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01.12.2009

Heute vor 60 Jahren

Heute vor 60 Jahren stand diese Schlagzeile in der "Pforzheimer Zeitung": Völliger Abbruch des Hauptpostamtes im Gange - Auch der „Goldene Adler" fällt am Wochenende

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I. Nun hat für das alte Pforzheimer Hauptpostamt die letzte Stunde geschlagen. In der Luisenstraße, wo bisher noch die grauen Fassaden des todwunden Gebäudes aufragten, sind die Abbruchkolonnen an der Arbeit, um Raum zu schaffen für den Wiederaufbau. Stück um Stück fallen die brüchigen Mauern. Staubwolken lagern über der Straße. Die Passanten eilen, wo es die absperrende Polizei zuläßt, nur mit angehaltenem Atem durch die Gefahrenzone.

Der gesamte Durchgangsverkehr wird unter großem Aufwand umgeleitet - kurzum, die „Demontage" am Hauptpostamt ist eine Großaktion für die gesamte Bahnhofsgegend. Ständig umlagern Neugierige die stauberfüllte Abbruchstelle. Da wird zum Beispiel gerade ein hochaufragender Teil der Fassade niedergelegt. Eine feste Drahtschlinge umfaßt die lockere Wand, ein LKW dient als Zugkraft - und donnernd stürzen die Trümmer in sich zusammen. Stundenlang geht es so fort. Viele Tage wird es dauern, ehe die traurigen Reste des stattlichen Bauwerkes restlos verschwunden sind.

Wir freuen uns, wenn wir sehen, daß etwas geschieht, daß man Anstalten trifft, um die Spuren des Krieges an dieser wichtigen Stelle zu tilgen. Und doch bedauern wir irgendwie, daß wieder eine Erinnerung an Alt-Pforzheim verschwindet. Wir möchten wünschen, daß das neue Hauptpostgebäude kommender Jahre dem altehrwürdigen Bauwerk ein würdiger Nachfolger wird.

II. Eine erfreuliche Nachricht hörten wir vor kurzem über das Städt. Sozialamt. Hochherzige Spender in den Vereinigten Staaten - in diesem Fall eine alte Pforzheimer Familie - haben mit einer größeren Sendung von Kleidungsstücken vielen Hilfsbedürftigen in Krankenhäusern und Heimen der Stadt eine große Freude bereitet. Mit dieser Sendung haben die beiden Wohltäter - es ist das Ehepaar Emil und Anna Eichholz in St. Paul/Minn. - die Zahl der von ihnen gespendeten oder vermittelten Pakete auf über 2000 erhöht.

Allein 1500 davon bestritt die Familie Eichholz aus eigenen Mitteln, bis sich später auch die lutherische Kirchengemeinde an ihrem christlichen Liebeswerk beteiligte. Beide hochherzigen Helfer, die ihre alte Heimat schon vor Jahrzehnten verließen, sind im Herzen Pforzheimer geblieben und halten enge Verbindung mit ihrer "Goldstadt", deren Schicksale sie mit warmer Anteilnahme verfolgen. Ihre Freude war groß, als im vergangenen Sommer Landrat Dissinger während seiner Amerika-Reise bei ihnen vorsprach, um der Dankbarkeit Ausdruck zu geben, die die Heimatstadt ihnen schuldet.

III. Wenn man in finsterer Nacht durch die nebelfeuchten und oft spärlich erhellten Straßen der Stadt geht, vermerkt man es doppelt unangenehm, wenn der Gehsteig an manchen Stellen durch Bretter, Balken, Erdhaufen und Steinbarrikaden versperrt ist. Man merkt - oder spürt - in solchen Fällen zwar, daß man an einen Bauplatz geraten ist, aber die Freude über die Aufwärtsentwicklung in unserer Stadt wird empfindlich dadurch getrübt, daß man sich nun erst mühsam an der unbeleuchteten Stätte des Aufbaues vorübertasten muß.

Man erinnert sich dabei daran, daß jede Baustelle laut Vorschrift kenntlich gemacht und entsprechend beleuchtet sein muß, wenn sie irgendwie den Verkehr behindert. Widrigenfalls die vielkritisierte Polizei mit vollem Recht ihre Strafbescheide erläßt! - Und wer möchte gerne straffällig werden?

IV. Immer lebendiger wird es in Pforzheims Hauptverkehrsader, der Westlichen, immer vielgestaltiger reihen sich die Geschäfte in ihren Ladenzeilen aneinander. Wieder haben sich in den letzten Tagen vier "Neulinge" ihnen angeschlossen, die bereits mitten im Weihnachtsgeschäft stehen und einen lebhaften Kundenverkehr aufweisen.

Immer lebendiger wird Pforzheims Stadtzentrum - man spürt es auch am Leopoldsplatz selbst Das vielbesprochene Haus des "Goldenen Adler" wird zwar nun weichen müssen, und es geht die Rede, daß schon übers Wochenende der Abbruch beginnt. Aber die Ruine wird das Feld für den Aufbau freigeben, wird es ermöglichen, daß das Stadtbild schöner und würdiger gestaltet wird.

Und zur Verschönerung soll auch der stattliche Tannenbaum beitragen, den man gestern am Leopoldsplatz, wie am Brötzinger Marktplatz, aufrichtete. Als ein Symbol der Adventszeit - wie die unzähligen kleinen Lichterbäumchen vor den Geschäften, die so anheimelnd das Bild der abendlichen Stadt prägen. cpt.