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Tränen können ein wichtiges soziales Signal sein – aber auch fließen, wenn sich ein Sandkorn im Auge befindet. Foto: Pixabay
Tränen können ein wichtiges soziales Signal sein – aber auch fließen, wenn sich ein Sandkorn im Auge befindet. Foto: Pixabay
17.08.2018

Heul doch! – Warum Tränen so wichtig sind

Emotionale Tränen sind sinnlos – zumindest biologisch gesehen. Und doch ist es wichtig, zu weinen: etwa um anderen mitzuteilen, wie es einem geht, und um Trost zu erhalten. Frauen zeigen auf diese Art zwar häufiger ihre Gefühle als Männer. An den weiblichen Hormonen liegt dies höchstwahrscheinlich aber nicht.

Tränen haben ein Imageproblem. Trotz Männern wie dem kanadischen Premier Justin Trudeau, der in der Öffentlichkeit weinte. Trotz des vermeintlichen Siegeszugs metrosexueller, Gefühle zeigender Männer in den 1990er-Jahren. Wer das nicht glaubt, muss nur eines tun: zuhören. Etwa bei einem E-Jugend-Turnier im Enzkreis, es ist Mitte Juni, die Neun- und Zehnjährigen eines erfolgreichen Vereins aus der Region sind gerade Zweiter geworden. Jetzt stehen sie da, nach dem verlorenen Finale, warten enttäuscht auf ihre Preise – zu gerne wären sie als Mitfavorit ganz oben auf dem Treppchen gestanden. Da kneift einer der Jungs die Augen zusammen, Tränen laufen ihm über die Wange. Sein Trainer sieht das, blickt sauer drein – und herrscht das Kind an: „Wer für uns spielt, weint nicht!“

Da schwingt ein Vorurteil mit: (Auch junge) Männer weinen nicht – Frauen schon. Diese Unterschiede gibt es bei Erwachsenen zwar tatsächlich: Der niederländische Psychologe Ad Vingerhoets hat herausgefunden, dass Frauen in westlichen Gesellschaften pro Monat zwei- bis fünfmal, Männer dagegen kein- bis einmal weinen. Bis zum zwölften Lebensjahr aber weinten Jungs und Mädchen ähnlich häufig.

Sind also doch die viel beschworenen weiblichen Hormone dafür verantwortlich, dass das salzige Gemisch bei Frauen schneller aus den Drüsen fließt? „Ich vermute, es ist andersherum“, sagte Vingerhoets dem „Süddeutsche Zeitung Magazin“. Zwölf- bis 14-jährige Mädchen, die bereits ihre Periode haben, weinen ihm zufolge nicht häufiger als Gleichaltrige, bei denen diese noch nicht eingesetzt hat. Die Schlussfolgerung des Tilburger Professors: „Ich glaube, dass die männlichen Hormone eine hemmende Wirkung auf emotionale Tränen haben.“ Aber auch das Lebensumfeld, die Erziehung, die körperliche Verfassung sowie kulturelle und soziale Regeln hätten darauf einen großen Einfluss. Die Auslöser für die Tränen können sehr unterschiedlich sein: Der Verlust einer nahestehenden Person wurde in einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung von 19,5 Prozent der Befragten, die in den vergangenen zwölf Monaten geweint hatten, als Grund angegeben. Häufig brachten aber auch rührende Filmszenen (18,5 Prozent), Wut und Enttäuschung (15,1), Mitgefühl mit anderen leidenden Menschen (13,0), körperliche Schmerzen (10,9), Stress und Erschöpfung (9,4) und Streit mit dem Partner (9,3) Tränen hervor.

Und das, sagt der Psychologe Vingerhoets, ist auch gut so. Schließlich wirke das Weinen als soziales Signal stärker als jedes Wort. „Und weil es universell ist, versteht man es auf der ganzen Welt.“ 5000 Menschen hat er gemeinsam mit Kollegen nach ihrer bis dato letzten Wein-Episode gefragt. Doch nur die Hälfte davon habe sich nach dem Tränenausbruch besser gefühlt, zehn Prozent sei es schlechter gegangen. Entscheidend für die Frage, ob die Tränen gut tun, ist laut Vingerhoets also nicht das Weinen an sich, sondern die Reaktion des Gegenübers: Nichts verletze nach dem Weinen so sehr wie eine stichelnde Bemerkung oder ein Witz. „Und nichts wünschen wir uns mehr als Trost. Genau wie wir andere brauchen, um uns zu unterhalten, brauchen wir andere, um bei ihnen zu weinen.“

Gibt es überhaupt Freudentränen?

Aber: Tränen sind nicht gleich Tränen. Das zeigt sich in mikroskopischen Aufnahmen der Fotografin Rose-Lynn Fisher. In einer Phase tiefer Trauer war sie auf die Idee gekommen, unterschiedliche getrocknete Tränen zu fotografieren. Das Ergebnis das im Internet unter pzlink.de/4bd betrachtet werden kann: Eine völlig unterschiedliche Topographie der Tränen, wenn diese beim Trauern, beim Lachen, beim Zwiebelschneiden oder aufgrund von Veränderungen vergossen wurden. Zumindest teilweise ist es Wissenschaftlern gelungen, diese Unterschiede auch in der chemischen Zusammensetzung nachzuweisen. So lassen sich drei Tränenformen unterscheiden: Erstens: Emotionale Tränen, die von Gefühlen ausgelöst werden. Zweitens: Basale Tränen, die der Körper kontinuierlich automatisch bildet, um die Augen feucht zu halten und sie so zu schützen. Und drittens: Reflektorische Tränen, die auftreten, wenn das Auge – etwa durch ein Sandkorn oder beim Zwiebelschälen – gereizt wird. Sie alle enthalten zwar Elektrolyte, Wasser und Proteine. Das Verhältnis dieser Stoffe ist jedoch unterschiedlich: So sind in emotionalen Tränen beispielsweise am meisten Proteine enthalten.

