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04.04.2008

Kleine Fetzen Papier gespickt mit Wissen

Die Geschichte der Spickzettel begann schon im alten Rom. Heute benutzen Schüler Scanner, Drucker und Ultraviolett-Tusche, um für Klassenarbeiten gewappnet zu sein. Jene Schüler freilich, die in diesen Tagen über den Abitur-Klausuren brüten, sollten sich jedoch lieber auf ihr Gedächtnis verlassen. Werden sie mit Spickzetteln erwischt, ist das Abi futsch.

Klassenarbeit in Geschichte. Ein cleverer Schüler hat sich besonders gut vorbereitet, aufgeregt ist er nicht. Rechts neben sein Klausurblatt stellt der Junge eine Limoflasche. Die Lehrerfragen zur amerikanischen Politik in den 20er-Jahren sind offensichtlich kein Problem. Während der Schüler seine Antworten schreibt, schielt er immer wieder auf die Orangen-Limonade mit 30 Prozent Fruchtsaftgehalt.

Denn auf deren buntem Etikett stehen statt Fakten über Zuckergehalt und Geschmacksverstärker kurze Stichworte zur US-Historie, wenn auch mit Rechtschreibfehlern: „Ganz Amiland“, „Wirtschaftskrise wegen Liberalismus“, "Roosewelt schafft durch New-Deal Arbeit“.

Der Junge hatte das Original-Etikett eingescannt, dann geändert und farbig wieder ausgedruckt. Fast genial, zollt der pensionierte Lehrer Günter Hessenauer noch heute Respekt, denn kein Pädagoge „würde einen Schüler der Gefahr des Dehydrierens aussetzen“.

Die Brause-Pulle ist zweifelsohne das Highlight in der Spicker-Sammlung von Günter Hessenauer. In 40 Jahren täglichen Schuldienstes hortete der Nürnberger rund 5000 Exemplare – und nicht nur die klassischen, eng beschriebenen Zettelchen, die verzweifelte Prüflinge im Falle des Falles verängstigt aus Hosentasche, Rocksaum oder Federmappe zogen.

Kreativer war ein Schüler, der im Ziffernblatt seiner Armbanduhr eine Minirolle mit chemischen Formeln versteckte. Oder jemand, der in der hohlen Kugelschreiberhülle ein Blatt verbarg. Mehr als 600 papierene Betrügereien übergab Hessenauer in diesem Jahr Forschern an der Uni Nürnberg. Mittlerweile sind viele der Spicker im Schulmuseum der fränkischen Universitätsstadt zu sehen.

Schon vor mehr als 2000 Jahren misstrauten die Menschen ihrem vermeintlich löchrigen Gedächtnis. Philosophen und Geschichtsschreiber berichten über Schummeleien in den Schulen der alten Römer. Manche Archäologen glauben sogar, ausgegrabene, bekritzelte Scherben als die ersten Zeugnisse schwachen Gehirns identifiziert zu haben. Das Wort Spickzettel, so fanden Historiker heraus, stammt von der mittelalterlichen Tradition, „einen Braten zu spicken, damit er fetter wird, mehr Inhalt bekommt“, wie Annette Scheunpflug von der Nürnberger Fakultät für Erziehungswissenschaften sagt.

Im 20. Jahrhundert setzte die Hochphase der Schummelzettel an. Erst gab es den guten alten Spicker, winzig gefaltet, mit spitzem Stift verfasst. Im Nürnberger Schulmuseum liegen zwei Exemplare aus den Jahren 1927/28. Nicht wenig anders als deutsche Schüler 40 Jahre später versuchten damals Mädchen und Jungen mit neumodischen Füllern und zerlaufender Tinte ihre Lehrer zu überlisten.

