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S. Seemann
S. Seemann
20.10.2016

Grüne Landtagsabgeordnete Stefanie Seemann: „Manchmal stehen mir die Haare zu Berge“

Stefanie Seemann kommt überpünktlich zum Interviewtermin – sie hat an diesem Tag noch viel vor. Zuerst steht eine Sitzung im Landtag an, abends dann geht es in den Gemeinderat. Andere hätten ihre Tätigkeit als Stadtrat aufgegeben, als klar war, dass sie in das Stuttgarter Parlament einziehen würden, sagt Seemann. Sie will es zunächst jedoch probieren, beides unter einen Hut zu bekommen. Bislang, erklärt die Mühlackerin, gelinge ihr das ganz gut.

PZ: Frau Seemann, seit einem halben Jahr ist Ihr Arbeitsplatz nicht mehr das Institut für Technologie in Karlsruhe, sondern der Landtag in Stuttgart. Kennen Sie als Grünen-Abgeordnete schon alle Zugverbindungen auswendig oder nehmen Sie doch öfter mal das Auto?

Stefanie Seemann: Nach Stuttgart fahre ich nicht mit dem Auto. Alleine das Reinfahren ist schon stressig und dann muss man auch noch irgendwo parken. Ich bin in fünf Minuten am Bahnhof in Mühlacker. Ich glaube, ich bin mit dem Zug schneller als manche, die in Stuttgart wohnen.

PZ: Sie sind jetzt rund ein halbes Jahr dabei. Haben Sie sich die Arbeit im Parlament so vorgestellt oder gab es Überraschungen?

Stefanie Seemann: Im Grunde genommen habe ich mir vorher überhaupt nicht viel vorgestellt (lacht). Ich habe alles auf mich zukommen lassen. Die Arbeit im Plenum ist manchmal ziemlich zäh – abhängig von bestimmten Parteien, was ich aber eigentlich gar nicht weiter thematisieren will. Die Arbeit in den Ausschüssen ist dagegen sehr konstruktiv. Natürlich muss ich mich noch in vieles einleben. Es ging ja für mich von null auf hundert in ein vollkommen neues Arbeitsumfeld. Dazu kommt, dass ich vorher auch erst zwei Jahre im Beruf war. Da habe ich auch sonst keine Erfahrungswerte mitgebracht. Insofern ist für mich mehr oder weniger alles neu. Das finde ich aber spannend.

PZ: Im Gemeinderat der Stadt Mühlacker haben Sie aber schon Erfahrung. Ist das nicht vergleichbar?

Stefanie Seemann: Von der Grundstruktur ist es natürlich vergleichbar. Die Dimension ist jedoch eine andere. Im Plenum reden die Fraktionsvorsitzenden oder die Leute, die ganz speziell mit dem Thema betraut sind. Man berät das natürlich im Vorfeld – aber zum Reden kommt man selber eigentlich wenig. Wobei das ja im Gemeinderat auch manchmal so eine Sache ist, wenn jeder meint, dass er seinen Senf dazugeben muss (lacht).

PZ: Ihr Schweigen hängt aber nicht damit zusammen, dass Sie zu den Neuen gehören?

Stefanie Seemann: Nein. Es haben bei uns auch schon neue Abgeordnete eine Rede gehalten. Aber es muss zum Thema passen. Und hängt von den Schwerpunkten der Einzelnen ab. Bei mir hat es aber noch nicht gepasst. Von daher habe ich noch keine Rede gehalten.

PZ: Sie sind ja ohnehin niemand, der oft die große Rede schwingt.

Stefanie Seemann: Wenn ich mich vorbereiten kann, mache ich das gerne. Aber das ist eben eine klare Absprache, mit der ich gut leben kann: Es gibt so viele Themen, da ist es wichtig, dass die Leute darüber reden, die eine Ahnung davon haben. Das ist ja schon noch mal eine andere Dimension als im Gemeinderat – auch von der Themenvielfalt her.

PZ: Wie klappt denn die fraktionsübergreifende Zusammenarbeit mit den anderen Landtagsabgeordneten aus dem Enzkreis? Gibt es da überhaupt Gemeinsamkeiten?

Stefanie Seemann: Mit Erik Schweickert von der FDP komme ich ab und zu ins Gespräch. Wir waren beispielsweise kürzlich zusammen im Innenministerium im Zuge der Breitbandförderung. Mit Bernd Gögel von der AfD habe ich – muss ich ehrlich sagen – null Kontakt. Ich strebe auch nicht an, das zu ändern. Aber es gibt eigentlich auch keine Gelegenheit, denn er taucht überhaupt nicht auf.

PZ: Im Plenum?

