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Recherchierten gemeinsam mit der PZ in Pforzheim: Edgar Vennemann (Kamera), David Schraven (correctiv) und Maik Meuser (RTL, von links).  Foto: Ketterl
Recherchierten gemeinsam mit der PZ in Pforzheim: Edgar Vennemann (Kamera), David Schraven (correctiv) und Maik Meuser (RTL, von links). Foto: Ketterl
20.07.2016

Immobilien sind der Waschsalon der Mafia - Spuren führen nach Pforzheim

Um aus dem sonnigen Sizilien nach Pforzheim zu ziehen, kann es vielfältige Gründe geben. Einige suchen Arbeit. Andere folgen Verwandten. Oder ihrer großen Liebe. Wieder andere haben möglicherweise Dreck am Stecken und suchen gar ein ruhiges Plätzchen, eine gänzlich unauffällige, mittelgroße Stadt, um in Ruhe ihren Geschäften nachzugehen. So, wie Giovanni Z. (Name geändert). Der saß in Italien über zehn Jahre in Haft, wegen illegalen Waffenbesitzes und Mitgliedschaft bei einer mafiösen Vereinigung. Ein enger Verwandter, ebenfalls wegen Mafia-Delikten verurteilt, war mindestens sechs Jahre im Knast. 2007 ziehen die beiden nach Pforzheim. Und nun geht es plötzlich steil aufwärts.

Innerhalb weniger Jahre kaufen die beiden Wohnungen und Häuser im Wert von mindestens 1,5 Millionen Euro. Das belegen Akten, die dem Recherchezentrum correctiv vorliegen. Unter anderem besitzen sie einen Beherbergungsbetrieb. Ist das alles? Ein V-Mann berichtet, die Z.s hätten außerdem untergetauchten Mafiosi „Unterschlupf gewährt“. Giovanni Z. sagt, er sei nach Deutschland gekommen, weil er sich im Knast geändert habe, weil er das „Negative“ hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen wollte. Das sei ihm in Deutschland gelungen.

Koffer voll Kokain

Auch Roberto T. zieht es ins schöne Pforzheim. Einige Jahre zuvor hatte man T. in Panama mit einem Koffer voll Kokain gefasst. Ein V-Mann berichtet, Roberto T. sei ein Cousin von Giovanni Z. Nun folgt er dem aus der Haft entlassenen Z. nach Süddeutschland, lebt sogar eine Weile in einer der vielen Wohnungen von Z. Heute handelt Roberto T. mit Lebensmitteln. Giovanni Z. sagt, er kenne seinen Cousin nur flüchtig. „Es gibt so viele Robertos hier.“

Das Bundeskriminalamt schätzt, dass etwa 550 Mafiosi in Deutschland leben. Das seien die aktenkundigen Kriminellen, Männer wie Giovanni Z. Aber neben ihnen gebe es viele andere. Leute, die sich in Deutschland der Mafia angeschlossen hätten, Strohmänner, Helfer der organisierten Banden, die ohne Akzent sprechen und zum Teil deutsche Nachnamen tragen würden. Doch es wäre falsch zu behaupten, es gebe nur 550 Mafiosi in Deutschland. Die tatsächliche Zahl dürfte weit höher liegen, sagen Ermittler.

Die Mafiosi profitieren von der deutschen Gesetzgebung. Gewinne der Mafia werden nicht automatisch beschlagnahmt, die Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung ist keine Straftat. Erst vor einigen Monaten wurden mehrere Mafiosi trotz Auslieferungsantrag aus Italien in Deutschland laufen gelassen. „Die Mafia könnte in Deutschland ein Vereinsheim eröffnen“, sagt ein Ermittler, „das wäre nicht strafbar.“ Gerade auch Pforzheim ist dem Vernehmen nach so beliebt bei verurteilten Mafiosi. Die kriminelle Karriere des Giovanni Z. beginnt in Sizilien, in einer Kleinstadt in der Provinz Agrigento. Die flachen Dächer der ockerfarbigen Häuser erstrecken sich über mehrere Hügel. Dazwischen wachsen Palmen. In der Stadt existiert die Mafia seit Generationen. Sie heißt hier Cosa Nostra. Die Familie Z. gehört dazu.

