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18.01.2014

Joachim Deckarm wird 60: "Ich glaube, dass ich ein gutes Leben führe"

Saarbrücken. Seine Augen funkeln und schauen neugierig, sein Händedruck ist fest, sein Lächeln etwas schief. Joachim Deckarm lässt sich aus dem Rollstuhl in einen Stuhl am Tisch helfen und greift zum Apfelsaftglas mit Strohhalm. «Ich glaube, dass ich ein gutes Leben führe», sagt er. Am 19. Januar ist in Saarbrücken großer Bahnhof für den einst besten Handballer der Welt. Zu Deckarms 60. Geburtstag kommen über 100 Ehrengäste, darunter die Weltmeistermannschaft von 1978. «Wir feiern - ein bisschen», sagt der Jubilar schelmisch.

Fast 35 Jahre nach seinem folgenschweren Unfall beim Europacupspiel des VfL Gummersbach im ungarischen Tatabanya, als er mit einem Gegenspieler zusammenstieß und bewusstlos mit dem Kopf auf dem Betonboden aufschlug, ist Deckarm mehr als einfach nicht vergessen: Durch seinen bedingungslosen Willen und seinen Optimismus, Dinge wieder lernen zu können, die er durch sein schweres Schädel-Hirn-Trauma verloren hat, ist er «das Symbol eines unermüdlichen Kampfes geworden». So sagt es Bernhard Bauer, Präsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB). «Depressionen habe ich nie gehabt», erklärt Deckarm selbst.

Nicole Rosche erlebt ihn jeden Tag. Ob er ein angenehmer Patient ist? «Absolut. Sehr», sagt sie und schaut Deckarm liebevoll an. Schon im siebten Jahr pflegt sie ihn hauptamtlich. Nur zum Mittagsschlaf und nachts ist er alleine in seiner Wohnung im Haus der Parität in Saarbrücken, ausgestattet mit einem Notrufknopf am Bett. Im Schichtbetrieb sind auch Jan und Moritz bei ihm, die ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren. Etwa 70 000 Euro kostet die Betreuung im Jahr, aufgebracht wird sie vom Joachim-Deckarm-Fonds unter dem Dach der Deutschen Sporthilfe.

Zum Fonds-Ausschuss gehört auch Klaus Zöll, der an diesem Tag mal wieder nach Saarbrücken fährt. Der Ex-Trainer des TV Großwallstadt zeigt auf ein Schild an der Autobahn: Ausfahrt Homburg, Uniklinik. Hier lag Deckarm damals nach seinem Rücktransport aus Ungarn. An jenem 30. März 1979 in Tatabanya war kein Arzt in der Halle, als der Gummersbacher Handballer verunglückte. Über 50 Kilometer musste er auf einer Landstraße nach Budapest ins Krankenhaus gebracht und dann noch einmal verlegt werden: zu einem Gehirnchirurgen. Die Diagnose war schrecklich: Schädelbasisbruch, Hirnhautriss, Quetschungen, Schädel-Hirn-Trauma. Deckarm lag 131 Tage im Koma und wurde ein Pflegefall.

An das Unglück kann sich der 104-fache Nationalspieler nicht erinnern, den Film möchte er nicht sehen. Deckarm musste alles wieder lernen, sich bewegen, sprechen. Sein Ziel war immer, wieder alleine gehen zu können. «Wenn es so bleibt, wie es ist, fände ich es ganz gut», sagt er jetzt.

Er ist für Außenstehende manchmal schwer zu verstehen, sein Kopf sinkt nach einigen Minuten oft auf die rechte Seite. Aber er führt ein selbstbestimmtes Leben und wird 2015 in ein neues Appartement im alten Stadtbad Saarbrücken ziehen, wo ein Drei-Generationen-Haus entsteht. Deckarm trainiert zwischen 20 und 24 Stunden in der Woche, er schwimmt, klettert, radelt auf dem Ergometer, macht Gymnastik. Seine Devise: «Ich will, ich kann, ich muss.» Er spielt Schach und Skat, schaut «Wer wird Millionär?» und Nachrichten im Fernsehen.

Am liebsten aber ist er mit anderen Menschen zusammen. «Er hat Riesenspaß, wenn Leute auf ihn zukommen», sage Zöll. Seine beiden «uralten» Leichtathletik-Kumpels Wolfgang Klein und Michael Volz gehen mit ihm jeden zweiten Mittwoch in eine Kneipe. Der frühere Bundestrainer Heiner Brand, Deckarms einstiger Mitspieler, sagt über ihn: «Jedes Zusammentreffen mit ihm ist etwas Besonderes. Häufig lachen wir viel, aber es sind auch manchmal ernstere Gespräche. Er hat ja auch einen speziellen Humor und macht gerne Wortspielchen.»

Am allerliebsten sitzt Deckarm mit Brand und seinen Weltmeistern von 1978 zusammen. Die treffen sich jedes Jahr vier Tage lang an Fronleichnam. Alle dürfen ihn «Jo» nennen. An der Wand in seiner Wohnung hängt die WM-Medaille. Einem Handball-Spiel heute zu folgen, das überfordert ihn - es ist zu schnell.

Auf die Frage, was ihm Kraft gibt, sagt Deckarm: «Die Vorstellung, dass ich allen ein Vorbild sein will.» Er stürze auch nicht in eine Krise, wenn er jetzt 60 werde. Wie er sich dabei fühle? «Keine Ahnung. Ich war ja noch nie 60», sagt er und grinst.