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Die Aufnahme zeigt den elfjährigen Jungen Jeremie, der seit dem 20.11.2012 vermisst wird. Die Polizei hat die Fahndung nach dem Elfjährigen fortgesetzt, der mit einem Auto aus Lübtheen (Mecklenburg-Vorpommern) ausgerissen ist und allein nach Hamburg gefahren sein soll.
Die Aufnahme zeigt den elfjährigen Jungen Jeremie, der seit dem 20.11.2012 vermisst wird. Die Polizei hat die Fahndung nach dem Elfjährigen fortgesetzt, der mit einem Auto aus Lübtheen (Mecklenburg-Vorpommern) ausgerissen ist und allein nach Hamburg gefahren sein soll. © dpa
23.11.2012

Jeremie weiterhin verschwunden - Eltern waren drogenabhängig

Hamburg. Der elfjährige Jeremie reißt aus einem Wanderzirkus aus. Ist er bei seiner Großfamilie in Hamburg? Das Jugendamt sollte für Jeremie sorgen - nun gerät die Behörde unter Druck.

Die wichtigste Frage lautet: Wo steckt Jeremie? Der elfjährige Ausreißer ist seit Dienstag verschwunden. Mit dem Kleintransporter einer Zirkusfamilie, bei der ihn das Jugendamt unterbrachte, soll der Junge gut 100 Kilometer von Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern nach Hamburg gefahren sein. So hieß es am Anfang. Inzwischen vermutet das zuständige Bezirksamt Hamburg-Mitte allerdings, dass das Kind Hilfe von einem Erwachsenen bekam. «Das erscheint sonst kaum möglich», heißt es. Der Satz könnte auch auf die Vorgeschichte von Jeremies Flucht passen.

Der Junge wächst in Hamburg auf. Seine Eltern waren nach Angaben der Behörde drogenabhängig, bei den Großeltern soll er geschlagen worden sein. «Das Familiengericht hat entschieden, das Sorgerecht zu entziehen», erklärt eine Sprecherin. Dafür seien «handfeste Gründe» nötig. Näheres will sie nicht sagen - und verweist auf den Datenschutz. Ihr Chef, Bezirksamtsleiter Andy Grote (SPD), wird deutlicher: Wiederholt sei das Kind aggressiv gegen sich und andere geworden.

Vor knapp zwei Jahren kommt Jeremie zu dem Wanderzirkus. Das Jugendamt Hamburg-Mitte lässt ihn dort über einen freien Träger der Jugendhilfe, den Neukirchener Erziehungsverein, unterbringen. Die Zirkusfamilie hat bereits sieben eigene Kinder.

Dass Jeremie ausgerechnet bei dem Wanderzirkus einquartiert wird, hängt auch mit seiner Herkunft aus einer Roma-Familie zusammen, wie die Sprecherin sagt. «Das war mit einer der Gründe.» Schließlich müsse man schauen: «Was findet Akzeptanz?» - und zwar sowohl bei der Herkunftsfamilie als auch bei dem Kind. Zudem hätten andere Träger den Jungen, der als schwierig und auffällig galt, abgelehnt: «Es ist nicht gelungen, eine andere Unterbringung zu finden.»

Jeremies Mutter und Großeltern erheben nun schwere Vorwürfe gegen das Jugendamt und die Zirkusfamilie. «Er hat immer wieder weinend angerufen, ist geschlagen und ausgenutzt worden», sagt seine Mutter dem «Hamburger Abendblatt» (Freitag). «Er wollte nur zurück zu uns. Man hat ihn gezwungen, Diesel zu klauen und morgens um sechs Uhr die Ställe auszumisten. Schlafen muss er in einem unbeheizten Bauwagen.» Die Großmutter sagt der «Bild»-Zeitung (Freitag): «Wir wollten mit Jeremie Weihnachten feiern, aber das Amt hat das verboten.» In dem Wanderzirkus soll der Junge Medienberichten zufolge als Clown aufgetreten sein, ein Video soll ihn als Feuerschlucker zeigen.

Nach dem Methadon-Tod von Chantal steht das Jugendamt Hamburg-Mitte wieder im Zentrum der Kritik. Das elfjährige Mädchen, das in der Obhut drogensüchtiger Pflegeeltern war, starb im Januar an einer Überdosis der Heroin-Ersatzdroge. Jetzt hagelt es erneut Kritik von Grünen und CDU.

«Dieser Fall wird immer dubioser, und bedauerlicherweise ist mal wieder das Jugendamt Mitte betroffen», heißt es bei der grünen Bürgerschaftsfraktion. Die Unterbringung koste die Stadt Hamburg mehrere tausend Euro pro Monat - dafür müsse man eine intensive pädagogische Betreuung des Kindes erwarten. Aber: «Eine pädagogische oder sozialpädagogische Ausbildung hatten die Betreuer der sogenannten Fachpflegestelle im Zirkus nicht.» Auch die rechtliche Grundlage der Unterbringung sei fragwürdig und völlig unklar.

Die CDU-Fraktion fordert, es müssten viele offene Fragen rund um das Jugendamt Hamburg-Mitte geklärt werden. «Man muss sich ernsthaft Sorgen darüber machen, ob der Schutz der Kinder, die von diesem Jugendamt betreut werden, überhaupt vollständig und jederzeit gewährleistet ist», teilt die Fraktion mit. «Die Häufigkeit an Vorkommnissen und die Vielzahl negativer Schlagzeilen in kurzer Zeit sprechen nicht für die Qualität des Jugendamtes.» Es bleibe zu hoffen, dass der Junge möglichst schnell gefunden wird.

Bisher gibt es nur ein Lebenszeichen von Jeremie: Am Mittwoch soll er seine Großeltern angerufen haben. Der Transporter der Zirkusfamilie war am gleichen Tag vor einem Hamburger Friedhof entdeckt worden. Kriminaltechniker untersuchten das Auto «nach allen Regeln der Kunst», sagt eine Polizeisprecherin. «Wir nehmen die Sache ernst. Jeder ist mit einem Bild in der Tasche im Einsatz.»

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