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Sportlich unterwegs – nicht nur als Betriebsratsvorsitzender, auch als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender ist der Porsche-Mann Uwe Hück bekannt. Foto: Ronald Wittek
Sportlich unterwegs – nicht nur als Betriebsratsvorsitzender, auch als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender ist der Porsche-Mann Uwe Hück bekannt. Foto: Ronald Wittek © Ronald Wittek
14.12.2011

"Ich bin ein total besessener Porscheaner"

Wer Uwe Hück (51) einmal äußerlich völlig ruhig und auffallend zurückhaltend erleben will, der muss schon eine Hauptversammlung der Porsche SE (Stuttgart) besuchen. Das ist jene Gesellschaft, deren wichtigstes Anlageobjekt im Portfolio die Beteiligung an der Volkswagen AG (Wolfsburg) ist. Anteile: 50,74 Prozent der Stimmrechte, 32,2 Prozent des Eigenkapitals. In der Volkswagen-Gruppe wiederum ist die Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG integriert, also das operative Element des schwäbischen Sportwagenherstellers, aus dessen Qualitätsschmiede die Hochgeschwindigkeitsautos rollen.

Uwe Hück lenkt ein Modell der Hausmarke, den 911er. Das Kultauto fährt 2013 bereits im 50. Jahr über die Asphaltstrecken der Welt – freilich immer wieder neu von den Ingenieuren des Weissacher Entwicklungszentrums mit innovativer Technik bestückt. Unter anderem gehören zur Porsche-Fahrzeugfamilie inzwischen aber auch der hochbeinige SUV namens Cayenne und der Familien-Fünfsitzer Panamera.

Zurück zur Beteiligungsgesellschaft: SE, das ist die Bezeichnung für eine europäische Aktiengesellschaft. Wer also eine dieser Hauptversammlungen besucht, der sieht Uwe Hück brav-schweigend auf dem Podium neben Wolfgang Porsche, dem SE-Aufsichtsratsvorsitzenden, ausharren – und zwar in der Funktion als dessen Stellvertreter. Ins Mikrofon gesprochen wird nur, wenn Versammlungsleiter Porsche zuvor das Wort erteilt.

Außerhalb der von strenger Etikette bestimmten Aktionärstreffen aber hält sich das Energie- und Kraftpaket Hück nicht zurück, wenn ihm danach ist, seine Meinung dezidiert, eigenwillig und öffentlich kund zu tun. Und das kommt oft vor. In verschiedenen Funktionen.

Uwe Hück, das ist zunächst einmal der Vorsitzende des Gesamt- und Konzernbetriebsrats der Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG, außerdem der Betriebsratsvorsitzende von Zuffenhausen und Ludwigsburg. Heutiger Wohnsitz: bei Mühlacker im Enzkreis. Im Alter von 25 Jahren begann Hücks Betriebsratskarriere mit der Wahl zum Vertrauensmann. Jährlich holen die Arbeitnehmervertreter bei Porsche eine Prämie von zuletzt um die 8.000 Euro für die Beschäftigten raus. Hück: „Und die bekommt auch die Küchenfrau. Das ist gerecht.“

Neben dem Mitgliedsausweis der IG Metall hat Hück den der SPD in der Tasche. Gegenüber beiden Organisationen hält er trotzdem nicht zurück mit Kritik. Den jüngsten Tarifabschluss in der Metall- und Elektroindustrie lehnte er ab und gab noch eins drauf: In Zukunft sollen Gewerkschaftsmitglieder zumindest nicht schlechter gestellt werden und einen Ausgleich erhalten. Der Gerechtigkeit wegen. Sie würden schließlich einen Jahresbeitrag bezahlen, im Gegensatz zu den nicht-organisierten Beschäftigten. „Das ist ungerecht“, meint Hück.