Sie hatten dieselben Probleme, denn auf den vergilbten Dokumenten aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise stehen, wie nicht anders zu erwarten, vermaledeite Geschichtszahlen und verflixte Matheformeln. Heute regeln meterdicke Bücher das Schülerleben. Im Paragraf 21 der Allgemeinen Schulordnung haben vermeintlich praxiserfahrene Theoretiker im besten Amtsdeutsch vorgeschrieben, dass Lehrer bei „umfangreicher Täuschungshandlung die gesamte Leistung wie eine ungenügende Leistung“ zu bewerten haben. „Bei Unklarheit über den Umfang der Täuschungshandlung“, so heißt es weiter, „wird die Wiederholung der Arbeit angeordnet.“

Ahnungslose Pennäler finden im Internet alle Tricks und Kniffe der Profi-Abschreiber, auch aus längst vergangenen Tagen. Denn während über Zahlen und Vokabeln auf Radiergummis, Linealen und Federtaschen die Lehrer nur noch mitleidig lächeln, müssen sich die Pauker an von innen beschriftete Basecaps noch gewöhnen. Wenn der Lehrer allerdings etwas bemerkt, so warnen die Betreiber der Seite schoolunity.de bleibt für den Schüler kaum eine Möglichkeit, sich herauszureden.

Die unangefochtene Nummer eins der Spicker-Charts führt mittlerweile eine Geheimschrift an, die aus den Hogwarts-Laboren eines Harry Potter stammen könnte. Obwohl bereits in den späten 70er-Jahren im legendären westdeutschen Kindermagazin „Yps“ ein Gimmick mit unsichtbarer Tinte erschien.

Die Schüler schreiben die Prüfungsantworten, so schlagen die Insider im Netz vor, einfach auf ein leeres Blatt Papier. Mit einem scheinbar normalen Kugelschreiber, der eine UV-Diode eingebaut hat, die auf Knopfdruck leuchtet, „sieht man seine Aufzeichnungen“. Kommt der Lehrer, so der Tipp weiter, „UV-Diode aus, Kugelschreiber umdrehen und normal weiterschreiben“.

Trotzdem bleiben die traditionellen Zettelchen, mit mikroskopischer Genauigkeit auf Löschpapier, Taschentuch oder Linealrückseite gekritzelt, allemal handwerkliche Meisterstücke. Denn ein handgeschriebenes Exemplar ist „pädagogisch äußerst wertvoll“, sagt Hessenauer. Die Schüler komprimierten ihr Wissen. Genau das, was die Lehrer wollen.

Dabei lassen die Mädchen und Jungen in den Bänken nichts unversucht, um den Paukern an der Tafeln eins auszuwischen. Ob auf einer Zigarettenschachtel das halbe Strafgesetzbuch stand, Mini-Schriftrollen, auf Streichhölzer aufgerollt waren oder ein Prüfling für seine Religionsarbeit die Bibel zehnmal verkleinerte und ein Lilliput-Buch, zweimal so groß wie ein 1-Cent-Stück, schuf. „Der Mann war Vollprofi“, sagt Historiker Mathias Rösch. „Mit dem Trick hat er alle seine Prüfungen geschafft.“

„Das sind Kunstwerke“, staunt Pensionär Hessenauer respektvoll. Und wie viele Kunstwerke nicht in drei Minuten entstanden, sind auch die Spickzettel, so Hessenauer, „zeitaufwendiger als schlichtes Lernen.“
Jungen spicken mehr als Mädchen, sagt Hessenauer nach 40 Jahren Erfahrung an der Nürnberger Peter-Vischer Realschule, „vor allem in Geschichte und Geografie“. In den 60er-Jahren, so erinnert sich der Lehrer schmunzelnd, „schichteten die Banknachbarn in der 7. Klasse noch Büchertürme auf, um nicht abschreiben zu lassen“. Heute schummeln schon die Fünftklässler.

In seinem langjährigen Erzieherdasein hat Hessenauer seine eigenen Kategorien aufgestellt und längst seinen Frieden mit den Spickzetteln gemacht. Gut sei alles, sagt Hessenauer, „was mit Mühe angefertigt wird“.  Oliver Zelt