Doch in den 1980er- und den 1990er-Jahren rebellieren junge Mafiosi gegen die alten Bosse und gründen die Stidda. Ihre eigene Mafia. Bis zu 5000 Mann, so Ermittler, sollen teilweise dazugehören. Blutige Kämpfe brechen aus, zwischen der alten Cosa Nostra und den Rebellen der Stidda. Über 300 Menschen sterben. Stidda bedeutet auf sizilianisch „Stern“. Denn die Stiddari tätowieren sich oft einen kleinen, fünfzackigen Stern zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand – als Erkennungszeichen. In den Prozessakten der damaligen Fehde tauchen die Namen von Giovanni Z. und dessen Verwandten häufig auf. 1991, nach einem gescheiterten Anschlag auf einen Cosa-Nostra-Boss, flieht Z. zusammen mit seinem Verwandten in eine süddeutsche Großstadt. Sie eröffnen eine Bar. Sie soll sich nach correctiv-Recherchen zu einem Treffpunkt der Stiddari in Süddeutschland entwickelt haben.

Ermittler hören die Mafiosi ab – und werden Zeuge, wie Z. und Co. im Mafia-Jargon über Waffenschmuggel sprechen. 1992 hält eine Polizeistreife Giovanni Z. in seinem Alfa Romeo an, um ihn und zwei Freunde zu kontrollieren. Im Kofferraum liegt eine schwarze Tasche. Als die Polizisten die Tasche öffnen wollen, überwältigen die drei Männer die Beamten, stehlen ihnen die Dienstwaffen und fliehen.

Erst ein Jahr später kann die deutsche Polizei Giovanni Z. und seinen Verwandten nach deren Flucht nach Saarbrücken verhaften. Sie werden an Italien ausgeliefert und zu langen Haftstrafen verurteilt.

Nach 13 Jahren kommt Giovanni Z. frei. Prompt zieht er zurück nach Deutschland. Die Vergangenheit in der Mafia will er hinter sich gelassen haben.

Aber geht das? Wer der Mafia beitritt, schwört eigentlich Treue bis zum letzten seiner Tage. Wer aussteigen will, begibt sich auf einen schweren Weg: Eine Möglichkeit könnte sein, mit der Justiz zu kooperieren – oder er läuft Gefahr, erschossen zu werden. Giovanni Z. lebt noch. Und er hat nicht mit der Justiz zusammengearbeitet.

„Du wirst immer reicher“

Einige Zeit hatten Ermittler einen V-Mann in der Nähe von Giovanni Z. platziert. Er vermutet, dass dieser und sein Verwandter mit den Immobilien Mafia-Geld waschen. „Wenn Du Geld wäschst, verdienst Du ja auch. Du investiert und verdienst Geld, wirst immer reicher“, sagt der V-Mann. Solche Modelle funktionieren immer gleich: Im Namen von entsprechenden Auftraggebern fahren Dritte nach Italien – und bringen Geld mit.

Giovanni Z. weist den Verdacht weit von sich, so zu handeln. Die Immobilien seien durch ehrliche Arbeit verdient. Er sagt, er habe das Geld dafür mit Freunden aufgetrieben. Zunächst hätten sie kleine Wohnungen gekauft, renoviert und weiter vermietet. Dann auch größere Immobilien. Die Kredite der Bank würden durch die Mieteinnahmen mehr als gedeckt.

Offiziell halten sich die deutschen Polizeibehörden bedeckt. Doch nach PZ-Informationen hat man Giovanni Z. seit Jahren „auf dem Schirm“. Erhärten konnten sie den Verdacht der Geldwäsche bislang nicht.

„In Deutschland haben die Mafiosi ihr Mekka gefunden“, sagt der sizilianische Journalist Franco Castaldo, der den jungen Giovanni Z. noch aus jener Stadt in Agrigento kennt, als dieser mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Generell: Um hier ein Ermittlungsverfahren zu eröffnen, müssen zuerst kriminelle Handlungen nachgewiesen werden. Und das ist schwierig, wenn man es mit organisiertem Verbrechen zu tun hat.

Den deutschen Ermittlern fehlt in solchen Fällen das wichtigste Instrument, das in Italien zum besten Mittel im Kampf gegen die Mafia wurde: das Abhören von Telefonaten. Dies wird in Deutschland nur in seltenen Fällen zugelassen. Und wenn es dazu kommt, sind die Kosten oft so hoch, dass nur über sehr kurze Zeit abgehört wird. Übersetzer, die nicht nur Italienisch verstehen, sondern auch noch sizilianische oder kalabresische Dialekte, sind darüber hinaus teuer.

Politiker tun sich schwer

Die Mafiosi schätzen Deutschland, weil hier ihr Vermögen sicher ist. In Italien muss ein verurteilter Mafioso beweisen, dass er sein Geld und seine Häuser legal erworben hat. In Deutschland ist es genau anders herum. Die Ermittler müssen nachweisen, aus welcher Straftat der Besitz stammt. Das ist fast unmöglich. So gibt es in etlichen Städten Ex-Knackis und Pizzabäcker mit Millionenvermögen. Eine Gesetzesänderung soll es bald leichter machen, Mafia-Vermögen zu beschlagnahmen. Noch dauert die parlamentarische Beratung an. Die Mafia hat verstanden: Solange sie in Deutschland nicht tötet, gibt sie Politikern keinen Grund, sich Gedanken über härtere Gesetze zu machen. Giovanni Z. will von all dem nichts wissen. Die Vergangenheit müsse man ruhen lassen. Das alles sei vorbei. Er wolle jetzt in seine Zukunft investieren.

