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Christliche Pfadfinder aus Braunschweig und Wolfenbüttel bei ihrer Ankunft zum Kirchentag vor dem Hauptbahnhof in Berlin
Christliche Pfadfinder aus Braunschweig und Wolfenbüttel bei ihrer Ankunft zum Kirchentag vor dem Hauptbahnhof in Berlin. Foto: Maurizio Gambarini
25.05.2017

Kirchentag zwischen Festlaune und Sinnsuche

Berlin (dpa) - Der Wettergott meint es am Ende doch gut mit Deutschlands Protestanten. Zwar ziehen immer wieder dunkle Wolken am Berliner Himmel auf. Doch pünktlich zur Eröffnung des Kirchentags schaut sogar hin und wieder die Sonne raus.In evangelischer Zuversicht hatten die Besucher gehofft, mit trockenen Füßen durch den Auftakt zu kommen. Ihre Füße werden die erwarteten 140.000 Teilnehmer noch brauchen: Zum Reformationsjubiläum bietet das Treffen an fünf Tagen ein Riesenprogramm zwischen Berliner Mitte und Messehallen - und am Sonntag dann noch einen Abschlussgottesdienst auf den Elbwiesen in Wittenberg, rund 100 Kilometer weit weg.

Es ist ein fröhlicher Start in das Kirchenfest - trotz umfangreicher Taschenkontrollen und Polizisten, die wegen der Terrorgefahr mit Maschinenpistolen patrouillieren. Bei dem fünftägigen Spektakel versichern sich Protestanten ihres Glaubens, wollen gemeinsam beten, diskutieren und feiern.

Gleich drei Gottesdienste unter freiem Himmel gibt es - 70.000 Besucher zählen die Veranstalter. Vor dem Reichstag singt der Chor «Du siehst mich», das biblische Kirchentagsmotto. Kabarettist Eckart von Hirschhausen fordert die Zuschauer auf, mit den Fingern vor einem Auge ein Fernrohr zu formen: «So werden wir gemeinsam zum Hingucker.» Das sei wichtig, gerade in einer Stadt wie Berlin, in der oft weggeschaut werde.

Ein halbes Jahrtausend, nachdem Martin Luther (1483-1536) seine Thesen gegen den Ablasshandel in der Kirche veröffentlichte und damit die Reformation auslöste, hat die Evangelische Kirche nach Berlin gerufen. Ausgerechnet nach Berlin - eine Multikulti-Stadt mit vielen Ungläubigen, in der Christen mit etwa einem Viertel in der Minderheit sind.

So schlägt dann auch die Generalsekretärin des Kirchentags, Ellen Überschär, einen kämpferischen Ton an, als sie davor warnt, «der Zurückdrängung des Christlichen aus einer falschen Neutralitätskorrektheit» nachzugeben. Der Protestantismus müsse vielmehr Farbe bekennen und dürfe sich nicht ins Private zurückziehen.

Tatsächlich sucht der Kirchentag die größtmögliche Aufmerksamkeit. Das Motto «Du sieht mich» soll Zuversicht verbreiten. «Wenn mich jemand ansieht, entsteht Verbindung», sagt Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au.

Mit der Einladung des früheren US-Präsidenten Barack Obama, der am Donnerstag am Brandenburger Tor als Gast erwartet wird, hat sich der Kirchentag einen Coup geleistet: Ob Flüchtlingskrise, Terror oder Klimawandel - der Mann aus Washington soll Botschafter der Hoffnung sein in unsicheren Zeiten.

Für Teilnehmer stehen zunächst andere Sorgen im Vordergrund. Im Strom der Menschen sticht Lydia hervor: Das hellgrüne Halstuch, Erkennungszeichen der 5000 Kirchentagshelfer, hat sich die 21-Jährige aus Hannover als Kopfschmuck um die kurzen blonden Haare gebunden. Wie Lydias Gruppe ziehen am Mittwoch viele Besucher vom Berliner Hauptbahnhof zu ihren Unterkünften, teils Schulen und Turnhallen. Christliche Pfadfinder aus Braunschweig und Wolfenbüttel rasen mit ihren Rollern über den Vorplatz des Berliner Hauptbahnhofs.

Auch Christine Döhling hat das grüne Tuch umgelegt. Die Diakonin, ein Pastor und eine Gruppe von 14- bis 21-Jährigen sind aus Hann. Münden angereist. Vor zwei Jahren war Döhling schon als Helferin beim Stuttgarter Kirchentag. Ihre Erwartungen sind hoch: «Wenig Schlaf, viel Spaß, Kontakt zu anderen Leuten, tolle Musik», schwärmt sie.

Carsten Thom ist mit seiner christlichen Pfadfindergruppe - «Alter von 16 bis nach oben offen» - aus Bremen zum ersten Helfereinsatz am Brandenburger Tor unterwegs. Wie bringe ich die Weltlage mit dem Glauben zusammen? Dazu erhofft sich der 53-Jährige Antworten.

Doch nicht alle sind begeistert: Eine Gruppe Jugendlicher schüttelt verwirrt lachend die Köpfe, als sie auf den Kirchentag angesprochen wird. Auch eine 62-Jährige aus Köln, zu Besuch bei ihrer Tochter, will davon nichts wissen. «Ich finde diese Kirchenheinis und ihr Tamtam völlig überflüssig», sagt sie. «Naja, irgendwas ist hier ja immer», sagt ihr Berliner Begleiter und zuckt mit den Schultern.