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Kellnerin überlebt Zugunglück in Kanada dank einer Zigarette © dpa
10.07.2013

Kellnerin überlebt Zugunglück in Kanada dank einer Zigarette

Lac-Mégantic (dpa) - Maude Verreault verdankt ihr Leben einer Zigarette. Die 36-Jährige war Kellnerin in der Bar «Musi-Café» im Zentrum von Lac-Mégantic - jener kanadischen Kleinstadt, die nach der Explosion eines Tankzugs nun in Trümmern liegt. «Ich war auf der Terrasse und habe plötzlich ein unglaublich lautes Geräusch gehört», erzählt Verreault der Nachrichtenagentur dpa. «Ich drehte mich um und sah den Zug in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit auf uns zurasen. Dann schnellte ein Waggon in die Höhe und ich dachte mir: "Oh, etwas Schlimmes passiert gleich".»

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Verreault hatte gerade eine Zigarettenpause eingelegt, als der führerloser Zug mit 73 Kesselwagen voller Rohöl am Samstagmorgen in das 6000-Einwohner-Städtchen hinein raste und mit mehreren Feuerbällen explodierte. Die Gleise verlaufen nur einige Meter hinter der beliebten Bar.

«Ich rannte so schnell ich konnte, ich rannte bis mein Rücken nicht mehr brannte, denn hinter mir war es schrecklich heiß», berichtet Verreault. «Und als ich mich schließlich umdrehte, stand die Innenstadt völlig in Flammen.» Es gab viele Tote, mindestens 30 Gebäude wurden zerstört, rund 2000 Menschen mussten vorübergehend ihre Häuser verlassen. Noch immer gelten Dutzende als vermisst.

Die meisten von ihnen, glaubt Verreault, waren im «Musi-Café». «Es müssten etwa 40 bis 50 Menschen drinnen gewesen sein, als ich rausging, um eine Zigarette zu rauchen», sagt sie, während sie in einer Notunterkunft an einer Zigarette zieht. «Es gab Livemusik und die Leute sangen und tanzten.»

Auch Verreaults Freundin und Arbeitskollegin, die 35-jährige Karine Blanchette, überlebte die Katastrophe. Das «Musi-Café» sei ein angesagter Ort gewesen, erzählt Blanchette. «Es war mehr als ein Lokal für uns, es war unser zweites Zuhause. Wir waren wie eine Familie, wir kannten all unsere Gäste, sie haben ihre Leben mit uns geteilt», sagt sie. «Wir haben gute Freunde verloren.»

Blanchette, die nebenbei Schauspielerin ist, überlebte, weil sie vor der Bar keinen Parkplatz finden konnte, als sie nach einem Auftritt dort Freunde treffen wollte. «Ich sah einen großen Feuerball und dachte erst, dass eine Fabrik brennt», erzählt sie.

«Dann rief mich ein Freund auf dem Handy an und sagte, ich solle sofort die Stadt verlassen. Er sagte mir, das gesamte Stadtzentrum stehe in Flammen.» Blanchette dachte sofort an ihre Freunde. «Ich habe immer wieder die Nummer der Bar gewählt, aber die Leitung war ausgefallen.»

Verreault und Blanchette trafen in dieser Nacht noch aufeinander - und trotz Chaos und Gefahr entschieden die beiden Frauen zurück zu gehen. «Ich konnte nicht Zuhause sitzen, während meine Freunde bei lebendigem Leib verbrannten», sagt Blanchette. Doch die Hitze war zu intensiv und sie mussten umkehren. Verreault und Blanchette leben außerhalb der abgebrannten Innenstadt, aber sie kommen regelmäßig in die Notunterkunft, um zu helfen.

Sie müsse wohl akzeptieren, dass sie ihre Freunde nie mehr wieder sehen werde, sagt Blanchette. Um wieder ein normales Leben führen zu können, wünscht sich Verreault, dass die Gleise aus der Stadt verschwinden. «Ich möchte dieses verdammte Ding schmelzen und dort stattdessen ein Denkmal für meine Freunde bauen», sagt sie.