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Die Polizei untersucht das abgesperrte Areal um den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin am 20.12.2016. Bei einem möglichen Anschlag mit einem Lastwagen auf einem Weihnachtsmarkt sind nach Angaben der Feuerwehr mehrere Menschen getötet worden. Daneben gebe es rund 50 Verletzte. © dpa
Polizeibeamte stehen am 19.12.2016 in der Nähe der Gedächtniskirche in Berlin vor einem Lastwagen. Bei einem Anschlag mit einem Lastwagen auf einem Weihnachtsmarkt sind 12 Menschen getötet worden. Daneben gebe es rund 50 Verletzte, wie ein Feuerwehr-Sprecher in Berlin sagte. © Arcangelo Nashmi/dpa
19.12.2016

Lastwagen-Anschlag in Berlin war Terrorismus - Rätselraten um Täter und Motiv

Berlin. Nach einem der verheerendsten Anschläge in der bundesdeutschen Geschichte gehen Ermittler und Politik von einem terroristischen Hintergrund aus, rätseln aber über Motiv und Täter. Ein unmittelbar im Anschluss an die Bluttat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt festgenommener junger Mann - vermutlich Pakistaner - war womöglich doch nicht der gesuchte Terrorist. Daher sei noch offen, ob der Lastwagen-Anschlag mit mindestens zwölf Toten einen islamistischen Hintergrund hat, sagte Generalbundesanwalt Peter Frank am Dienstag. «Wir haben noch kein Bekennervideo.»

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Unklar war am Nachmittag auch, ob ein Täter oder mehrere am Werk waren. Nach dem Anschlag vom Montagabend sei der Täter womöglich noch auf freiem Fuß, sagte der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Holger Münch. Man sei «hochalarmiert». Aus dem Ziel und dem Vorgehen des Täters könne man auf ein islamistisches Motiv schließen, meinte Frank. Man müsse aber weiter in alle Richtungen ermitteln. Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt sagte, es sei möglich, dass der gefährliche Täter noch im Raum Berlin unterwegs sei. Die allgemeine Terrorgefahr sei aber bundesweit nun nicht größer als vor der Tat.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ging am Dienstagvormittag «nach jetzigen Stand» von einem Terroranschlag aus und äußerte sich zutiefst erschüttert. Ein ganzes Land sei in Trauer vereint. Merkel fügte hinzu: «Wir wollen nicht damit leben, dass uns die Angst vor dem Bösen lähmt. Auch wenn es in diesen Stunden schwerfällt: Wir werden die Kraft finden für das Leben, wie wir es in Deutschland leben wollen - frei, miteinander und offen.»

Am Montagabend war ein Mann mit einem vermutlich entführten Lastwagen in den Weihnachtsmarkt nahe der Gedächtniskirche im Herzen Berlins gerast. Zwölf Menschen starben, rund 50 wurden - oft lebensgefährlich - verletzt. Danach wurde ein 23 Jahre alter Mann festgenommen, der aus Pakistan kommen soll. Der Verdächtige stritt die Tat aber nach Ermittlerangaben ab.

Im Führerhaus des Lkw wurde nach Angaben aus Sicherheitskreisen blutverschmierte Kleidung gefunden - bei dem später in einiger Entfernung vom Tatort festgenommenen Verdächtigen dagegen nicht. Ob dies darauf hindeuten könnte, dass der Mann noch im Lkw die Kleidung gewechselt haben könnte, blieb zunächst unklar.

Bei dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt starb auch ein polnischer Lkw-Fahrer. Er lenkte nach bisherigen Erkenntnissen den Lkw, bevor dieser in die Hände des Mannes fiel, der dann mit dem Sattelschlepper in die Menschenmenge fuhr. Der Pole wurde erschossen.

Merkel dankte den Ermittlern, die dabei seien, «diese unselige Tat aufzuklären». Sie versprach: «Sie wird aufgeklärt werden - in jedem Detail, und sie wird bestraft werden, so hart es unsere Gesetze verlangen.» Nach ihren Worten wäre es besonders schwer zu ertragen, wenn der Täter tatsächlich in Deutschland um Schutz und Asyl gebeten hat. «Dies wäre besonders widerwärtig gegenüber den vielen, vielen Deutschen, die tagtäglich in der Flüchtlingshilfe engagiert sind und gegenüber den vielen Menschen, die unseren Schutz tatsächlich brauchen und die sich um Integration in unser Land bemühen.»

Innenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte: «Die Öffentlichkeit kann sich darauf verlassen, dass die zuständigen Sicherheitsbehörden nicht rasten und nicht ruhen werden, bis vollständige Klarheit über die Hintergründe dieser Tat besteht. Und ich persönlich werde nicht ruhen, bis der oder die Täter gefunden und einer gerechten und harten Strafe zugeführt worden sind.»

Der Anschlag ruft Erinnerungen an die Terrorattacke von Nizza im Juli wach: Dort waren 86 Menschen ums Leben gekommen, als ein Mann mit einem Lastwagen über die Uferpromenade der Mittelmeermetropole fuhr. Für den Anschlag hatte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die Verantwortung übernommen.

Nach dem Anschlag forderte CSU-Chef Horst Seehofer eine Überprüfung und Neujustierung der Flüchtlingspolitik. «Wir sind es den Opfern, den Betroffenen und der gesamten Bevölkerung schuldig, dass wir unsere gesamte Zuwanderungs- und Sicherheitspolitik überdenken und neu justieren», sagte der bayerische Ministerpräsident in München.

Bundespräsident Joachim Gauck beschwor den Zusammenhalt der freiheitlichen Gesellschaft. «Der Hass der Täter wird uns nicht zu Hass verführen. Er wird unser Miteinander nicht spalten», sagte das Staatsoberhaupt. «Unser Zusammenhalt wird nicht schwächer. Er wird stärker, wenn wir angegriffen werden.»

Die Weihnachtsmärkte in Deutschland sollen derweil weiter stattfinden. Die Innenminister von Bund und Ländern sprachen sich am Dienstag gegen eine Absage aus, teilte das Bundesinnenministerium nach einer Telefonschalte der Ressortchefs mit. Mehrere Bundesländer überdenken ihre Sicherheitskonzepte. Der Innenausschuss des Bundestags will am Mittwoch in einer Sondersitzung beraten.

Nach dem Anschlag müssen sich die Fußball-Bundesliga-Clubs und ihre Fans auf zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen einstellen. «Die Vereine sind sensibilisiert und treffen in enger Abstimmung mit den lokalen Netzwerkpartnern und insbesondere der Polizei möglicherweise erforderliche Zusatzmaßnahmen», sagte Hendrik Große Lefert, der Sicherheitsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Dies könnten intensivere Kontrollen oder verstärkte Ordner- und Polizeipräsenz sein.

Die Geschehnisse von Berlin im Überblick:

- Gegen 20 Uhr fährt ein Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt. Der Fahrer legt eine Strecke von 50 bis 80 Metern zurück, überfährt dabei viele Menschen und zerstört mehrere Marktbuden. Einen Unfall schließt die Polizei am frühen Dienstagmorgen aus und spricht von einem «vermutlich terroristischen Anschlag».

- Kurz nach Bekanntwerden des Vorfalls sagt ein Polizeisprecher, es handle sich vermutlich um einen Anschlag. Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagt in der Nacht, dass viel für einen Anschlag spreche.

- Ein Verdächtiger flüchtet und wird nahe der Siegessäule festgenommen. Auf dem Beifahrersitz wird ein toter Mann entdeckt, er starb laut Polizei vor Ort und ist polnischer Staatsbürger. Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei fuhr er den Lastwagen nicht in die Menschenmenge.

- Der festgenommene mutmaßliche Fahrer könnte nach Erkenntnissen aus Sicherheitskreisen ein Pakistaner oder Afghane sein. Er sei wohl als Flüchtling eingereist.

- Der Lastwagen der Marke Scania gehört einer polnischen Spedition und hatte Stahlkonstruktionen geladen.

- Der Lastwagen-Fahrer war laut Speditions-Eigentümer seit etwa 16 Uhr nicht mehr zu erreichen.

- Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe übernahm die Ermittlungen.

Die Polizei richtete eine Notfallnummer unter 030/54023111 ein, über die sich Angehörige informieren können.

 

 

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