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14.02.2008

Jedem Tierchen sein Plaisirchen

Müssen wir wirklich über das reichhaltige Angebot in unserer Tageszeitung streiten? Ich würde sagen, jeder findet in ihr etwas für seine intellektuellen Bedürfnisse und für seinen persönlichen emotionalen Geschmack!

Morgens gegen sieben bin ich gut dran! Während ich so flink wie möglich das Frühstück bereite, schlenkert mein Mann den Hund draußen einmal um den Laternenpfahl und rast noch mit ihm ein Stückchen spazieren. Danach gehen wir wenigstens eine Viertelstunde lang zum gemütlichsten Teil des Tages über. Hund Django bringt uns die Zeitung und wir „ Eltern“ machen uns in eingespielter Reihenfolge über sie her. Mein Mann schnappt sich sogleich die Teile „ Pforzheim“, „ Sport“ und- aus ihm bekannten Gründen- die Todesanzeigen, während ich das Filetstück ergattere, nämlich „ Politik und Panorama“. Wie ein Trüffelschwein spüre ich nun die interessantesten Happen für Hirn und Herz auf. Bisher wurde ich auch nie enttäuscht, sondern stets fündig.

Wie relativ aber die Erwartungen an eine Zeitung sind, merke ich oft im Gespräch darüber mit anderen Lesern. Einmal war ich ja bass erstaunt! Es ist zwar schon einige Jährchen her, aber doch repräsentativ für ähnlich ablaufende Auseinandersetzungen über dieses Sujet: Völlig begeistert hatte ich die Nachricht aufgenommen, dass Albert Schweitzers uralter Papagei nach dem Tod seines „Herrchens“ , meines großen Idols, aus dem afrikanischen Lambarene zu entfernten Verwandten nach Italien gekommen war und man ihm dort Italienisch beizubringen versuchte… Ich war gespannt, ob das klappte. Und ich brannte darauf, mich etwas später mit einer meiner „ Gassi -Freundinnen“ darüber austauschen zu können. Prompt traf ich dann auch eine von ihnen am Waldesrand. Während wir unsere Hunde schön „ Zeitung lesen“ ließen- Hundebesitzerjargon für intensives Stöbern und Schnüffeln- politisierten wir ein wenig um schließlich zu meinem Knüllerthema des Tages zu gelangen: Albert Schweitzers Papagei. Da stach ich aber in ein Wespennest! Erregt zog die Frau vom Leder: „ Eine Zeitung, die etwas auf sich hält, bietet doch so etwas nicht ihren Lesern an! Als wären wir infantil und neugierig! So etwas will eine Großstadtzeitung sein. Wieder einmal ein Grund, dieses Käseblatt endlich abzubestellen…!“ Da bewahrheitete sich der plattdeutsche Spruch: „ Wat de een sien Uhl is de anner sien Nachtigall.“ ( Was dem einen seine Eule ist dem andern seine Nachtigall) Was die Frau als „ Käseblatt“ titulierte, war für mich die „ niveauvolle Zeitung mit Herz“. Während für sie Neugier eine Art Sünde darstellte, bedeutete sie für mich bloß eine harmlose Vorstufe der Wissbegier. Da aber schon die alten Lateiner wussten, dass sich über Geschmack nicht streiten lässt ( nämlich „ De gustibus non est disputandum“) , verkniff ich es mir die Weisheit von Goethe an die Frau zu bringen: „ Ein wirklich großer Mensch ist einer, der sein Kinderherz nicht verliert“ und murmelte ein wenig verschlagen und auf Konsens aus: „ Na ja, ich habe mich halt für diesen speziellen Papagei interessiert, weil er doch Schweitzers Tier war, den ich so verehrte…“

Aber im Vertrauen gebe ich es zu: Ich habe den armen ermordeten Moshammer nicht geliebt , dennoch war ich froh zu lesen, dass sein Hündchen Daisy schlussendlich beim Chauffeur ein schönes neues Zuhause fand. Auch verspüre ich keine besondere Affinität zu Schiffen oder Wasservögeln, und doch hat es mich glücklich gestimmt, dass der so unsterblich in ein Tretboot verknallte Schwan mit diesem zusammenbleiben durfte, jedenfalls so lange bis er sich in einen schwarzen Schwan verliebte. (Als ich das las, musste ich an mich halten, um nicht das verlassene Boot zu bedauern…) Na, und mir kann keiner vormachen, nur ich allein hätte fieberhaft den Entwicklungsprozess vom Eisbären Knut in der Zeitung verfolgt, und nur ich sei es, die auf weitere Nachrichten vom Wiener Pandabärchen lauert, dem ich übrigens lieber den Namen Smilla gegeben hätte… Um als Ausgleich für all das Ernste, Schwierige, Schlimme in unserer Welt ab und zu mein Kinderherz höher schlagen lassen zu können, muss ich mir doch nicht ständig diverse entsprechende Zeitschriften kaufen. Wozu habe ich schließlich- ob offline oder online- eine aufgeschlossene Tageszeitung, die nahezu alle Aspekte des Lebens anzusprechen vermag?