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12.04.2010

Graffiti kosten die Steuerzahler immer mehr Geld

Für die einen ist es Kunst - für die anderen Schmiererei: Graffiti kosten die Steuerzahler im Südwesten jedes Jahr Millionen - und die Schäden werden immer größer. Städte und Polizei stehen der Sprayer- Szene oft relativ hilflos gegenüber.

STUTTGART. Knapp 8000 Graffiti sind im vergangenen Jahr als Sachbeschädigung bei der Polizei im Südwesten angezeigt worden. Aber die Dunkelziffer ist wohl sehr hoch - und die Aufklärungsquote ist mit 17,1 Prozent relativ niedrig. Denn ein Graffito ist schnell gesprüht und der Täter genauso schnell verschwunden. Vor allem in den großen Städte wird die Sprayer-Szene immer aktiver, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa ergab.

Bildergalerie: Graffiti weltweit

250 000 Euro hat STUTTGART im vergangenen Jahr für die Beseitigung von Graffiti ausgegeben - das sind 15 Prozent mehr im Vorjahr und sogar 60 Prozent mehr als 2007. Die Landeshauptstadt versucht nun, die Szene etwas zu lenken. Gerade in den Unterführungen würden Graffiti geduldet, solange die Sprayer ihre Pläne vorher mit der Stadt abstimmten, heißt es beim Tiefbauamt. Aber die illegalen Sprayer lassen sich nicht so einfach lenken.

In REUTLINGEN hat die Stadt deshalb jetzt eine Belohnung ausgesetzt. Bis zu 500 Euro gibt es für Hinweise, die einen Sprayer überführen. „Es kommt einem so vor, als würden da Reviere markiert. Wie wenn ein Hund sein Bein hebt, so muss sich ein Sprayer an Hauswänden verewigen“, sagt Albert Keppler vom Reutlinger Ordnungsamt. 50 000 bis 80 000 Euro gibt die Stadt pro Jahr für die Entfernung aus. Entscheidend ist, dass Graffiti so schnell wie möglich entfernt werden, sind sich die Experten einig. „Dann sind die Sprayer frustriert und versuchen es spätestens beim dritten Mal nicht mehr an der Stelle“, sagt Werner Pfisterer, Dienststellenleiter im Tiefbauamt in STUTTGART.

Die Erfahrungen aus MANNHEIM sind dafür ein deutlicher Beleg: Bis vor einigen Jahren hat die Stadt mit hohem finanziellen Aufwand alle Graffiti sofort entfernt. Die Zahl der Schmierereien sank deutlich auf 180 im Jahr 2004. Dann wurde bei den Reinigungskosten gespart, Graffiti blieben länger sichtbar, und im Jahr 2008 wurden schon wieder 477 Straftaten erfasst, wie die Stadt mitteilte. Vielen Städten könnte es in Zukunft ähnlich ergehen, denn durch die Wirtschaftskrise müssen die Kommunen sparen.

In REUTLINGEN bleiben Graffiti schon jetzt länger sichtbar, weil das Geld für die Reinigung fehlt. In vielen anderen Städten ist eine ähnliche Entwicklung absehbar, sagen die Verantwortlichen.

HEIDELBERG gibt derzeit pro Jahr 150 000 Euro für die Graffiti- Reinigung aus. „Und die Tendenz ist steigend“, sagt Jürgen Lang vom Amt für Stadtreinigung. „Das ist ein Kampf wie gegen Windmühlen. Wir sagen immer: In Heidelberg gibt es 100 Leute, die Graffiti sprühen - aber nur zwei, die sie wieder wegmachen.“ In den meisten mittelgroßen Städten wird nicht extra erfasst, wie viel die Graffiti-Entfernung kostet.

Die MANNHEIMER Polizei hat eine dreiköpfige Ermittlergruppe, die sich ausschließlich um Graffiti-Schäden kümmert. Rund 1600 Fälle hatten die Beamten im vergangenen Jahr zu bearbeiten. „Hier gibt es mehrere kleine Gruppe, die miteinander um die besten Graffiti konkurrieren“, sagt Pressesprecher Volker Böhm.

In TÜBINGEN zählt die Polizei rund 20 junge Leute zur Sprayer-Szene. Besonders betroffen ist auch der Öffentliche Personennahverkehr. Bei der Deutschen Bahn in Baden-Württemberg geht der Schaden durch Graffiti nach Unternehmensangaben jedes Jahr in die Millionen. „Weil die Züge überall unterwegs sind, werden Graffiti überregional verbreitet - das schafft Anerkennung in der Szene“, sagt Kathrin Müller von der Bundespolizeiinspektion Stuttgart.

100 000 Euro gibt der Verkehrsverbund in KARLSRUHE pro Jahr für die Graffiti-Beseitigung aus. Das sei wenig im Vergleich zu anderen Städten, sagt Marketingchef Achim Kirchenbauer. „Unsere Fahrzeuge haben auf der Außenseite Werbung - das ist für Sprayer längst nicht so attraktiv wie ein einfarbiger dunkler Untergrund.“

Die FREIBURGER Verkehrs-AG setzt den Sprayern Pflanzen entgegen. „Wir versuchen, unsere Haltestellen zu begrünen, dann werden sie unattraktiv für Sprayer“, sagt Sprecher Andreas Hildebrandt. 50 000 Euro mussten im vergangenen Jahr für Vandalismus-Schäden ausgegeben werden. Während früher vor allem öffentliche Gebäude verschmutzt wurden, sind inzwischen immer häufiger auch Privathäuser das Ziel von Sprayern.

„Das ist in bestimmten Regionen schon ein großes Problem“, sagt Frank Starosta, Geschäftsführer von Haus und Grund in MANNHEIM. Er empfiehlt den Verbands-Mitgliedern, Graffiti so schnell wie möglich entfernen zu lassen. „Eine Graffiti-verschmierte Hauswand berechtigt zu Mietminderungen.“ Auf den Kosten für die Reinigung bleiben Hausbesitzer meist komplett sitzen. „Das deckt keine normale Versicherung ab“, sagt Starosta. „Und selbst, wenn ein Täter ausfindig gemacht wird, sind das meist Jugendliche, bei denen man wenig Aussicht auf Schadensersatz hat.“

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