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24.04.2008

Höhenflug des Bodenständigen

Zielsicher peilt Stefan Mappus vom Cockpit aus die Villa Reitzenstein, den Dienstsitz des baden-württembergischen Ministerpräsidenten auf der Stuttgarter Halbhöhe, an. „Jetzt simulieren wir einen Tiefanflug auf das Staatsministerium“, witzelt Mappus – um dann doch noch Richtung Degerloch abzudrehen und, zwischen Fernsehturm und Funkturm hindurch, mit 115 Knoten auf den Nordschwarzwald Kurs zu nehmen.

Kurz zuvor auf dem Flugplatz Hahnweide bei Kirchheim. Ein früher Morgen im April, zähe Nebelschwaden, die nur widerwillig der Frühlingssonne weichen. Flugschüler Stefan Mappus, Cordhose, offener Hemdkragen, schiebt mit Fluglehrer Tobias Krüger die einmotorige Chessna 127 zum Tankplatz. 220 Liter Sprit passen in die Tragflächen, das reicht für fünf Stunden Flugzeit. Nur eine wird es werden an diesem Morgen, die Männer besprechen den Flugplan, es soll über Stuttgart nach Pforzheim, danach über den Nordschwarzwald nach Süden gehen und nach einer Landung in Schramberg oder Rottweil über die Alb zurück.

Gerätecheck, Startvorbereitungen, die Maschine rollt an die Graspiste, Drehzahl hoch, die Cessna hoppelt, die Nadel im grünen Bereich, Mappus zieht – und plötzlich ist die Nase in der Luft, der Boden weg.
Vertrauenerweckend brummt der Motor, der Fluglehrer ist zufrieden und Stefan Mappus am Steuer der Maschine hat beste Laune. Seit Wochen hat er sich auf diesen Termin gefreut und gehofft, weder politischer Alltag noch Wetter würden ihm einen Strich durch die Rechnung machen – keine Selbstverständlichkeit, denn fast drei Monate lang hatte sein Terminplan zuvor keine Flugstunde mehr zugelassen. Umso größer ist die Freude darüber, dass es endlich wieder geklappt hat. „Es macht einfach einen Riesenspaß“, sagt der 42-Jährige, der sich mit der Flugausbildung einen alten Traum erfüllt. „In jungen Jahren war es eine Geldfrage, später eine Zeitfrage“, sagt er.

Inzwischen hat er die Theorieprüfung, über 70 Starts und Landungen und gute 40 Flugstunden, das meiste davon Platzrunden. „Er ist ganz durchschnittlich begabt“, attestiert ihm sein Ausbilder. Vielleicht wird es dieses Jahr noch etwas mit der Praxisprüfung, rund 9000 Euro wird Mappus dann investiert haben. „Die Theorie habe ich ganz schön unterschätzt“, sagt der Pforzheimer, dem Job und Familie oft nur die tiefe Nacht als Zeitfenster zum Büffeln ließen. Den Einsatz war und ist es ihm wert. Mappus ist vom Fliegen begeistert, er ist „angefressen“, wie die Piloten sagen. „Ich habe über Jahre kein Hobby gehabt, jetzt habe ich eins.“ Und wenn ihm die Fliegerei künftig vielleicht auch noch gelegentlich bei Dienstreisen nützlich sein kann, umso besser, da lassen sich vielleicht Zeit und Geld sparen. Kollegen und Freunde stehen schon für einen Mitflug Schlange, auch Ministerpräsident Oettinger hat sich schon gemeldet. Ob Mappus die Familie mitnehmen würde, die beiden kleinen Buben? Der junge Vater zögert. „Das haben wir uns auch überlegt, aber ohne es begründen zu können, gefühlsmäßig eher nicht“, sagt er.

Mit Romantik und grenzenlosen Freiheitsgefühlen über den Wolken hat das Abheben für den als bodenständig und fest verwurzelt geltenden Pforzheimer dabei weniger zu tun, sagt er, mehr mit Faszination und einem immer wieder kindlichen Staunen darüber, dass ein Mensch die Schwerkraft überwinden und fliegen kann. Dazu kommt der Reiz der anderen Perspektive. „Es ist schon was Besonderes, seine Heimat von oben sehen zu können“, sagt Mappus, während er aus rund 500 Meter Höhe über sein Elternhaus in Enzberg bei Mühlacker und sein Wohnhaus im Pforzheimer Wahlkreis fliegt.

„Wo sen‘r denn?“ tönt es eine halbe Stunde später aus dem Funkgerät, als „Delta-Echo-Echo-Bravo-November“, so die Kennung der Chessna, den heimeligen Rottweiler Flugplatz um Landeerlaubnis bittet. Ein kleiner Rumpler beim Aufsetzen, und Mappus' Flugbuch ist um einen Flugplatz erweitert. Kaffee gibt es um diese frühe Stunde noch keinen, die Beine vertreten, dann geht es wieder in die Luft, jetzt auf direktem Weg zurück. Mappus gönnt sich noch etwas fürs Auge, dreht eine Runde um die Burg Hohenzollern, dann kommt schon wieder die Hahnweide in Sicht. Ein perfekter Morgen, gekrönt durch eine gute Landung. Mappus strahlt wie ein kleiner Junge.

Auf den CDU-Fraktionschef aber wartet am Hangar der Fahrer. In einer halben Stunde ist wieder Alltag in Stuttgart – und Mappus hat das Staatsministerium nicht mehr unter, sondern wieder über sich.