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Haareschneiden als Hassverbrechen: Finale im US-Prozess um Amischen © dpa
08.02.2013

Haareschneiden als Hassverbrechen: Finale im US-Prozess um Amischen

Üblicherweise regeln die Amischen ihre Angelegenheiten unter sich. Doch diesmal brauchten sie die Hilfe der US-Justiz: Unbekannte schnitten Gemeindemitglieder in brutalen Überfällen die Bärte ab. Dem Anführer droht nun die Höchststrafe.

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Washington (dpa) - Kein Strom, keine Autos, altertümliche Trachten und ein bäuerliches Leben: Die bibeltreuen Amischen in den USA leben abgeschieden und geraten nur selten in die Schlagzeilen. Bis im Herbst 2011, als ein ultrakonservativer Clan im US-Staat Ohio einige Mitglieder überfiel und ihnen mit Gewalt ihre Bärte rasierte und ihre Haare abschnitt. Ein Gericht in Cleveland verurteilte die Taten als «religiös motivierte Hassverbrechen». Die Schuldigen müssen nun mit langer Haft rechnen. Die Amerikaner rätseln über ein bizarres Verbrechen aus einer Welt, in die sie sonst wenig Einblick haben.

Bis Oktober 2011 trug Bischof Myron Miller aus Ost-Ohio seinen langen schwarzen Bart mit Stolz. Doch dann, in einer Herbstnacht, standen plötzlich fünf bis sechs Amischen-Männer mit langen Bärten und Hüten vor der Tür und weckten den 45-Jährigen und seine Frau Arlene mit lautem Klopfen aus dem Tiefschlaf.

Im Schein der Petroleumlampe rissen sie Miller hinaus in die Dunkelheit und kappten mit Scheren seinen Bart. Er versuchte sich zu wehren, scheiterte, seine Frau schrie. Eine undenkbare Demütigung für Miller - und für alle anderen Opfer, die überfallen, mit Scheren sowie batteriebetriebenen Rasierern malträtiert und ihrer Haare beraubt wurden. «Wir möchten diese Leute hinter Gittern sehen», sagte er der Zeitung «New York Times». Sein Wunsch könnte bald Wirklichkeit werden.

Miller und seine Leidensgenossen haben einen Prozess ins Rollen gebracht, der weit über die Grenzen Ohios hinaus Aufmerksamkeit erregt. 16 Angreifer hat das Gericht in Cleveland der Hassverbrechen für schuldig befunden, das Strafmaß soll an diesem Freitag verkündet werden. Schlüsselfigur im «Bart-Prozess» ist Bischof Samuel Mullet, der Anführer einer kleinen, ultrakonservativen Amischen-Gruppe aus Bergholz. Der 67-Jährige soll 15 Glaubensbrüder und -schwestern aus seiner Gemeinde zu den Zwangsrasuren angestiftet haben.

Medien bezeichnen Mullet als «Sektenführer», der seine Gruppe «wie ein Diktator» geführt habe: Er soll Ungehorsam mit Schlägen bestraft und Menschen tagelang in Hühnerkäfige gesperrt haben, wie aus FBI-Papieren hervorgeht. Auch habe er Sex mit verheirateten Frauen gehabt, um sie «vom Teufel zu reinigen», zitiert die «New York Times» aus einer eidesstattlichen Zeugen-Erklärung.

Bischof Mullet schnitt zwar selbst niemandem das Haar ab, hat aber wegen seiner Position als Anführer der Gemeinde mit der höchsten Strafe von allen 16 Angeklagten zu rechnen. Die Staatsanwaltschaft hat für ihn lebenslänglich gefordert.

Da Amischen ihre Konflikte normalerweise unter sich regeln, gilt die staatliche Verfolgung von Verbrechen in ihren Kreisen als äußerst ungewöhnlich. Die Ermittlungen im «Bart-Prozess» seien besonders schwierig gewesen. Durch die traditionelle Verschlossenheit sind auch die Motive der Angreifer verschwommen. Die Opfer seien ehemalige Mitglieder von Mullets Clan gewesen, die sich mit ihm zerstritten und die Gemeinde verlassen hatten, heißt es in Polizeipapieren. Mullet hätte die Abtrünnigen gezielt bestrafen und demütigen wollen.

Die Angriffe hatten in der Amischen-Gemeinschaft, die landesweit etwa 250 000 Mitglieder zählt, Angst hervorgerufen. Bischof Mullet sehen viele als Gefahr für die ganze Religionsgemeinschaft, die Werte wie Demut und Gelassenheit vertritt. Die Staatsanwaltschaft präsentierte im Gerichtsverfahren 14 Briefe von Amischen, die um eine Gefängnisstrafe für Mullet baten und froh darüber waren, als er durch die Untersuchungshaft aus ihrer Gemeinschaft entfernt wurde.