Stefanie Seemann: Nein, da ist er präsent, aber hier im Wahlkreis treffe ich ihn so gut wie nie. Im Plenum gibt es aber auch keine Anknüpfungspunkte. Speziell die Reden der AfD und ABW, die ja jetzt als Fraktion wieder zusammenkommen sollen, waren teilweise schon heftig. Egal, um welches Thema es geht, bekommen sie immer den Schwenk: „Flüchtlinge nehmen Arbeitsplätze weg, nehmen Wohnungen weg.“ Wenn man sich das dann so massiv anhören muss, da stehen einem manchmal wirklich die Haare zu Berge. Aber gut, das müssen wir aushalten.

PZ: Wo liegen Ihre persönlichen Schwerpunkte, die Ihnen wichtig sind, umzusetzen?

Stefanie Seemann: Ich bin in drei Ausschüssen. Zum Beispiel im Wissenschaftsausschuss. Das ist ein Feld, in das ich mich reinfinden muss. Was ich gerne voranbringen möchte, sind zum Beispiel die Bereiche Reallabore und Citizen Science (Anmerk. d. Red.: Bürgerwissenschaften). Ich werde demnächst ein Gespräch mit der Hochschule Pforzheim führen. Im Moment versuche ich, mir überall erstmal die Grundlagen anzueignen, damit ich dann weiß, wo ich ansetzen kann. Zudem bin ich zuständig für Kunst und Kultur im ländlichen Raum. Und jetzt sitze ich auch noch im Sozialausschuss, in den ich nachgerückt bin. Dort will ich mich mit dem Schwerpunkt demografischer Wandel befassen. Allerdings nicht so, dass man nur auf Senioren und Pflege schaut. Man muss das ganzheitlich sehen. Im Enzkreis beschäftigt mich der öffentliche Verkehr. Das ist etwas, das mir am Herzen liegt.

PZ: Ihr Mann hat ja 2006 auch schon als Abgeordneter kandidiert, es damals aber nicht geschafft. Welche Rolle spielt Politik bei Ihnen daheim?

Stefanie Seemann: Mein Mann ist viel ehrenamtlich engagiert, von daher gibt es viele Themen zu besprechen. Wir haben auch überschneidende Interessen, zum Beispiel Kultur. Wir reden über Politik – aber auch über anderes. Ich erzähle ihm natürlich, was wir im Landtag machen, aber er ist nicht derjenige, der mir reinreden möchte. Ich habe den Eindruck, er nimmt das ganz gelassen und ist einfach stolz darauf, dass ich es in den Landtag geschafft habe. Er war auch derjenige, der mich sehr stark motiviert hat, als ich für die Nominierung angefragt worden war. Ursprünglich habe ich gedacht: Das mache ich nicht. Aber im Laufe der Zeit war mir dann klar, dass ich es versuchen will.

PZ: Sie sind bekannt dafür, viele ur-grüne Ideale zu vertreten. Zum Beispiel, dass man eher mit dem Zug fährt als mit dem Auto. Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist eher ein Realo. Ist er ihnen grün genug?

Stefanie Seemann: (lacht und überlegt) Was soll ich sagen? Ich stimme nicht immer mit seinen Ansichten überein. Aber das ist in jeder Partei so, es sind auch nicht alle CDU-Mitglieder mit Angela Merkel einverstanden. Ich kann nicht alles unterschreiben, was er sagt. Aber wir Grüne sind deshalb in dieser Position, weil er diese Stellung hat und weil er seine Anliegen so glaubhaft nach außen vertreten kann. Er ist der geborene Landesvater.

PZ: Wäre er auch der geborene Bundespräsident?

Stefanie Seemann: Ich würde mir nicht wünschen, dass er vorzeitig geht. Machen könnte er es sicher. Aber ich fände es schwierig für uns Grüne hier in Baden-Württemberg.

PZ: Wird darüber in der Fraktion diskutiert?

Stefanie Seemann: Eigentlich nicht. Das ist eher etwas, das von außen aufgebauscht wird. In letzter Zeit ist es ja auch nicht mehr so das Thema, im Moment sind andere Namen im Gespräch. Er würde das sicher gut machen, da gibt es für mich keinen Zweifel. Für uns Grüne hoffe ich aber, dass er in Baden-Württemberg bleibt.

PZ: Kommen wir noch zu Ihrer eigenen Zukunft. Können Sie heute schon sagen, ob Sie noch einmal für den Landtag kandidieren möchten?

Stefanie Seemann: Im Moment kann ich es mir sehr gut vorstellen. Aber ich bin Realistin genug, um zu wissen, dass es beim nächsten Mal schwierig ist. Ich bin ja nur in den Landtag gekommen, weil es mir gelungen ist, das Direktmandat zu holen. Die Ergebnisse von uns Grünen liegen im Enzkreis nach wie vor unter dem Landesdurchschnitt. Wie sich das beim nächsten Mal entwickelt? Keine Ahnung. Wenn ich es natürlich schaffen könnte, die Grünen insgesamt hier im Enzkreis weiter zu stärken, dann würde mich das freuen und die Chance beim nächsten Mal wäre sicher da, erneut ins Parlament einzuziehen.