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30.07.2008

"Ich fühle mich verarscht" - Reaktionen der Wirte auf die Aufhebung des Rauchverbots in kleinen Kneipen

Ich fühle mich verarscht“, meint Chris Leonhardt, Inhaber der Pforzheimer Espressobar „Mokka“ wütend. Grund für seine Empörung ist das heute beschlossene Urteil des Bundesverfassungsgerichts: In kleinen Kneipen mit nur einem Raum darf wieder geraucht werden. Genau so eine Kneipe ist das „Mokka“ – seine Räumlichkeit fällt unter die 75-Quadratmeter-Grenze.

Jetzt müsste Leonhardt nur noch entscheiden, ob er auf den Besuch von Jugendlichen verzichten möchte oder vielleicht auch auf die „hausgemachten Kuchen“, die auf einer Kreidetafel vor der Tür angeboten werden. Denn diese Kriterien sind Auflagen des Beschlusses: Kein Einlass für unter 18-Jährige und keine „zubereiteten Speisen“ – wobei noch nicht geklärt ist, ob Kuchen als solche Speisen überhaupt gelten.

Glücklich ist Leonhardt trotzdem nicht: „Das ist einfach eine Sauerei“, erklärt er. Na klar, die Einnahmen seien seit dem Rauchverbot vergangenen Sommer zurückgegangen – aber „hätten die sich das nicht vorher überlegen können?!“ Als „sehr, sehr kurios“ bezeichnet auch „Mokka“-Geschäftsführer Philipp Broll die Entscheidung. „Wir wissen nicht, woran wir sind, wir wissen nicht, was wir tun sollen.

Das Urteil wurde viel zu spät gefällt.“ Momentan bleibe für sie alles beim Alten – bei schönem Wetter säßen die Leute sowieso lieber draußen – und im Herbst müsse man dann eben überlegen. Doch wie auch immer: „Der ganze Ärger war für die Katz“, sagt Leonhardt und prophezeit: „Jetzt geht der Krach erst richtig los.“ Fröhlicher blickt Semih Erman drein. Ihm gehört das Café „Ozon“. Weil er seine rauchenden Gäste behalten wollte, musste er letztes Jahr umbauen. „Ich hab’ das gemacht, aber viele andere nicht, darum finde ich die neue Regelung gut.“

Feierabend-Bier und Zigarette

„Sehr zufrieden“ zeigt sich auch Andrea Pfeiffer, Inhaberin der Gaststätte „Kleine Welt“. „Die Leute können wieder machen, was sie wollen, können nach Feierabend ein Bierchen trinken und dürfen auch eine Zigarette dazu rauchen“, freut sie sich. Die Entscheidung sei positiv und gerecht, meint Pfeiffer, und ergänzt: „Nun gehen hoffentlich auch unsere Umsatzeinbußen wieder zurück.“ In einem allerdings stimmt sie ihren Kollegen vom Café „Mokka“ zu: „Das hätten die sich mal vorher überlegen sollen, was sie da für ein Gesetz verabschieden.“
Was die Wirte in Pforzheim ärgert, ist das Hin- und Her. „Wir stellen uns darauf ein, wir überlegen uns Dinge und unsere Umsätze gehen zurück“, sagt Broll. „Und jetzt soll wieder alles geändert werden?“ Auch Rouven Morczinek, Day-Manager in der Bar „Byblos“, ärgert dieses Chaos. „Es ist wieder nur eine Zwischenlösung, und für mich wird es nun noch schwerer“, erklärt er. Das „Byblos“ hat zwar nur einen Raum, ist aber zu groß, um als Raucherkneipe durchzugehen. Ernüchtert fügt er hinzu: „Ich erhoffe mir nicht mehr viel von der Gesetzgebung.“
Sigi Ruedel ist Inhaberin des „Schlosskeller“. Das Pforzheimer Restaurant serviert Speisen – sei aber auch ein „sehr bierlastiges Lokal“, so Ruedel. „Ich kann mit der Entscheidung leben und ich will auch nicht zu hart zur Sache gehen“, sagt sie. „Aber bisschen Wettbewerbsverzerrung ist es schon!“ Und sie weiß: „Die Leute werden uns fehlen, wenn sie dann stattdessen die Raucherkneipen nutzen.“

Ende 2009 soll eine Neuregelung durch die Länder erlassen werden – und wer weiß, was dann passiert? Auch wenn die Pforzheimer Gastronomen geteilter Meinung sind, was das Karlsruher Urteil angeht – in einem sind sie sich einig: „Hundert Prozent Rauchverbot oder jeder darf für sich beschließen, was er möchte“, schlägt Broll als Ideallösung vor. „Der Gastronom soll es sich selbst überlegen und dann mit Schildern zeigen, ob geraucht werden darf oder nicht“, findet auch Morczinek, und Ruedel erklärt energisch: „Man hätte von Anfang an sagen sollen: Rauchverbot für alle – oder der Wirt entscheidet.“