Der Text ist in Zusammenarbeit mit dem Recherchezentrums CORRECTIV entstanden. CORRECTIV finanziert sich ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Der Anspruch: In monatelanger Recherche Missstände aufdecken und unvoreingenommen darüber berichten. Wenn Sie CORRECTIV unterstützen möchten, werden Sie Fördermitglied. Informationen finden Sie unter correctiv.org

Deutschland ist eines der wichtigsten Rückzugsgebiete der italienischen Mafia. Doch im Gegensatz zu Italien kann Mafia-Vermögen in der Bundesrepublik viel schwieriger beschlagnahmt werden. Das RTL-Nachtjournal, das gemeinnützige Recherchebüro correctiv und die „Pforzheimer Zeitung“ sind dieser Thematik auf den Grund gegangen. Die Reportage ist am Mittwoch kurz nach dem RTL-Nachtjournal um Mitternacht zu sehen, außerdem am Donnerstag um 14.30 Uhr auf n-tv. Die Details der Nachforschungen werden um Mitternacht auf der Internetseite correctiv.org veröffentlicht.

Die Mafia in Zahlen

’Ndrangheta

Hauptverbreitungsgebiet: Kalabrien

Mitglieder: etwa 8000

Organisation: Die ’Ndrangheta ist die stärkste Mafia-Organisation in Deutschland. Während andere Organisation hierarchisch strukturiert sind, setzt die ’Ndrangheta auf ein föderales System. Das bedeutet, dass alle Clans gleiche Kompetenzen besitzen. Jeder Clan in sich ist allerdings streng organisiert. In der Regel sind die Mitglieder eines Clans eine richtige Familie, also Blutsverwandte.

Verbreitung in Deutschland: Laut Ermittlungsbehörden halten sich 283 mutmaßliche Mitglieder der ’Ndrangheta in Deutschland auf. Außerdem werden bundesweit etwa 300 Pizzerien der Mafia-Organisation zugeordnet. Die ’Ndrangheta hat sich vor allem in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg und Hessen angesiedelt.

Cosa Nostra

Hauptverbreitungsgebiet: Sizilien

Mitglieder: etwa 5500

Organisation: Seit etwa 1975 legen die Mitglieder der „cupola regionale“ die Leitlinien für die Cosa Nostra fest. Die cupola bilden die Anführer der jeweiligen Clans.

Verbreitung in Deutschland: Laut Ermittlungsbehörden halten sich knapp 80 mutmaßliche Mitglieder der Cosa Nostra in Deutschland auf, vor allem in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg.

Stidda

Hauptverbreitungsgebiet: Südsizilien

Mitglieder: etwa 5000

Organisation: Trotz der Abspaltung ist die Stidda der Cosa Nostra sehr ähnlich. Die Stidda ist jedoch eher netzwerkartig strukturiert und arbeitet weniger mit Hierarchien.

Verbreitung in Deutschland: Bislang liegen zur Stidda wenige Zahlen vor. Ihr Hauptverbreitungsgebiet ist in Baden-Württemberg. Ein Schwerpunkt bildet Pforzheim.

Camorra

Hauptverbreitungsgebiet: Neapel und Umland

Mitglieder: etwa 6500

Organisation: Die Camorra besitzt keinen Kopf an ihrer Spitze. Sie setzt sich aus vielen Familien zusammen, die allerdings in Konkurrenz zueinanderstehen. Daher gibt es häufig mehrere Familien, die sich zusammenschließen für gemeinsame Geschäfte.

Verbreitung in Deutschland: Laut Ermittlungsbehörden halten sich rund 90 mutmaßliche Mitglieder der Camorra in Deutschland auf. Vor allem in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg und Hessen.

Sacra Corona Unita

Hauptverbreitungsgebiet: Region Apulien

Mitglieder: etwa 1600

Organisation: Die Mafia besteht aus etwa 50 Clans. Das Hauptgeschäft macht die Apulische Mafia vermutlich mit Drogenschmuggel zwischen Montenegro und Italien.

Verbreitung in Deutschland: Laut Ermittlungsbehörden halten sich etwas über ein Dutzend mutmaßliche Mitglieder vor allem in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz auf.