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02.12.2009

Heute vor 58 Jahren

Heute vor 58 Jahren stand diese Schlagzeile in der "Pforzheimer Zeitung": Junge Männer plötzlich spurlos verschwunden - Die Werber der Fremdenlegion gehen um - Der Fall eines 18jährigen Pforzheimers

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Fast täglich liest und hört man Mitteilungen über die Werbeaktionen der Fremdenlegion und das plötzliche Verschwinden junger Deutscher. Auch einige Pforzheimer haben in den letzten Jahren ihrer Heimatstadt den Rücken gekehrt und ihren Zivilanzug mit dem französischen Söldnerrock vertauscht. Vor einigen Tagen verschwand wieder ein 18jähriger Pforzheimer spurlos, und erst zu spät erfuhren die Eltern, daß ihr Sohn offenbar der Fremdenlegion in die Hände gelaufen ist.

Gerade in letzter Zeit häufen sich ähnliche Meinungen. Am 28. November mußten wir berichten, daß im Kreis Eßlingen innerhalb zwei Monaten neun junge Männer im Alter von 17 bis 21 Jahren ihr Elternbaus verließen, ohne Abschied zu nehmen. Bittgesuche der Eltern um Rückführung des Sohnes blieben ohne Erfolg. Leider ist dies kein Sonderfall. Junge Männer verschwinden von Zeit zu Zeit ebenso in anderen Städten. Auch in Pforzheim.

Eine Mitteilung, daß in der Pforzheimer Umgebung, so in Weiler diese Woche, Werber der Fremdenlegion „arbeiteten", veranlaßte uns, einige Nachforschungen anzustellen. Nun, die „Aktion in Weiler" entpuppte sich erfreulicherweise als ein Gerücht, doch kamen wir in diesem Zusammenhang auf die Spur eines 18jährigen Hans B. aus Pforzheim, der am 22. November spurlos verschwand und - wie sich nachträglich herausstellte - aller Wahrscheinlichkeit nach in die Fremdenlegion eintrat.

Hans B., der von Beruf Gipser ist, hatte zu Hause kein Sterbenswörtchen verlauten lassen. Nur seinen Kameraden gegenüber, mit denen er sich ab und zu in einem Lokal in Brötzingen traf, in dem auch viele französische Soldaten verkehrten, äußerte er verschiedentlich, er ginge einfach zur Fremdenlegion. Als er dann auf Grund mangelnder Arbeit im Geschäft entlassen, kein Stempelgeld erhielt, entschloß er sich offenbar, seine Absicht in die Tat umzusetzen.

Am 22. November ließ er sich, wie wir feststellten, von der Gendarmerie in der Buckenberg-Kaserne einen Freifahrschein nach Landau aushändigen. Sein jüngerer Bruder, der ihn auf dem Pforzheimer Bahnhof traf, schöpfte keinerlei Verdacht. Ein Freund des 18jährigen, den die besorgte Mutter aufsuchte, hielt zunächst „dicht". Erst später gab der Freund einige Anhaltspunkte, und die hiesige Kriminalpolizei, deren Hilfe man in Anspruch nahm, konnte schließlich durch die Kriminalpolizei Landaus feststellen lassen, daß Hans B. am 22. November in Landau eingetroffen war.

Die Leitung des Sammeilagers in Landau verweigerte jede Auskunft über die Ankunft von Hans B. und gab zu erkennen, daß weitere Nachforschungen zwecklos seien. Bis heute sind die Angehörigen des 18jährigen noch ohne nähere Nachricht. Sie wissen nicht, ist ihr Hans noch in Landau, befindet er sich bereits in Frankreich oder sonst irgendwo in in einem Standort der Fremdenlegion in der weiten Welt. Die Mutter macht sich Tag und Nacht Sorgen um ihren Sohn. Wie gerne würde sie ihn zurückholen, aber die zuständigen Stellen können ihr keine Hoffnung machen.

Nun wartet sie sehnsüchtig auf den ersten Brief ihres Sohnes. Woher mag er wohl kommen? Wie uns die Pforzheimer Kriminalpolizei bestätigte, ist dies nicht das erste Mal, daß besorgte Eltern auf der Dienststeile erscheinen, wenn sie erfahren oder annehmen, daß ihr Sohn über Nacht zur Fremdenlegion verschwand. Doch die Polizei steht ebenso wie die übrigen deutschen Stellen diesen Hilferufen meist machtlos gegenüber. Ist ein junger Mann einmal im Lager untergetaucht, dann ist von deutscher Seite nichts mehr zu machen.

Der Polizei fehlt es an gesetzlichen Bestimmungen, um die Anwerbung von jungen Deutschen für die Fremdenlegion und ihren Abtransport zu unterbinden. Daß diese Bestimmungen fehlen, ist mehr als bedauerliche Tatsache. Viele der jungen Leute gehen ja aus Not oder reiner Abenteuerlust zur Fremdenlegion, ohne jedoch ermessen zu können, wie dieses Abenteuer in Wirklichkeit aussieht und endet. Meldungen über die Verluste der deutschen Fremdenlegionäre in Indochina, die hie und da einmal durchsickern, sprechen eine mehr als deutliche Sprache. Wenn also den amtlichen deutschen Stellen die Hände gebunden sind, sollte es Sache aller Eltern sein, aufklärend und warnend auf ihre Söhne einzuwirken und zu vermeiden suchen, daß sie durch irgendwelche Umstände zu diesem verhängnisvollen Schritt getrieben werden. gs.