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Die Innenstadt aus der Luft: Unten schwingt sich die Straße den Schloßberg hinauf, und nach oben hin ziehen sich die Fußgängerzone (Mitte), die Zerrennerstraße (links) und die Luisenstraße als senkrechte Linien gen Weststadt (oben).
Innenstadt von oben
16.01.2008

Ist die Innenstadt noch zu retten?

Der Wochenmarkt künftig vor dem Rathaus, eine Markthalle auf dem Turnplatz, die Zerrennerstraße untertunnelt, ein Ringverkehr um die Innenstadt und diese gestalterisch aufgewertet: So sieht sie aus, die Vision für die City, wie sie am 17. Oktober 2007 bei der  Podiumsdiskussion "Ist die Innenstadt noch zu retten" im PZ-Forum entwickelt wurde.

Wenn sich Kaufleute und Unternehmer, Planer, Politiker und normale Bürger treffen, um über die Zukunft ihrer Stadt zu reden, dann hat das immer was von den Versammlungen im alten Griechenland, als mal eben so die Demokratie erfunden wurde. Und weil es sie seitdem gibt, muss man sie heute nicht mehr erfinden und kann sich bei solchen Treffen dem einen, einzigen Zweck widmen: Wo wollen wir hin mit unserer Stadtmitte, wie machen wir sie zukunftsfest?

Macher im Publikum

Das haben sie sehr ausgiebig und lebhaft diskutiert, die rund 200 Gäste des PZ-Forums zum Thema Innenstadt-Entwicklung am Mittwoch- abend. „Ich sehe im Publikum viele Persönlichkeiten, die Macher-Status haben“, sagte PZ-Chefredakteur Jürgen Metkemeyer in seiner Begrüßung. Auf dem Podium neben ihm saßen der Schmuck-Unternehmer Hanspeter Wellendorff, Baubürgermeister Alexander Uhlig, Pforzheims oberster Wirtschaftsförderer Christoph Dickmanns, Kaufhof-Chef Carl-Josef Dreker und Star-Architekt Peter Schmidt.

Der hatte mit einem Interview in der PZ die Debatte um die Innenstadt mit neuem Zündstoff angereichert, als er die These aufstellte: Was dieser Stadt fehlt, ist ein Motor für die Stadtentwicklung. Ja, was? Ja, wie? Hat denn die Stadt keine Oberbürgermeisterin? Keinen Baubürgermeister, keinen Wirtschaftsförderer, keinen Gemeinderat? Nein, er meine keine einzelnen Personen, sagte Schmidt, er meine eine Institution, die sich nicht alle paar Jahre einer Wiederwahl stellen müsse, sondern unabhängiger sei. Was die Innenstadtentwicklung brauche, seien bisweilen auch schmerzhafte Entscheidungen gegen Einzelinteressen.

„Wie scheußlich“

Demgegenüber erläuterte Hanspeter Wellendorff, wie es sich mit der von ihm geplanten Markthalle auf dem Turnplatz verhalte. „Ich sehe den Turnplatz jeden Tag und wundere mich, wie scheußlich er vor mir liegt“, sagte Wellendorff.

Um das zu ändern, will er eine Markthalle bauen mit einem 800 Quadratmeter großen höherwertigen Supermarkt, einzelnen Gastro-Ständen und natürlich mit Händlern, die dort ihr Obst und Gemüse und überhaupt all die Dinge anbieten, die es auf einem Markt eben gibt. Sein Vorbild: Die Stuttgarter Markthalle. Die ist umgeben von Marktständen auf dem Marktplatz, und genau das könnte das Problem werden. Mit Bekanntwerden von Wellendorffs Plänen ist eine Debatte entbrannt, ob der Wochenmarkt nach dem Bau der Halle überhaupt noch genügend Platz auf dem Turnplatz fände oder nicht besser umzieht auf den neu gestalteten Marktplatz vor dem Rathaus.

