen Städten mitgerissen zu sein.

Umso mehr kann sich der „Tatort: Goldbach“ auf die eigentlichen menschlichen Abgründe konzentrieren, auf das dünne, oberflächliche Beziehungsgeflecht von Familien, die hierher kamen, um in Ruhe der Natur nahe zu sein und dann jedoch ganz tief in die Hölle auf Erden blicken zu müssen. Die Geschichte vom Tod eines Mädchens und vom Verschwinden eines Jungens wird so ruhig erzählt, dass sich das Leiden der betroffenen und sich auf vielfältige Weise schuldig machenden Eltern wirkungsvoll entfalten kann.

Dieser „Tatort“ wirkt so nahe, weil so viel Vertrautes darin vorkommt. Der Wald, die Holzindustrie, der Biobauernhof, der selbstgebrannte Obstler – Kommissarin Franziska Tobler (Eva Löbau) und ihr Kollege Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) bewegen sich in einer Welt, die südlich von Pforzheim, der Pforte zum Nordschwarzwald, jedem bekannt ist. Aus Pforzheim wurde sogar Schauspieler Robert Besta, seit 2015 beim Stadttheater, für eine Rolle engagiert. „Goldbach“ ist Heimat.

Aber Heimat ist nicht gleich Idylle. Auch hier bricht der gewaltsame Tod eines Kindes wie eine Urgewalt über die Menschen herein und verändert ihr Leben so sehr, dass nichts mehr so sein kann wie früher, denn die ganze Beziehungen sind in einem Netz aus Schuld und Vorwürfen untrennbar gefangen.

Natürlich ist der Film auch ein Plädoyer gegen die heimische Produktion von Schusswaffen und gegen das Geld, das man damit erzielen will. So wendet sich der Diebstahl von im Schwarzwald hergestellten Schusswaffen gegen die Menschen vor Ort, weil ein Familienvater sich den schnellen Reibach mit gestohlenen Waffen verspricht. Für die Kinder sind sie Spielzeug. Bis ein Schuss ein junges Leben auslöscht. Dann töten die Waffen mehr als nur ein Kind, dann zeigt sich das ganze Ausmaß des Schreckens, wie er in diversen Kriegs- und Krisengebieten als tödlicher Alltagsbegleiter alle Menschen quält.

Am Ende stellt sich die Frage, wer denn nun die Schuld hat. Nur der Todesschütze? Der Alptraum, den diese Tat über die Familien gezerrt hat, wird das Leben vieler sehr lange begleiten. Und wenn am Ende des Films die Kommissare Tobler und Berg auf dem Polizeischießstand die Waffen aufnehmen und laden, dann spürt man, dass das Zielen und Schießen auch für Polizisten kein banaler Akt ist, dass es grundsätzlich schade ist, dass die Welt so etwas braucht.

Daumen hoch für diese starke „Tatort“-Premiere. Wer sie verpasst hat, kann den Krimi noch bis zum 31. Oktober in der ARD-Mediathek sehen.

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