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Brechen/Berlin (dpa) - Wiegt ein tot geborenes Baby unter 500 Gramm, ist es kein Mensch, sondern: Abfall. Es wird dem Standesamt nicht angezeigt, muss nicht einmal bestattet werden. Eine betroffene Familie aus Hessen konnte das nicht ertragen - und kämpft mit Erfolg für eine Gesetzesänderung.
Kampf für würdigen Umgang mit «Sternenkindern» © Symbolbild: dpa
08.01.2013

Kampf für würdigen Umgang mit «Sternenkindern»

Brechen/Berlin (dpa) - Wäre das Schicksal nicht so grausam zu Barbara und Mario Martin gewesen, wäre das Ehepaar jetzt eine fünfköpfige Familie. Drei Kinder hat das Paar verloren - während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder wenige Stunden danach. Zwei Jungen und ein Mädchen, von denen es - juristisch gesehen - zwei nie gab. Denn sie wogen bei ihrem Tod weniger als 500 Gramm und waren: «Nichts?», «Ein Ding?», «Klinikmüll?»

Barbara Martin weiß bis heute nicht, was ihre drei Kinder eigentlich waren, für die Mühlen der deutschen Bürokratie. «Ein Menschenleben darf doch nicht nach Gramm definiert werden», sagt die 36-Jährige, die zusammen mit ihrem zwei Jahre älteren Mann einen Frisörsalon im hessischen Kreis Limburg betreibt. Seit Jahren kämpfen sie für einen würdigen Umgang mit diesen «Sternenkindern».

Auf der Gedenkseite, die die Martins im Internet für ihre toten Kinder eingerichtet haben, schildern sie schmerzhaft offen ihr dreifaches Leid. «Es ist grausam. Warum trifft es uns, so oft, so spät und so grausam??», notieren Sie über den Tag, als sie zum dritten Mal innerhalb eines Jahres ein totes Kind im Arm hielten.

Joseph-Lennard kam im November 2007 in Wiesbaden zur Welt, im siebten Schwangerschaftsmonat. Er wog weniger als 500 Gramm und lebte nur drei Stunden. Im folgenden Jahr erwarteten die Martins Zwillinge. Im September 2008 starb zuerst Tamino-Federico in der 21. Schwangerschaftswoche im Bauch seiner Mutter, er wog 290 Gramm. Seine Schwester Penelope-Wolke hielt drei Wochen länger durch. Sie wurde im Oktober 2008 geboren, 500 Gramm schwer. Sie lebte nur wenige Minuten.

Offziell wurden die Martins aber nicht dreimal, sondern nur einmal Eltern. Schuld ist Paragraph 31 des Personenstandsgesetzes. Darin ist festgelegt, dass Fehlgeburten ohne Lebenszeichen oder mit einem Gewicht unter 500 Gramm nicht beurkundet werden.

«Für uns waren diese Kinder real. Sie haben verdient, als wirkliche Kinder anerkannt zu werden und einen Platz nicht nur in unserem Herzen, sondern auch in unserem Stammbuch einzunehmen», begründen die Martins ihr Anliegen. «Unsere Kinder sind geboren - aber offiziell nicht existent. Das macht uns und auch andere Sterneneltern unendlich traurig.»

Das Paar sammelte Unterschriften für eine Petition; 40 000 Menschen haben sie unterschrieben. Bei Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) stießen sie auf offene Ohren. Das Thema sei der Ministerin «ein besonderes Anliegen», heißt es aus Berlin. Schon im Mai 2012 hat die Bundesregierung eine Änderung der Personenstandsverordnung beschlossenen. Nun muss der Gesetzentwurf nur noch durch den Bundestag.

«Damit soll eine Möglichkeit geschaffen werden, dass auch ein Kind, das mit einem Geburtsgewicht von unter 500 Gramm tot zur Welt kommt, dem Standesamt gegenüber angezeigt und die Geburt auf diese Weise dauerhaft dokumentiert werden kann», erklärt das Ministerium. Vermerkt würden Name, Geschlecht und Geburtstag des Kindes sowie Angaben zu Mutter und Vater. «Die vorgesehene Regelung enthält keine Beschränkung hinsichtlich Gewicht oder Anzahl der Schwangerschaftswochen.»

Dieser Kampf scheint gewonnen - aber die Martins haben schon das nächste Ziel im Auge: das Bestattungsrecht. «Es sollte dafür ein bundeseinheitliches Gesetz geben», findet Barbara Martin. Die drei Kinder der Martins ruhen im Grab ihrer Urgroßeltern.