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Eine riesige Spraydose hat der Künstler Farbfehler in die Kundenhalle gesetzt. Foto: Meyer
Die Farbe Gold dominiert die Ausstellung – auch in diesem Raum mit Nähmaschine, Kleidungsstücken und jeder Menge Sprühfarbe. Foto: Meyer
Wie die Kunstwerke entstehen, zeigte Baske ToBeTrue live. Foto: Meyer
Einst Kassenschalter, heute Platz für Künstlerporträts von Baske ToBeTrue, Moter One, Farbfehler und Sier (von links). Foto: Meyer
13.03.2017

Im Namen der Dose: Sparkassen-Kundenhalle als Kunstwerk

Pforzheim. Wochenlang war da nur eine rote Wand: vor der Poststraße 3, gleich neben dem PZ-Gebäude. Dort also, wo die Pforzheimer Sparkassenkunden 90 Jahre lang ihre Bankgeschäfte erledigten, war der Eingang verschwunden. Oder genauer gesagt: verdeckt durch eine rote Folie. Bis Montagabend: Für gut 100 geladene Gäste steht die Tür offen.

Sparkassen Kundenhalle wird zum begehbaren Kunstwerk

Diese steigen schnellen Schrittes die Treppen empor, betreten die einstige Schalterhalle – und sehen doppelt: Die vier Künstler, die die Halle in teils grelle, teils aber auch tiefschwarze Farben getaucht haben, stehen nicht nur inmitten ihres Werkes. Sie wurden auch selbst ein Teil davon: Auf vier Schaltern prangen die Porträts von Baske ToBeTrue, Moter One, Farbfehler und Sier.

Bildergalerie: Alte Sparkassen-Kundenhalle wird Kunstwerk - 1

Bildergalerie: Alte Sparkassen-Kundenhalle wird Kunstwerk - 2

Zwei Wochen lang dienten die Räume der Sparkasse Pforzheim Calw den Mitgliedern des Karlsruher Künstlerkollektivs Team Combo als Spielwiese. „Playground“ – so die Übersetzung – heißt auch die Ausstellung, die heute und morgen (10 bis 20 Uhr) für jeden offen steht. Erschaffen hat das Quartett ein auf zwei Stockwerke verteiltes Kunstprojekt, das erst vor den Augen der Besucher vollendet wird: Das Publikum steht bereits in der Kundenhalle, als Baske ToBeTrue im Treppenaufgang zu Spraydosen, Pinsel und umgebauten Feuerlöschern greift und eine Kostprobe seiner Kunst gibt: „Baske“ sprayt er an die Wand, „Playground“ zeichnet er in feiner, aber großflächiger Kalligrafie. Auch die Glasfront, die ihn von den Zuschauern trennt, bekommt etwas von den neun Litern Farbe ab, die er innerhalb von 35 Sekunden aus dem Feuerlöscher jagt. Erschrocken weicht die erste Reihe zurück.

Goldener Glanz in der Goldstadt

Doch das Glas hält dicht, lediglich der Geruch frischer Farbe dringt durch den Türspalt – und spätestens jetzt wissen die Gäste, was Baske ToBeTrues Kollege Farbfehler gemeint hatte, als er versprach: „Wir wollten mehr als Graffiti machen: Performance, Installationen, Styles.“ Dazu gehören etwa Kleidungsstücke seines Labels, die jetzt neben Spraydosen und kleineren Kunstwerken in den Vitrinen zu sehen sind. Aber vor allem all die goldenen Gebilde, die das Team Combo erschaffen hat: ein goldenes Schaf posiert vor einer goldenen Kamera, eine goldene Nähmaschine glänzt in einem goldummantelten Raum im Licht der Lampen, eine gold-schwarze zwei Mann hohe Spraydose scheint den Boden der Kundenhalle zu durchbrechen.

„Machen was wir wollen“

Dass es „keinerlei Vorgaben“ gab, betont Stephan Scholl, der Vorsitzende der Sparkasse Pforzheim Calw. „Alles was in der Halle stand, konnte verändert, verformt, zerstört werden.“

Farbfehler, der mit der Idee zur Transformation der bis dato eher sterilen Bank-Umgebung vor sechs Wochen auf Scholl zugekommen war, bestätigt das: „Es gab keine Regeln, wir durften machen, was wir wollen. Zwar hatten wir durchaus ein Konzept. Aber uns war wichtig, dass wir unser Ding durchziehen können.“ So sei es an vielen Stellen das Mobiliar der Sparkasse, das in den Kunstwerken einer neuen Bestimmung zugeführt wurde.

Feuerwehr wird Halle nutzen

Benötigt wird das Interieur der Schalterhalle nicht mehr. Denn 90 Jahre nach der Einweihung wird diese einem barrierefreien Neubau weichen. Voraussichtlich Ende April, so Scholl, werden die Abrissarbeiten beginnen. Zuvor, diese Überraschung verkündet er während der Vernissage, wird das Gebäude aber noch eine weitere Aufgabe erfüllen: „Wir werden es der Feuerwehr als Trainingsort für die Hausrettung zur Verfügung stellen.“ Angst müssten die Nachbarn davor nicht haben: der Rauch werde bei den Übungen mit Nebelmaschinen simuliert.

Doch vor der Feuerwehr sind es die Kunstinteressierten, die die Halle bevölkern – und die Premierengäste sind von dem Gesehenen angetan. „Ich finde es toll, dass in Pforzheim so etwas ermöglicht wird“, sagt etwa die Pforzheimerin Alexandra-Mona Wolf. „Das ist hier ein Novum.“ Und Nadine Pfau aus Maulbronn lobt das Gesamtkunstwerk: Zwar habe sie die Nähmaschine auf den ersten Blick beeindruckt. „Aber das ist alles außergewöhnlich, richtig toll.“

Bis morgen, 20 Uhr, darf sich davon jeder überzeugen, der Eintritt ist frei. Danach wird die Poststraße 3 wieder durch eine rote Wand verschlossen sein. Und sich für die Allgemeinheit auch eine lange Zeit nicht mehr öffnen.

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