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25.03.2009

Ich habe Angst vor der Zukunft

Erster Platz: Elisabeth Kneip, 16 Jahre, Neuenbürg Blau. Babyblau. Warum ist der denn jetzt blau? Das kann doch nicht sein! Ach du Scheiße! Sandra sitzt im Schneidersitz auf den kalten Fliesen im Badezimmer. Sie ist an die Badewanne gelehnt und hält den Schwangerschaftstest in ihren zitternden Händen. Ihr ungläubiger Blick fixiert den Test, als ob sie dadurch die Farbe auf das gewünschte Ergebnis verändern könnte.  

Eigentlich ist alles normal: die Wäsche schleudert in der Maschine, die Sonne tanzt durch die Jalousien und wirft hübsche Muster an die Duschtür und der Wasserhahn tropft. Der Klempner ist immer noch nicht gekommen. Plong, plong. Ein ganz normaler Sonntag. Alles läuft seine geregelte Bahn, doch Sandra weiß, dass dieser Tag alles für sie verändert.

Ach du Scheiße!!!
Okaaay, Sandra, bleib ruhig, es wird alles gut. Das war nur ein Test. Einer. Und wie jeder weiß, kann da auch mal was falsch laufen. Bestimmt. Ich kann nicht schwanger sein. Verdammte kacke, ich bin doch erst 15!!
Ich will kein Kind! Ich ...ich will nicht eine von diesen Assi-Müttern aus der Nachmittagsdoku werden, die mit 17 zwei Kinder, keinen Schulabschluss und keinen Vater für die Kinder haben.
Oh Mann, mir ist schlecht.
Es war doch nur ein Mal. Ein einziges Mal! Das ist doch total krank! Oh Gott, oh Gott... Kai wird mich verlassen, meine Mutter wird mich ins Internat schicken und mein Vater wird mich wahrscheinlich nie mehr mit einem Jungen ausgehen lassen. Ich kann's ihnen nicht sagen. Ich kann das alles nicht. Ich bin viel zu jung, um Mutter zu werden. Mit 30 oder so, hab'ich gedacht. Aber doch nicht jetzt. Aber...abtreiben? Abtreiben ist Mord. Man muss schon Verantwortung für das übernehmen, was man getan hat, bzw. nicht getan hat. Aber ich hab'nie gedacht, dass ich mal in die Lage kommen würde. Aber Abtreiben ist doch wirklich so 'ne Art Mord. Und ich hab'schon gelesen, dass viele Frauen ihr Leben lang darunter leiden. Aber wenn ich's nicht abtreibe, steh ich in 9 Monaten am Wickeltisch und aus ist es mit der Teeniezeit. Mutter???
Oh mein Gott! Das geht nicht. Ich bin keine Mutter, ich bin doch selbst noch das Kind! Ich will was mit Freunden machen, Parties, Jungs, Alkohol. Was man eben in meinem Alter so macht. Einfach mein Leben weiter leben. Aber für ein Kind muss man rund um die Uhr da sein. Immer. Dann ist wohl die Schule auch erstmal gestrichen. Also, nicht dass ich so gerne zur Schule gehen würde, aber Mann, ich wollte Abi machen und dann studieren. Wie soll das mit einem Kind gehen? Boah, ich hab'echt Respekt vor jeder so jungen Mutter, die ihr Kind großzieht. Allein wenn ich mir das vorstelle! So eine Umstellung. Ich muss mein ganzes Leben umkrempeln, auf einmal erwachsen werden, Veranwortung übernehmen, mein Kind versorgen, ... . Und Kai? Na ja, wir sind jetzt schon fast ein Jahr zusammen und wir lieben uns. Aber ein Kind? Er will erst mal Karriere machen. Für ein Kind ist da kein Platz. Ich will nicht, dass unsere Beziehung kaputt geht, aber...ich will nicht abtreiben. Das kann ich nicht. Mein Kind umbringen. Ach du Scheiße, mein Kind?! Mein Kind?! Ich glaube, ich drehe durch. Wer weiß, vielleicht bin ich ja doch nicht schwanger. Vielleicht hab' ich einfach was Falsches gegessen und muss deswegen ständig kotzen und hab' Bauchkrämpfe. Vielleicht kann ich einfach so weiterleben wie bisher. Nein ...nein. Ich weiß genau, dass das nicht stimmt. Gleich als ich mich das erste Mal übergeben musste, hab'ich gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Und jetzt.. .er ist blau. Der Test ist blau. Blau heißt schwanger, das hab' ich jetzt schon 1000-mal auf der Packung nachgelesen. Blau heißt schwanger. Ich bin schwanger. Fertig. Aus. Ich kann's nicht ändern. Aber wie soll ich es Kai sagen? Und meiner Mutter? Sie wird sagen: „Du musst die Konsequenzen für die Sachen, die du getan hast tragen, Schnecke.“ Na toll! Maaaaan. Wird sie mir mit dem Kind helfen oder wird sie mich rausschmeißen? Nein, rauswerfen würde sie mich nie. Oder? Nein. Aber sie wäre enttäuscht, weil ich nicht auf sie gehört habe, als sie mit mir über Aufklärung und so 'n Zeug reden wollte. Aber ich kann's ja auch nicht geheim halten. Irgendwann sieht man's ja. Und Kai? Wird er mich mit dem Kind und meiner, bzw. unserer Zukunft alleine lassen, oder wird er mich ganz heldenhaft unterstützen und an meiner Seite sein?
Na ja.. .heldenhaft ist das ja eigentlich nicht. Er ist ja auch nicht ganz unschuldig an der Sache. Aber was ist, wenn er will, dass ich es abtreibe? Ich habe solche Angst. Angst alleine gelassen zu werden, Angst zu versagen und keine gute Mutter zu sein, Angst meine Freunde im Stich zu lassen und zu verlieren, Angst vor den Reaktionen der Leute, vor allem vor Kais Reaktion. Ich will ihn nicht verlieren.
Ich weiß noch, in der 6. Klasse hatte ich das erste Mal eine 4 in Mathe. Nach der Schule kam ich heulend nach Hause und hab meiner Mutter verkündet, dass ich jetzt sowieso keine Zukunft mehr hätte. Wie dumm und naiv ich doch damals war. Wegen einer Schulnote meine Zukunft in Frage zu stellen? Zzhh... Meine Mutter hat mich dann immer tröstend in die Arme genommen und gesagt: „Mach dir keine Sorgen. Es gibt immer eine Zukunft.
Und Zukunft ist, was du daraus machst, Schnecke.“ Wenn ich wirklich schwanger bin und ich weiß, dass ich es bin, dann will ich dieses Kind bekommen. Aber trotzdem hab' ich Angst. Ich weiß nicht, wie die anderen reagieren werden, geschweige denn, wie ich mich je überwinden sollte, es ihnen zu sagen. Ich habe Angst meinen Freund zu verlieren und später keinen Schulabschluss zu haben. Aber ich werde dieses Kind bekommen und ich werde das alles irgendwie schaffen.
Das Kind kann ja schließlich auch nichts dafür, dass ich noch so jung bin. Und ich glaube, dass meine Mutter, wenn ich weinend auf ihrem Schoß sitze und ihr alles erzähle... ja... ich glaube, sie wird wie damals zu mir sagen: „ Mach dir keine Sorgen. Es gibt immer eine Zukunft. Und Zukunft ist, was du daraus machst, Schnecke.“

Elisabeth Kneip
16 Jahre
Neuenbürg