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Blättern in der Vergangenheit: Grit Peter hat nur wenig aufbewahrt, was sie an ihre Kindheit, Jugend und Studium in der ehemaligen DDR erinnert. Zu sehr habe sie mit der Zeit damals abgeschlossen und in Straubenhardt neu angefangen, sagt sie.
 
Blättern in der Vergangenheit: Grit Peter hat nur wenig aufbewahrt, was sie an ihre Kindheit, Jugend und Studium in der ehemaligen DDR erinnert. Zu sehr habe sie mit der Zeit damals abgeschlossen und in Straubenhardt neu angefangen, sagt sie.   © Kirstein
03.10.2010

Grit Peters eigener Weg zur Einheit

Viel überlegt hatte Grit Peter nicht, als sie zwischen Weihnachten und Neujahr 1989 auf dem Weg nach Karlsruhe war. Noch weniger Ahnung hatte sie, was auf sie zukommen wird. Nur eins war klar: Arbeit finden, im Westen, weit weg von Leipzig, ihrer Geburtsstadt. "Das war eine richtige Hauruck-Aktion", gesteht sich die heute 45-Jährige ein, wenn sie anfängt über die Wendezeit und ihren persönlichen Weg nachzudenken.

Arbeit hat sie gefunden. Bereits im Januar 1990 hat sie eine Stelle in der Pflege im Altenheim "Hochmühle" in Ottenhausen angetreten. Mit ihrem gelernten Beruf konnte sie im Westen nichts anfangen. "Wer brauchte schon einen Freundschaftspionierleiter an einer Schule im Westen." Alle Bemühungen beim Ministerium oder beim Petitionsausschuss seien erfolglos geblieben. Ihr Zeugnis wurde in Baden-Württemberg nicht anerkannt.

Ein Freundschaftspionierleiter war eine Art Schulsozialarbeiter, wie Grit Peter es beschreibt. Ihre Aufgaben: Sie war dafür zuständig den oft sportlichen Nachmittag für die Kinder und Jugendlichen zu organisieren und wöchentlich zehn Unterrichtsstunden zu geben.

Wie eng verstrickt die Politik mit dem DDR-Schulwesen und so auch mit ihrem Beruf gewesen ist, war Grit Peter während ihres Studiums in Weimar nicht bewusst. Sie habe es aber auch erstmal nicht interessiert, wie die dreifache Mutter heute sagt: "Mir ging es darum für die Kinder da zu sein, sie zu unterstützen, mit ihnen Dinge zu unternehmen."

Jedoch hat auch sie im Schulalltag schnell zu spüren bekommen, dass die Politik der DDR doch wichtig war, bei allem, was mit Schule zu tun hatte.. Immer wieder wurde ihr angeraten, in die Partei, die SED, einzutreten. Immer wieder hat sie das abgelehnt. "Ich sah das nicht als notwendig, um an der Schule zu arbeiten." Der Druck auf Grit Peter wurde immer größer. Und als mit der Wende sich vieles veränderte, aber in den entsprechenden Positionen die alten Parteileute blieben, befürchtete die als "Rebellin" verrufene Grit Peter, entlassen zu werden.

Mit dem Aufbruch nach Karlsruhe wollte sie dem zuvorkommen. Und ließ erstmal alles hinter sich: Die Eltern, den Bruder, die Freunde. Nur eins nicht: Die Erinnerungen. Beispielsweise an ihre Kindheit, geprägt vom Sport. Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr war sie Leistungsschwimmerin im Bezirkskader Leipzig. Bis zu jenem Tag, als sie das nicht mehr durfte. Sie sei vermessen und als zu klein befunden worden, hieß es damals. So könne sie als Schwimmerin nie erfolgreich sein. Heute kennt Grit Peter den wahren Grund: "Mein Onkel in München." Mit der Verwandtschaft im Westen habe die politische Führung Angst bekommen, dass sich das Jungtalent bei Weltmeisterschaften im Ausland irgendwann absetzen könnte.

Dabei hätte sie sich das nie vorstellen können. "Mir war egal, ob es bei uns im Osten Bananen gibt oder nicht. Mir ging es auch ohne gut." Im Urlaub ging es an die Ostsee oder zu viert im Trabi und fünfzehn Stunden Fahrt nach Ungarn. Geschätzt habe sie besonders die sozialen Absicherungen, dass es für eine Frau kein Problem war, Karriere und Kind unter einen Hut zu bekommen. "Heute weiß ich natürlich, dass das wirtschaftlich für den Staat nicht gutgehen konnte", sagt Grit Peter.

Süddeutsch mit Ostakzent

Aber den Weg in den Westen hat Grit Peter nie bereut. Zu sehr habe sie sich in den vergangenen 20 Jahren eingelebt. Zu sehr sei Straubenhardt zu ihrer Heimat geworden. Dort leben inzwischen auch ihre Eltern und ihr Bruder, ihre Kinder sind in der Gemeinde aufgewachsen. Wenn sie redet, spricht sie süddeutschen Dialekt, gespickt mit ostdeutschem Akzent.

Und vor acht Jahren hat sie ihre eigene, ganz persönliche deutsch-deutsche Einheit erlebt. 2002 lernte sie ihren Mann Udo kennen, gebürtig aus dem Raum Osnabrück. Im Januar 2003 gaben sich der Nord- und die Ostdeutsche das Ja-Wort und im Juli kam Sohn Staffan zur Welt. "Alles ging im Schnellverfahren. Und wir sind immer noch glücklich", sagt Grit Peter, die inzwischen mit Hauruck-Aktionen ziemlich Erfahrung hat.