Auch Freudentränen hat die Fotografin Fisher in ihren Aufnahmen festgehalten. Diese aber gibt es überhaupt nicht – zumindest ist der Psychologe Ad Vingerhoets davon überzeugt. Diese Tränen flössen, weil etwa in besonders schönen Momenten unbewusst auch an das Negative gedacht wird, das dem Ereignis vorherging – oder gar mit der positiven Entwicklung mitschwingt: bei der Hochzeit der überstandene Liebeskummer, bei der Wahl in ein Amt die Sorge vor der Verantwortung, bei den schönen Erinnerungen das Bewusstsein, wie vergänglich diese guten Phasen, ja das eigene Leben ist.

Dass ihnen bei einem solchen Blick zurück die Tränen kommen, haben auffallend viele Jugendliche aus Pforzheim und dem Enzkreis gegenüber der PZ geschildert. 2000 junge Menschen hatte die PZ über ihren Snapchatkanal gefragt, warum sie zuletzt geweint haben. 15 der Antworten gibt es hier. Und mit ihnen die Erkenntnis: Gefühle zu zeigen, kann ganz schön stark sein.

„Wann hast du zuletzt geweint?“

„Als ich zu meinem besten Freund nach Kasachstan geflogen bin und wir uns am Flughafen getroffen haben. Er hatte auch Tränen in den Augen – Jungs, zeigt auch eure Gefühle!“ (weiblich, 15 Jahre) +++ „Ich hatte letztes Jahr in Vietnam einen Motorradunfall, bei dem ich fast ums Leben gekommen bin. Die Menschen haben mir geholfen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten – reine Herzensgüte.“ (männlich, 24, Pforzheim) +++„Das letzte Mal habe ich vor Freude geweint, als ich erfahren habe, dass mein Onkel nach drei Wochen aus dem künstlichen Koma erwacht ist.“ (weiblich, 16, Pforzheim) +++ „Ich hab alte VHS-Kassetten mit Aufnahmen aus der Kindheit gefunden. Ich habe realisiert, wie vergänglich die Zeit ist und wie sehr ich meine verstorbenen Großeltern vermisse. Ich habe dann im Laufe des Wochenendes sehr viel an die Zeit gedacht. Da kamen schnell die Tränen – freudige und traurige.“ (männlich, 20, Neuenbürg-Arnbach) +++ „Freudentränen, als der Prüfer gesagt hat, dass ich die praktische Prüfung bestanden habe. Tränen der Trauer, als mir meine Mutter gesagt hat, dass meine Oma an Krebs leidet.“ (weiblich, 17, Pforzheim) +++ „Geweint habe ich 2011, als meine kleine Schwester auf die Welt kam. Das kleine Ding so zu sehen, hat selbst mich nicht unberührt gelassen.“ (männlich, 19) +++ „Mir kamen Tränen, weil ich zu viel Stress hatte und mit niemandem wirklich darüber reden konnte. Erst als ich nicht mehr konnte, habe ich mit meinem allerbesten Freund darüber geredet – und er hat mir sooo geholfen“ (weiblich, 17, Pforzheim) +++„Als ich mich im Streit von meiner Mutter verabschiedet habe und in den Bus gestiegen bin.“ (männlich, 16, Pforzheim) +++ „Als mir gesagt wurde, dass ich mir wegen einer Fußverletzung ab jetzt jeden Tag ein Mittel gegen Thrombose spritzen muss – und das mit einer Spritzen- und Nadelphobie.“ (weiblich, 16) +++ „Die letzten Tränen habe ich vergossen, weil mir meine Ex fehlt.“ (männlich, 21) +++ „Positiv: Als ich mit dem TSV Dennach Pokalsieger wurde. Negativ: Vor Schmerz, als ich meine Bänder angerissen hatte.“ (weiblich, 17, Obernhausen) +++ „Immer wenn ich merke, wie wenig Zeit man im Leben hat. Dann kommen einerseits Freudentränen, weil ich so froh ich bin, so eine liebevolle Familie zu haben. Aber andererseits muss ich heulen, weil dann der ungewohnte Gedanke kommt, dass es jeden Tag vorbei sein könnte.“ (männlich, 18) +++ „Ich habe das letzte Mal vor Freude geweint, als meine Mama mir einen wunderschönen Welpen gebracht hat. Und vor Trauer, als mich jemand verarscht hat, weil er vergessen hat zu erwähnen, dass er eigentlich eine Freundin hat.“ (weiblich, 15, Remchingen) +++ „Am Donnerstag vor einer Woche war ich in Heidelberg in der Kinderklinik und sie meinten erneut zu mir, dass sie nicht herausfinden können, an was für einer Krankheit ich leide und sie mir nochmal Blut abnehmen müssen. Da kamen mir dann die Tränen.“ (weiblich, 16 Jahre, Pforzheim) +++ „Ich habe vor zehn Minuten noch geweint: aufgrund des Films „My Girl“, der am Ende sehr traurig wurde“ (weiblich, 15 Jahre, Mühlacker)