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Rocco Artale (rechts) und Rocco Lochiato stehen in Wolfsburg mit einer Italien-Flagge nebeneinander. Im Januar 1962 kamen die ersten «Gastarbeiter» in Wolfsburg an - auch Rocco Artale. Rocco Lochiato kam als Kind mit seiner Familie. Der Start war für viele nicht leicht. Heute bescheinigen sich Italiener, Stadt und Volkswagen, dass die Integration gelungen ist.
Rocco Artale (rechts) und Rocco Lochiato stehen in Wolfsburg mit einer Italien-Flagge nebeneinander. Im Januar 1962 kamen die ersten «Gastarbeiter» in Wolfsburg an - auch Rocco Artale. Rocco Lochiato kam als Kind mit seiner Familie. Der Start war für viele nicht leicht. Heute bescheinigen sich Italiener, Stadt und Volkswagen, dass die Integration gelungen ist. © dpa
17.01.2012

Heute vor 50 Jahren: Italiener erobern Wolfsburg

Wolfsburg. Pizza und Spaghetti gehören zu Wolfsburg wie Volkswagen - gilt die niedersächsische Stadt doch als eine der «größten italienischen Städte außerhalb Italiens». Rund 5000 Wolfsburger haben heute einen italienischen Pass, wie viele Einwohner italienische Wurzeln haben, ist unbekannt.

Am 17. Januar 1962 rollte der erste Zug aus Italien mit rund 100 Arbeitern für das Volkswagen-Werk in den Bahnhof. Eine Bronzestatue, die einen Italiener mit Koffer zeigt, erinnert von Dienstag an vor dem Bahnhof an ihre Ankunft. Der Künstler Quinto Provenziani kam selbst 1962 als Gastarbeiter der ersten Stunde nach Wolfsburg.

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Zum Jahresende 1962 arbeiteten bereits 3188 junge Italiener im Werk, in Spitzenzeiten waren es bis zu 7500. «Die Italiener sind für Wolfsburg ganz wichtig. Sie haben nicht nur die Stadt mit aufgebaut, sie haben die Vielfalt gefördert», sagt Oberbürgermeister Klaus Mohrs (SPD).

Rocco Artale kam am 1. März 1962 in Wolfsburg an. «Niemand hat gedacht, dass er ewig bleibt. Nach ein paar Jahren wollten wir alle zurück nach Italien», erzählt der heute 71 Jahre alte Artale, der viele Jahre in der Wolfsburger Kommunalpolitik aktiv war.

Viele der Gastarbeiter waren gerade 18, 19 oder 20 Jahre alt, kamen vom Land und mussten ohne Sprachkenntnisse in einer ungewohnten Umgebung fernab ihrer Familie klarkommen. Vor allem in der Freizeit habe es Probleme gegeben. «Am Samstag wollten wir auch tanzen und eine Freundin finden. Da sind wir mit den gleichaltrigen Deutschen in Konkurrenz getreten», erzählt Artale.

VW hatte eigens das «Italienische Dorf» gebaut. In zweistöckigen Holzhäusern wurden die Arbeiter zu viert in einem Zimmer untergebracht. Dass der Werkschutz vor dem umzäunten Gelände Wache schob, hob die Stimmung nicht gerade an.

Volkswagen war spät dran mit der Anwerbung von Arbeitern in Italien. «VW konnte zunächst auf dem deutschen Arbeitsmarkt seinen Bedarf decken», erläutert Konzernhistoriker Manfred Grieger. Anfang der 60er Jahre wuchs das Unternehmen dann so stark, dass auch VW auf ausländische Arbeitnehmer angewiesen war. «Die meisten Verträge liefen über ein Jahr, es sollte nur eine Konjunkturspitze abgefedert werden», berichtet Grieger.

«Manche hat das Heimweh schon nach ein paar Wochen zurück getrieben», erinnert sich Lorenzo Annese. Er war vor der großen Welle gekommen. Armut hatte ihn 1958 aus Süditalien auswandern lassen. Zunächst arbeitete er in der Landwirtschaft, 1961 fing auch er bei VW an. Annese schrieb ein Stückchen deutsche Geschichte, als er 1965 zum ersten ausländischen Betriebsrat in einem deutschen Unternehmen gewählt wurde.

«VW, der Betriebsrat, die IG Metall und die Stadt haben immer viel getan, damit Wolfsburg unsere zweite Heimat wurde», versichert der 74-jährige Annese. Ausländerfeindliche Parolen hätten damals wie heute keine Chance im Werk. Bei der Wohnungsvergabe wurde zudem darauf geachtet, dass kein italienisches Ghetto entstand, und als eine der ersten Städte in Deutschland hat Wolfsburg Mitte der 90er Jahre eine zweisprachige Schule eröffnet.

Wie Annese und Artale haben viele Italiener eine deutsche Frau geheiratet, andere haben ihre Familien aus Italien nachgeholt. Auch Rocco Lochiato ist einer, der fest zur Wolfsburger Gesellschaft gehört. Der 61-Jährige ist Präsident des Fußballclubs Lupo. Der erste italienische Fußballverein auf deutschem Boden wurde 1962 gegründet. In der Anfangszeit waren nur Italiener im Verein, schon längst treffen sich Italiener und Deutsche nicht mehr als Gegner auf dem grünen Rasen, sondern spielen in einer Mannschaft. «In den vergangenen 50 Jahren haben die italienischen Beschäftigten die Kultur bei Volkswagen in Wolfsburg entscheidend mitgeprägt», meint auch Betriebsratschef Bernd Osterloh. dpa