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Die jungen Angeklagten verdecken im Gerichtssaal ihre Gesichter. Foto: Zinken
Die jungen Angeklagten verdecken im Gerichtssaal ihre Gesichter. Foto: Zinken
10.05.2017

Jugendliche vor Gericht: Haben Sie den Obdachlosen angezündet?

Ob die Jugendlichen einen Obdachlosen angezündet haben, klärt jetzt ein Gericht. Fahrgäste retten den schlafenden Mann, dessen Rucksack schon brennt.

Es hätte auch schlimmer ausgehen können. Ein Obdachloser schläft in der Weihnachtsnacht in einem Berliner U-Bahnhof. Plötzlich brennt sein Rucksack. Fahrgäste retten den Wehrlosen. Sieben junge Männer stehen jetzt vor Gericht.

Berlin (dpa). Die Stimme des jungen Mannes mit den kurzen Haaren ist im Saal des Berliner Landgerichts kaum zu hören. Er soll seine Personalien angeben, eine Dolmetscherin übersetzt. „Ich kann Ihnen ja verraten, wo Sie gewohnt haben“, sagt Richterin Regina Alex am Dienstag zu dem 21-Jährigen, als der seine letzte Adresse nicht nennen kann. Der aus Syrien stammende Angeklagte ist der Hauptangeklagte in dem Prozess um die Feuerattacke gegen einen Obdachlosen in einem Berliner U-Bahnhof in der Weihnachtsnacht 2016, die ganz Deutschland entsetzte.

Sechs jungen Männern wird nun versuchter Mord vorgeworfen, einem siebten unterlassene Hilfeleistung. Zum Prozessauftakt hat sich noch keiner von ihnen geäußert, erste Aussagen vor der Jugendstrafkammer werden heute erwartet. Verteidiger Alexander Wendt kündigt eine Erklärung des 21-Jährigen für den Tag an.

Sein Mandant kämpft mit den Tränen, als die Anklage verlesen wird. Er wischt sich immer wieder die Augen, wird im Gesicht rotfleckig. Als könne er nicht fassen, was ihm da vorgeworfen wird: Heimtücke, Grausamkeit, um einen Menschen zu töten. Die Mitangeklagten bleiben eher regungslos.

Es war die Heilige Nacht, als nicht viele Leute in Berlin unterwegs waren, wie Ankläger Martin Glage in einer Prozesspause sagt. Die Angeklagten hätten sich wohl gelangweilt und „sind dann auf dumme Gedanken gekommen“. Dass dadurch kein Mensch starb, war laut Anklage wohl nur Fahrgästen zu verdanken, die aus der U-Bahn an der Kreuzberger Station Schönleinstraße kamen und die Flammen löschten.

Der schlafende Obdachlose lag auf einer Bank, als der 21-Jährige ein Taschentuch mit einem Feuerzeug angezündet und unmittelbar neben den Kopf des Schlafenden geworfen haben soll. Der lag mit einer Decke über dem Kopf auf seinem Rucksack, der in einer Plastiktüte steckte. Beides brannte schon. „Sekunden später hätte es zu einem großen Feuer kommen können“, sagt Staatsanwalt Glage. Das habe ein nachgestelltes Szenario bei den Ermittlungen bestätigt.

Der Ankläger findet klare Worte: Die 16- bis 21-Jährigen hätten billigend in Kauf genommen, dass der damals 37-Jährige Pole „qualvoll verbrennt“. Eine Tötungsabsicht hätten sie aber nicht gehabt.

Für den 21-Jährigen gilt das Erwachsenenstrafrecht. Auf versuchten Mord steht demnach eine Haftstrafe nicht unter drei Jahren. Die anderen können bei einem Schuldspruch mit einer Strafe nach dem milderen Jugendstrafrecht rechnen.

Als Flüchtlinge sollen die Angeklagten zwischen 2014 und 2016 nach Deutschland gekommen sein, fünf als alleinreisende Minderjährige. Sechs der sieben jungen Männer stammen aus Syrien, einer aus Libyen.