Wer immer dies am Mittwoch zur Belebung der Innenstadt in einem Redebeitrag forderte, erhielt lebhaften Beifall der 200. Ganz eindeutig genießen andererseits auch die Wellendorffschen Markthallen-Pläne mittlerweile eine weit breitere Sympathie als bei ihrem Bekanntwerden.

„Das ist der Verkehr“

Denn der Schmuckunternehmer legte im PZ-Forum erneut den Finger in eine offene Wunde, als er sagte: „Wenn wir ehrlich sind, dann hört die Innenstadt an der Zerrennerstraße auf.“ Peter Schmidt griff den Ball auf. „Man muss etwas Grundsätzliches klären, und das ist der Verkehr.“ Es sei gar nicht so schwer, einen Ringverkehr um die Innenstadt zu organisieren, sagte Schmidt. Das wiederum bestritt Baubürgermeister Alexander Uhlig, der vor vorschnellen und unausgegorenen Lösungen warnte, die im Zweifelsfall auch von übergeordneten Stellen nicht genehmigt würden. „Wir sind dabei, einen Generalverkehrsplan aufzustellen, und das wird bis Ende 2008 dauern“, so Uhlig. Er brachte aber als Sonderpunkte erneut eine Untertunnelung der Zerrennerstraße und das Linksabbiegen am Schlossberg ins Gespräch.

Aus dem Publikum bekam er postwendend von Hermann Schütz, dem Vorsitzenden von „Pforzheim mitgestalten“, die Bitte, diese Untertunnelung mittelfristig zu ermöglichen. Am Ende waren es mehrere Redebeiträge, die den Verkehr von der Zerrennerstraße verbannen, die Fußgängerzone in Richtung Dillsteiner Straße ausdehnen wollten.

Keine echte Fußgängerzone

Fahrzeuge aus Innenstadtbereichen zu verbannen: Das hatte auch Kaufhof-Chef Dreker im Sinn. „Wenn 1500 Busse durch die Stadt fahren, kann man nicht von einer Fußgängerzone sprechen.“ Überhaupt gelte es, in der Innenstadt selbst für höhere Attraktivität zu sorgen. „Handel braucht ein attraktives Umfeld“, kulturelle Veranstaltungen, vielfältige Gastronomie, so Dreker. FDP-Stadtrat und Marketing-Professor Dieter Pflaum unterstrich dies mit einer neuen Studie des Trendforschers Horst Opaschowski, wonach die Attraktivität von Innenstädten in erster Linie, nämlich zu 52 Prozent, von den Geschäften abhänge, die es dort gibt, zu 49 Prozent an Fußgängerzonen, weiter an kurzen Wegen, guter Erreichbarkeit und Verkehrsanbindungen hänge. Straßencafés, kulturelle Veranstaltungen und gepflegte Grünanlagen rundeten das Bild ab.

„Endlich aus der Schublade“

Während Wirtschaftsförderer Christoph Dickmanns die Chancen, die Pforzheim hat, in den Mittelpunkt gerückt sehen wollte, forderte der neue IHK-Vorsitzende Burkhard Thost aus dem Publikum heraus ihn und die Stadtverwaltung auf, das vorliegende Märkte- und Zentrenkonzept „endlich aus der Schublade zu holen und umzusetzen“. Und bei Baubürgermeister Uhlig hielt Thost mit seinem Unmut nicht hinterm Berg: Aus der Untertunnelung der Zerrennerstraße „machen Sie ja wohl ein 25-Jahres-Programm“.

Markthalle mit Verfallsdatum

Einen festen Zeitpunkt bekamen die Anwesenden indes versprochen – und zwar von Hanspeter Wellendorff. Auch ihm sind die zahlreichen Prüfungen seines Vorhabens durch die Stadt zu viel. „Die Markthalle, wenn sie denn kommen soll, hat ein Datum.“ Es werde entweder einen Spatenstich bis Ende 2008 geben oder jemand anders möge eine solche Halle bauen. (Anmerkung der Redaktion: Der Gemeinderat hatte sich am 18. Dezember 2007 mit 20 zu 19 Stimmen gegen den Bau der Wellendorffschen Markthalle entschieden.)