Und die SPD: Sie müsse einen wirtschaftsfreundlicheren Kurs fahren, schrieb er im Bundestagswahlkampf dem Kandidaten ins Konzept. Denn: „Wenn wir die Unternehmen nicht fördern, wie wollen wir dann die Arbeitsplätze schaffen?“ Überhaupt die Politik: Dem Handelsblatt verriet Hück vor einigen Monaten, dass er einen Traumjob habe. Er würde gerne das Amt eines Jugendministers übernehmen. Der Grund: „Die Jugend wird dieses Land einmal führen. Wir müssen sie dazu anleiten, dass sie das Land gut führen wird.“ Zum Bildungsbotschafter hat er es immerhin schon geschafft. Dieser Titel wurde ihm auf der Didacta 2013 in Köln verliehen. Es brauche Vorbilder, die den heranwachsenden jungen Menschen vorleben: „Du kannst es zu etwas bringen, wenn du dich nur richtig reinkniest.“ Wichtig sei die Erkenntnis: „Scheitern gehört zum Leben. Du wirst auch mal unfair behandelt. Aber du musst nach dem Fallen immer wieder aufstehen.“

Hück sieht sich als ein solches Vorbild. Schon in frühen Jahren ein Vollwaise, kommt der gebürtige Stuttgarter ins Heim, unter anderem in den Sperlingshof nach Remchingen im Enzkreis. Anfangs mit einer deutlich negativen Prognose abgestempelt, erkennt ein Lehrer bei dem Sonderschüler, so Hück, „dass es Bereiche in meiner Persönlichkeit gab, die nie gefördert worden waren“. Die Wende ist eingeleitet: Der einst schwierige Jugendliche erkennt den Sinn des Lernens, absolviert eine Lehre als Maler und Lackierer, stärkt damit sein Selbstwertgefühl. Dann die Begeisterung für asiatischen Kampfsport. Hück, inzwischen Profi-Boxer und zweifacher Thai-Boxeuropameister, will an den Weltmeisterschaften in Thailand teilnehmen, braucht dazu Geld, will deshalb bei Porsche in der Lackiererei anheuern, wird anfangs von der Personalabteilung abgelehnt und lässt trotzdem nicht locker – mit dem Ergebnis: „Am 1. April 1985 bin ich zu einem total besessenen Porscheaner geworden.“ Was danach kam, ist bekannt.

Über viele Jahre hinweg galt der Betriebsratschef als profilierter Sparringspartner des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Wendelin Wiedeking, „ohne den es Porsche heute so nicht mehr gäbe“, erinnert Hück an jene düstere Zeit in den 1990ern, in der der Sportwagenbauer finanziell kurz vor dem Kollaps stand. Bis Wiedeking kam.

Auch heute noch besteht ein enger Kontakt mit dem Porsche-Sanierer. So unterstützt die Wiedeking-Stiftung beispielsweise den FSV Buckenberg in Pforzheim. Hück ist dort Vereinsvorsitzender. Er trainiert insbesondere benachteiligte Jugendliche mit Migrationshintergrund in der Disziplin des Thai-Boxens. Das soll zum einen das Selbstwertgefühl entwickeln. Außerdem soll es zur Integration beitragen. „Mangelnde Integration ist überall in der Stadt ein Thema.“ Mehr noch: Kürzlich gab Hück bekannt, dass die Gründung seiner Lernstiftung nun in trockenen Tüchern sei. Er plant den Bau eines Bildungszentrums in der Goldstadt. Ziel: den Jugendlichen eine Zukunft geben. Gelder für dieses ambitionierte Projekt sollen unter anderem über einen Boxkampf gesammelt werden. Unter dem Schlagwort „Blaue Flecke für soziale Zwecke“ steht der ehemalige Profi-Thai-Boxer mit Ex-Weltklasseboxer Luan Krasniqi im Ring. Den Feinschliff holt sich Hück von Trainerlegende Ulli Wegner. Während des Kampfes fiebern die Rockbarden Udo Lindenberg und Peter Maffay sowie Schauspieler Ralf Möller mit – um nur einige Prominente zu nennen.

Möller hat ohnehin eine besondere Beziehung zu dem Porscheaner aus dem Enzkreis. Über Hücks 2012 veröffentlichtes Buch mit dem Titel „Volle Drehzahl“ bekennt der Mime, es habe ihn zu Tränen gerührt, als er die Kindheitserinnerungen gelesen habe: „Was Uwe daraus gemacht hat, ist beispielhaft. Nicht nur für deutsche Kids.“

Wenn Uwe Hück also artig-schweigend bei einer Hauptversammlung der Porsche SE am Podium sitzt, dann ahnt der gemeine Aktionär nicht im geringsten, welch’ bewegte Lebensgeschichte sich hinter dem Mann mit seinen 51 Lenzen verbirgt. Dazu muss man den 1,90-Meter-Hünen schon in einer seiner anderen, seiner authentischen Rollen erleben.